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Donnerstag, 29. September 2022

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Marianna Bednarska, Copyright: Yannick Andrea

Marianna Bednarska, © Yannick Andrea

Musik, Wahrheit und Lügen und 80 junge Musiker in den Alpen

37. Davos Festival

Noch bis einschließlich 20. August läuft das diesjährige „Davos Festival – Young Artists in Concert“ im ostschweizerischen Hochgebirgskurort: Und das bereits im 37. Jahr seit seiner Gründung. Die Atmosphäre ist beschaulich, das Ambiente luxuriös, die Programmgestaltung (zum Beispiel „Pseudonym“ oder „Les Liaisons Dangereuses“) ist teilweise sehr innovativ, man könnte auch sagen – leider – dem Zeitgeist verpflichtet. Das gefällt nicht jedem und so sind längst nicht alle großen Konzerte der ersten Festivaltage ausverkauft. Doch die Veranstalter bemühen sich redlich, haben an nahezu jeder Bushaltestelle im Ort in grellen Farben plakatiert. Schließlich lautet das Motto 2022 "Flunkern" und wer hat das noch nicht getan?

Künstler mit Rang und Namen sucht der Hörer vergebens

Es ist eher ein eingeschweißter Zirkel von Einheimischen unter den sich internationale Gäste mischen. Zu allem Pech gibt es auch seit einigen Jahren im Ortsteil Davos-Klosters noch das konkurrierende und teilweise zeitgleich stattfindende Klassik-Festival „Klosters Music“, bei dem klingendere Namen wie András Schiff, Arabella Steinbacher oder das Hagen Quartett aufspielen. All diese Künstler des internationalen Jetsets treten beim Davos-Festival leider nicht an: Hier begnügt der Veranstalter (die Stiftung Davos Festival mit ihrem quirligen und allzeit gegenwärtigen Präsidenten Matthias von Orelli) sich mit 20 Akademisten, meist Studenten, welche die sogenannte Davos Festival Camerata bilden (Leitung: Holly Hyun Choe). Dazu agieren rund 60 weitere junge angehende internationale Künstler, wobei streng auf Geschlechterparität geachtet wird. So will es der noch junge Schweizer Intendant Marco Amherd (*1988), der auch die Programmauswahl zusammenstellt. Sein Händchen ist dabei nicht immer ganz glücklich unterwegs: So drängt er dem Publikum des Eröffnungskonzerts „Alles nur geklaut“ ein eher sperriges Programm mit Bélá Bartóks Klaviersuite op.14, Michael Jarrells „Entlehnungen“ für Marimbaphon (Marianna Bednarska), Leoš Janáčeks erstes Streichquartett sowie Johanna Doderes „Piano Trio Nr. 2“ (Qurtetto Eos) auf und verzichtet auf die eigentlich obligatorische Konzertpause. Da benötigt das Publikum Sitzfleisch. Das kurzweiligste des Abends ist noch der humoristische Vortrag der Philosophin Katja Gentinetta, die in ihren Worten das Thema Täuschung bei Männern und Frauen beleuchtet, worüber nicht wenige der rund 240 Konzertbesucher schmunzeln. Leider verfügt der Konzertsaal im Kongress über keine den Ansprüchen des Festivals genügende Akustik.

Frau Barock im Kirchner Museum

Angenehmer zu goutieren war die exklusive Konzertmatinee Frau Barock im Museum am darauffolgenden Tag im renommierten Kirchner Museum Davos. Nach der fulminanten Eröffnung mit „Sequenza II“ für Harfe (Marika Cecilia Riedl) von Luciano Berio spielte die venezolanische Oboistin Natalia Auli Benjamin Brittens „Six Metamorphoses after Ovid“ op. 49. Für jede Miniatur wählte die Interpretin eine andere Ecke im Konzertsaal und machte so die Musik zum Raumerlebnis. Auli ist sehr professionell und färbte jedes Werk des Zyklus‘ auf ihre persönliche Art und Weise. Beliebtester Künstler an diesem Morgen war der schweizerische Cellist Samuel Niederhauser, der mit Johann Sebastian Bachs Suite Nr. 3 in C-Dur glänzte. Sein Ton ist schön, seine Technik frappierend. Alles in allem zeigte der neue Solocellist des Sinfonieorchesters Luzern eine moderne, von tänzerischen Fixpunkten getragene Interpretation, die ihm herzlichen Beifall einbrachte. Eine Trouvaille war auch das abschließend leider nur unvollständig in zwei von vier Sätzen präsentierte Trio für Violine, Violoncello und Harfe von Henriette Renié (1875-1956).

