> > > > > 03.09.2022
Dienstag, 27. September 2022

Animation_KI_chasing waterfalls, Copyright: Hajo Rehm/studio-eigengrau.com

Animation_KI_chasing waterfalls, © Hajo Rehm/studio-eigengrau.com

Uraufführung „chasing waterfalls“ an der Semperoper Dresden

KI im traditionsreichen Opernhaus

Mit einer spektakulären Uraufführung von „chasing waterfalls“ hat die Semperoper Dresden zur Spielzeiteröffnung geladen. Erstmalig übernimmt eine künstliche Intelligenz (KI) einen Hauptcharakter, singt, komponiert, textet. Als kreative Köpfe agierte ein Künstlerkollektiv, der Dirigent der Aufführung und Komponist Angus Lee, phase 7 aus Berlin und das Studio for Sonic Experiences kling klang klong. In Zeiten, da andere Spielstätten auf erprobtes Repertoire setzen, um das Publikum zurückzuholen, ist „chasing waterfalls“ ein mutiges Wagnis und klares Bekenntnis zur Reflexion von Gegenwärtigem auf der Bühne. Das verdient größtmögliche Beachtung.

Science-fiction-Plot

Als Artificial Intelligence Oper bezeichnen die Schöpfer ihr bildgewaltiges Werk. Dafür stehen neben den für den Musikpart Verantwortlichen der Chefdramaturg und stellvertretende Intendant der Semperoper Dresden Johann Casimir Eule, der Regisseur Sven Sören Beyer und die Librettistin Christiane Neudecker.

Szene 0 und das Schlussbild zeigen den Blick durch die Webcam in einen privaten Raum. Zu sehen ist eine Frau, allein in der Wohnung, wirres Haar, unausgeschlafener Blick, labbriges Shirt über der bequemen Jogginghose. Unruhig läuft sie hin und her, setzt sich vor den schmalen Wandtisch, um ihr Notebook hochzufahren. Die Maschine verweigert den Zugang mit dem Hinweis „Not convinced you are not a robot. Please try again.“ Sie versucht es immer wieder, hackt auf der Tastatur, brüllt die Maschine an. Das wirkt. Sie ist im System.

Lernende KI

Maschinen denken nicht. Alles, was sie ausspucken, basiert auf Algorithmen, die auf Grund der Nutzung Verhalten simulieren. Aus diesem Nutzerprofil generieren KI-Funktionen ihre Entscheidungen. Da sich die Algorithmen ändern, kann die KI lernen. Die Frau mit dem Brüllgesicht entspricht dieser Veränderung, wird demnach als Face-ID akzeptiert. Das beherrschen KI-Funktionen auf Mobiltelefonen schon länger.

Menschliche Wahrnehmung von Maschinen

Menschen erkennen Roboter als solche, solange sie nicht wie Menschen aussehen. Doch in der Einsamkeit nimmt alles, was reagiert, menschliche Züge an. Das wirkt auch auf die Frau. Obwohl sie im System ist, empfindet sie die vorherige Ablehnung als Provokation. „Ich bin ich, bin ich nicht?“ brüllt sie den Bildschirm an und setzt damit den Dialog zwischen sich, dem realen Ich und der KI als virtuelles „Ich“ in Gang.

In den folgenden sieben Szenen treten sogenannte Digital twins auf. In der Wirtschaft werden diese bereits in einer virtuellen Welt als Produkttester eingesetzt. Auf der Bühne verkörpern sie Kind, Schein, Erfolg, Zweifel und Glück, um die selbstbestimmende Identität der Frau in Frage zu stellen. Sie propagieren unterschiedlichste Social Media Plattformen als einzig wahre Realität. „Mit uns bist du nie allein“, singen sie in allen Stimmlagen. In Szene fünf übernimmt die KI selbstbestimmt das Sagen. Am Ende grinst die Frau, jetzt top gestylt, in die Kamera. Was immer die KI oder die Digital Twins bei ihr auslösten, bleibt offen.

KI ersetzt Mensch

Zwischen Faszination und Angst schwankt der Mensch, wenn es um KI geht. Je besser sie wird, umso dringender stellt sich die Frage, ob sich die Menschheit selbst abschafft. Eine Zeit lang mag die norwegische Sopranistin Eir Inderhau in der Rolle der Frau/Reales Ich diese Frage erwogen haben, als sie die KI mit ihrer Stimme ausstattete. Beim Dresdner Experiment konnte man sich getrost zurücklehnen. An Textverständlichkeit, was auf kleinsten Geräten selbstverständlich ist, mangelte es der KI, blechern breitete sich ihr wenig inspirierter Gesang im Opernhaus aus.

Auch die Librettistin Christiane Neudecker stellte sich der Herausforderung. Für die fünfte Szene überließ sie der KI stellenweise das Texten, was vor jeder Aufführung jedoch auf die Zulässigkeit geprüft werden muss. Das Ergebnis war wenig überzeugend. Doch da der Prozess in jeder Aufführung immer wieder neu generiert wird, was jede Aufführung zum Unikat werden lässt, ist das Ergebnis nach allen Seiten offen.

Magische Momente

Sven Sören Beyer verwandelte die Bühne mit Videoprojektionsmapping und Lichtdesign in ein digitales Universum. Science fiction Phantasien von Computerwelten, die sich verselbständigen und dann doch technische Mängel aufweisen, wechseln mit durchaus magischen Momenten, die im Augenblick der Gleichzeitigkeit von Musik und visuellen Effekten entstehen.

Der 30-jährige Angus Lee ist am Premierenabend der Souverän am Pult im Orchestergraben vor einer versierten Kammermusiktruppe aus der Sächsischen Staatskapelle Dresden und in der Verbindung zu den Köpfen am Schaltpult. Er garantierte eine Übereinstimmung, die faszinierte und fesselte. Am Musiktheaterwerk selbst wirkte er als Co-Komponist mit, zuständig für den traditionellen Part im Stil jener Art neuer Opernmusik, die harmonische Melodiefragmente mit computergenerierten Klangstrukturen verknüpft, adaptiert aus einer Zeit, in welcher der Komponist, Flötist und Dirigent sprichwörtlich noch in seinen Kinderschuhen steckte. So finden klassische Opernelemente Eingang in das Werk, verknüpft oder überlagert durch elektro-akustische Klangereignisse des Studio for Sonic Experiences kling, klang, klong und KI-generierten Klangpassagen.

Trittsicher auf den nassen Treppenstufen und stimmlich ausdrucksvoll agierten die realen Sänger, neben Eir Inderhaug Tania Lorenzo, Jessica Harper, Sebastian Wartig, Simeon Esper und Julia Mintzer. In ihren silbrigen Phantasiekostümen von Pedro Richter erinnerten sie an eine Mischung aus Star Trek und vergleichbaren Sciences fiction-Adaptionen antiker Götter und Weltraumhelden.

Zukunft Musiker

Drei Aufführungen sind geplant, nach der Premiere noch am 8. und am 11. September in Dresden. Dann ist die Produktion in Hongkong im Rahmen des New Vision Arts Festivals im November 2022 zu erleben. Die Semperoper Dresden lädt zudem am 11. September zum Symposium, um zu diskutieren, inwieweit KI den kreativen Musiker ersetzen kann. So bewegt sich das Traditionshaus am Puls der Zeit und erreicht neues Publikum an. In diesen Zeiten existenziell. Bravo!

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Kritik von Christiane Franke

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