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Samstag, 26. November 2022

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Olivia Vermeulen (Amanzio), Raffaele Pe (Anastasio), Kateryna Kasper (Arianna), Magnus Dietrich (Polidarte), Robin Johannsen (Leocasta), Komparserie, Copyright: Matthias Baus

Olivia Vermeulen (Amanzio), Raffaele Pe (Anastasio), Kateryna Kasper (Arianna), Magnus Dietrich (Polidarte), Robin Johannsen (Leocasta), Komparserie, © Matthias Baus

Vivaldis „Il Giustino“ an der Berliner Staatsoper

Glückssuche

Vor dreißig Jahren, anno 1992, gastierte René Jacobs erstmals an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Seit dieser Zeit hat er hier zahlreiche erlesene Barockopern-Produktionen dirigiert, hat Grauns „Cesare e Cleopatra“ Cavallis „La Calisto“, Scarlattis „Griselda“ oder Telemanns „Orpheus“ entdeckt. Es waren beglückende musikalische Erkundungen - meistens zusammen mit der Akademie für Alte Musik Berlin - und das ist bei der Jubiläums-Premiere, die die Barocktage 2022 eröffnet, nicht anders. Vivaldis „Il Giustino“ steht auf dem Programm, ein Debüt für Jacobs und ebenso für die Staatsoper.

Die Oper basiert auf einem historischen Hintergrund, dem Machtkampf am byzantinischen Hof zu Zeiten des Kaisers Anastasios und dem Aufstieg des einfachen Bauern Giustino zu seinem Nachfolger Justinian. Erzählt wird die Geschichte mit vielen unterhaltsamen Zutaten: den Heldentaten des Giustino, der die Kaiser-Schwester Leocasta erst vor einem Bären, dann vor einem Meeresungeheuer rettet und sie schließlich heiratet, dazu Verschwörungen und verwickelte Amouren, gesteuert von der Göttin Fortuna. 

Für die Aufführung hat Jacobs das Stück praxisorientiert eingerichtet und es von ursprünglich fünf auf drei Stunden gekürzt. Und er weiß genau, wie er die ausgewählten fünfunddreißig Nummern – in der Mehrzahl Arien – zur Wirkung bringt: wohl proportioniert und ganz organisch, kontrastreich und klangfarblich delikat abgestuft lässt der Dirigent musizieren. Dass er auch das Gesangsensemble beflügelt, ist da nur selbstverständlich. Man muss sie alle nennen, denn an vokaler Stilsicherheit, Koloraturgeläufigkeit und variabler Expression sind sie absolut ebenbürtig: die Sopranistinnen Kateryna Kasper, Robin Johannsen und Olivia Vermeulen, die Altistin Helena Rasker, den Tenor Siyabonga Maqungo und die Countertenöre Raffaele Pe und Christophe Dumaux.

Im Vergleich zur musikalischen Gestaltung ist die Inszenierung von Barbora Horáková kein solcher Wurf. Sie zeigt „Il Giustino“ als Theater auf dem Theater mit Verweisen auf historische Bühnenmaschinerien. Dafür hat Thilo Ulrich ein Stahlgerüst mit Holzverkleidung entworfen, an dem angedeutete barocke Kulissenteile und -prospekte mal hoch-, mal runtergezogen werden. Dazu dreht sich in der Mitte das beschädigte Rad der Fortuna. Als Auftakt lässt die Regisseurin eine Schulklasse auf die Bühne stürmen, die ein verkleinertes Modell der Szenerie bestaunt. Später mischen sich die Kinder regelmäßig ins aktionistische Geschehen ein, freilich nicht immer aus erkennbaren Gründen. Zu sehen gibt es eine Menge, angefangen von Eva-Maria Van Ackers wilden Kostümkreationen aus Antike und Fantasy bis hin zu Göttern, die auf Wattewolken sitzen. Doch bilden die zahlreichlich Einfälle - die Ironisierung der Figuren, das Spiel mit Identitäten und die vielschichtigen Konzeptideen, die Barbora Horáková im Programmheft-Interview erläutert - keine klare Kontur. Umso stärker genießt man die Ruhepole in der Musik: Giustinos von Blockflöten delikat begleitete Schlafarie, bei der Vivaldi eine Primavera-Passage aus den „Quattro stagioni“ zitiert, ist einer jener Wohlfühl-Momente, ein anderer sein Solo „Ho nel petto“, das nur von einem Psalterium – eine Art barocker Zither - begleitet wird und bei dem die Zeit still zu stehen scheint. Und wenn im Finale alle Mitwirkenden wunderbar gelöst die Ciaconna „Nach Wolken und Stürmen wird es endlich heiter“ singen, dann ist die Welt wenigstens während dieser lebhaften Melodie in Ordnung. Das Publikum reagiert darauf mit Standing Ovations.

Kritik von Karin Coper

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Il Giustino: Oper

Ort: Deutsche Staatsoper,

Mitwirkende: René Jacobs (Dirigent), Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Kateryna Kasper (Solist Gesang), Robin Johannsen (Solist Gesang), Olivia Vermeulen (Solist Gesang), Helene Rasker (Solist Gesang), Christophe Dumaux (Solist Gesang)

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