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Donnerstag, 8. Dezember 2022

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Nationaal Jeugdorkest, Copyright: Kai Bienert

Nationaal Jeugdorkest, © Kai Bienert

Das Nationaal Jeugdorkest in Berlin

Abschluss des Young-Euro-Classic-Festivals

Jetzt ist es also zu Ende gegangen, das Young-Euro-Classic-Festival im Berliner Konzerthaus. Zum Finale trat das Nationaal Jeugdorkest der Niederlande auf unter Dirigent Alexander Shelly – und präsentierte neben dem Bravourstück „Don Juan“ von Richard Strauss ein extrem populäres Werk, Mahlers Vierte in G-Dur sowie das Violinkonzert von Benjamin Britten.

Im Vergleich zu den anderen Ensembles aus aller Welt fiel mir auf, dass dieses niederländische Jugendorchester vor allem eins ist: sehr „weiß“. Als fänden in der Nachwuchsklassikwelt in unserem Nachbarland die Jugendlichen aus Familien mit marokkanischen, surinamischem oder sonstigem nicht-„weißem“ Hintergrund keinen Zugang zu den nötigen Ausbildungsplätzen und Engagements. Das erschien mir deshalb so bemerkenswert, weil sich das Jugendorchester der USA oder das Chineke-Orchester aus Großbritannien anders gezeigt hatten. Im Vergleich zu den beiden genannten Orchestern, bei denen die Musiker zudem sehr farbenfroh gekleidet aufs Podium kamen und somit auch optisch einen Akzent setzten, traten die jungen Niederländer komplett in Schwarz gekleidet auf. Was ein bisschen wie eine Trauerveranstaltung wirkte.

Die Musiker bewältigten die Strauss-Tondichtung ohne technische Schwierigkeiten, was schon einmal eine beachtliche Leistung ist. Aber sie spielten gleichzeitig wie auf Sparflamme. Da war selten Lust an großen Gesten zu spüren oder am brillanten Auftrumpfen. Da brodelte nichts und da war auch kein Geheimnis, wenn Strauss den nahenden Tod Don Juans in fahle Klangfarben taucht. Lag es am Dirigenten? Oder ist das die nüchternde holländische Art zu musizieren? Ich weiß es nicht.

Caroline Groen als Solistin produzierte mit dem Violin-Konzert von Britten schmachtende Töne, das Orchester unterstützte sie souverän. Ein bisschen mehr Extrovertiertheit hätte diesem d-Moll-Stück gut getan, mit dem der damals erst 26-jährige Komponist 1939 eine erste große Kostprobe seines Ausnahmetalents lieferte. (Übrigens: Seinen Lebenspartner Peter Pears im Programmheft als „Freund“ abzutun fand ich verblüffend, angesichts der Tatsache, welche Bedeutung Pears fürs Brittens Opern- und Liedschaffen hatte. Die beiden waren 1939, nach dem deutschen Überfall auf Polen, gemeinsam in die USA gegangen und zu dem Zeitpunkt seit sechs Monaten ein Paar.)

Nach der Pause: Mahlers wunderbar entspannte Symphonie, die vom Temperament her den jungen Musikern gut zu passen schien. Die Blechbläser beeindruckten mit blendender Disposition. (Die erste Hornistin wurden vom Publikum gefeiert.) Als echter Gestalter erwies sich Dirigent Shelley abermals nicht, aber er hielt das Orchester gut beisammen.

Als Shelley nach dem langsamen dritten Satz pausenlos ins Finale überging, musste die in leuchtendem Rot gekleidete Sopranistin Laetitia Gerards von der Seite durchs Orchester laufen, um bis zu ihrem Einsatz vorn an der Rampe zu stehen. Das wirkte sehr ungeschickt. Besonders, weil man ihren Gesang von den himmlischen Freuden auch gut von der Empore hinterm Orchester hätte kommen lassen können – ohne Auftrittsschwierigkeiten. Gerards verfügt über ein edles Timbre, mit klaren, leuchtenden Höhen. Aber es ist eine kleine Stimme, mit (noch) eingeschränkter Präsenz. Und: Sie singt den wunderbaren Text so unverständlich, dass man überhaupt nicht begreift, worum es eigentlich geht. Dadurch wirkt das Finale fast anonym. Und als reine Vokalise überflüssig.

Zugaben am Ende gab es keine, was auch neu ist im Kontext der anderen Konzerte.

Vor Beginn des Abschlusskonzerts wurde von RBB-Moderator Sascha Hingst als dem Paten des Abends der Europäische Kompositionspreise 2022 an Evrim Demirel übergeben. Der hatte die Jury mit der deutschen Erstaufführung seines Stückes „Ottoman Miniatures II“ überzeugt und erhält nun 5.000 Euro. Nachdem Demirel erfuhr, dass er der Preisträger sein wird, hatte er sich morgens in der Türkei auf den Weg zum Flughafen gemacht und war kurz entschlossen nach Berlin gereist. Die Freude und auch Leidenschaft, die er in seiner kurzen Rede auf Englisch vermittelte, hätte den niederländischen Musikern gut angestanden. Denn Klassik ist mehr als Routine. Und das hatten fast alle andern Orchester bei Young Euro Classic, die ich hören durfte, deutlich rübergebracht. Auch wenn sie technisch bei weitem nicht so souverän spielten wie das Nationaal Jeugdorkest.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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