Überhaupt hatten es Marco Amherd die „ach so benachteiligten“ Komponistinnen angetan. Sicher gab es Zeiten, wo Komponieren ausschließlich eine Männerdomäne war und die Herren auch darauf achteten, das niemand in ihre Sphäre eindrang. Eine Fanny Mendelssohn, eine Clara Schumann hatten es viel schwerer als ihre viel berühmteren Brüder oder Männer, ihr Komponistendasein auszuüben. Was derzeit bei den Festivals landauf landab beobachtet werden kann, ist ein gezieltes Ausgraben, manchmal wohl nicht zu Unrecht vergessener komponierender Damen, wie nun im 3. Konzert „Pseudonym“ demonstriert. Dazu zählt Laura Netzels (1839-1927) „Suite für Flöte“ gleichermaßen wie Augusta Holmès „Trois petites pièces“ für Flöte und Klavier, die beide schwach komponiert sind und auf das Publikum einschläfernd wirkten, allenfalls noch fürs Kaffeehaus taugten.

Bratschenmusik von Rebecca Clarke

Bessere Musik ist selbstredend diejenige von Rebecca Clarke (1886-1979). Die in England geborene Tochter eines Amerikaners und einer Deutschen übersiedelte 1939 endgültig in die USA, nachdem sie dort schon einige Jahre zuvor gelebt hatte. Ihre Sonate für Viola und Klavier gehört zu den bedeutendsten des Genres Anfang des 20. Jahrhunderts, zu der das hier erklungene „Morpheus“ (1917/18) allerdings nur eine Vorstudie ist. Sào Soulez Larivières (Viola) Version war aufgrund seiner streckenweise beeinträchtigten Tonqualität leider nicht immer erste Güte. Auch Clarkes „Prelude, Allegro und Pastorale“ für die (zu) ausgefallene Besetzung Viola und Klarinette gehört ebenfalls nicht zu Clarkes stärksten Werken. Da stach schon Mel Bonis (eigentlich Mélanie Hélène Bonis, 1858-1937) Ausschnitt aus „Femmes de légende“ für Klavier hervor. Dieses hochromantisch daher kommende Werk – selbstbewusst vorgetragen von Julius Asal – schließt gedanklich nahtlos an Kompositionen von Chopin beziehungsweise Debussy an. Interessanterweise erfuhr der Konzertbesucher dank Max Mühlhoffs intensiv-sonorer Lesung auch etwas über das unglückliche Eheleben der Komponistin.

Allerdings waren Max Mühlhoffs Rezitationen nicht bei jedem Konzertprogramm der Musik dienlich, wie es im Programm „Les Liaisons Dangereuses“ zu erleben war. Schlüpfrige Thematik wie das „Fremdgehen“ und „erotische Begehren“ standen dort literarisch im Vordergrund der Lesung, bei denen der Schauspieler Zitate aus Choderlos de Laclos Briefroman „Les liaisons dangereuses“ las. Die „verrückte“ Musik des „Alkoholikers“ Anton Arenski, dessen wunderschönes Klaviertrio das Trio Incendio auftischte, passte dennoch sehr gut zum vorgetragenen Text. Virtuosität wie ein Hauch von Grandezza wehten da durch das Davoser Kongresszentrum, wobei die drei Künstler besonders harmonierten. Am Anfang hatte es frische französische Kammermusik von Pierre Sancan (Sonatine für Oboe und Klavier) und Jean Françaix‘ Trio für Oboe, Fagott und Klavier gegeben, wobei beide Werke nur so vor Heiterkeit und Witz strotzten.

Zwischendurch fügte sich ein barockes Werk mit doppeltem Boden ein: François Couperins „Pièces de clavecin“ 13ème ordre bestachen durch Klarheit und Elastizität in der Ausführung. Die junge und trotzdem schon erfahrene kanadische Pianistin Alice Burla vermochte ein philosophisches Ganzes aus den Einzelsätzen zu konstruieren, aus der sich der Hörer ein Abbild der französischen Liebesarten lebhaft ausmalen konnte. Mit Glenn Gould teilt sie nicht nur die Geburtsstadt Toronto, sondern auch dessen außerordentliche Ausdruckskraft am Klavier.

Flankiert wird das Davos Festival von Angeboten für's gemeine Publikum wie „Offenes Singen“ und verschiedene „Offenen Bühnen“ sowie dem Bildungsprogramm „Davos Festival macht Schule“ (Projektleiter: Arion Rudari), wobei die Schulen in Davos aktiv beteiligt werden, was die Auseinandersetzung der jungen Generation mit kulturellen Themen anregen soll. Auch werden die Einnahmen des bestbesuchten Festival-Konzerts an aus der Ukraine geflüchtete Musikstudenten gespendet, damit diese ihre Ausbildung an einer Schweizer Hochschule fortsetzen können. Eine generöse Idee!

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Kritik von Manuel Stangorra

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Detailinformationen zum Veranstalter Davos Festival young artists in concert

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