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Sonntag, 29. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Dresden erinnert an den Maestro

Der Schatten Sinopolis

Die Palmsonntagskonzerte der Sächsischen Staatskapelle Dresden haben in Dresden eine fast 180jährige Tradition. Traditionell wirkt an ihnen auch der Staatsopernchor und in diesem Jahr außerdem der Dresdner Sinfoniechor e.V. mit. Ungewöhnlich war jedoch das Programm. Die Sinfoniekonzerte der Staatskapelle sind nicht gerade dafür bekannt, dass sich darin in größerer Menge zeitgenössische Musik finden würde. Doch diesmal hat man mit Werken von Arvo Pärt und Giuseppe Sinopoli, sowie schon populär zu nennenden Kompositionen von Francis Poulenc und Leonard Bernstein ein ungewöhnlich modernes Programm zusammengestellt, bei dem kein Werk älter als 47 Jahre alt war.

In memoriam Giuseppe Sinopoli

Man darf das durchaus als Referenz an Giuseppe Sinopoli verstehen, dem im April 2001 überraschend verstorbenen ehemaligen Chefdirigenten des Orchesters. Mit seinen Aufführungen von Musik des 20. Jahrhunderts hat er in den 1990er Jahren maßgebliche Akzente im Dresdner Musikleben gesetzt. Die Aufführung seiner knapp halbstündigen 2. Suite aus der 1981 in München uraufgeführten Oper ‚Lou Salomé’ markierte denn auch den Hauptakzent der beiden Konzertabende.

Sinopolis ‚Lou Salomé’, damals trotz eines gewissen Publikumserfolges von der Kritik zwiespältig aufgenommen, war auch der Endpunkt für den bis dahin erfolgreichen Komponisten Sinopoli, der sich danach neben diversen Studieninteressen vor allem dem Dirigieren widmete. Der Anfang der 80er Jahre einsetzende Erfolg, den er mit seinen als spektakulär aufgenommenen Dirigaten von Verdi- und Strauss-Opern feiern konnte, mag diese Entscheidung mit beeinflusst haben. Mir sei hier ausnahmsweise ein persönliches Wort gestattet, als jemand der am 10. Mai 1981 der Münchner Uraufführung von ‚Lou Salomé’ beigewohnt hat und damals von der virtuosen Inszenierung Götz Friedrichs und der intensiven Gestaltung Karen Armstrongs in der Titelpartie beeindruckt war. ‚Lou Salomé’, die biographische Stationenoper, die zwischen Lebenssituationen und intellektuellen Reflexionen hin- und herwandert, ist ein Stück, dass schon damals einen Endpunkt markierte. Mit dem monströsen Orchesterapparat, der ästhetisch und musikalisch bewussten Anknüpfung an die Tradition der ‚Zweite Wiener Schule’ und dem oft schwer verständlichen, ja unzugänglichen Libretto Karl Dietrich Gräwes, ist sie ein Produkt aus der Folge der Avantgarde der späten 1960er Jahre. Im Grunde war ‚Lou Salomé’ trotz ihrer Modernität schon bei ihrer Uraufführung unzeitgemäß geworden. Götz Friedrichs stark auf das Visuelle abzielende Inszenierung, vermochte das nur zu illustrieren, nicht aber zu thematisieren. Ein inszenatorischer Neuansatz aus heutiger Sicht könnte hier einiges ändern. Doch welcher Intendant wagt die Zweitaufführung eines so aufwendigen und anspruchsvollen Stückes, das sich nach der Uraufführungsserie als nicht lebensfähig erwiesen hat?

Die 2. Suite der Oper, die 1985 für New York entstand (und auch in einer Einspielung durch Sinopoli bei der Deutschen Grammophon vorliegt), machte in Dresden jedenfalls noch einmal die handwerkliche Qualität der Komposition deutlich. In den für die Suite ausgewählten sechs ‚Nummern’ vermeidet Sinopoli gar nicht erst die Anklänge an Alban Bergs Opern; derber Walzer, Passacaglia, Blasmusik, eine eigenes Orchester im Orchester (Bühnenmusik) und ähnliches mehr unterstützen die Assoziation deutlich. Doch das Bezugsspektrum ist weitaus größer und reicht mit den kontrastierenden, sich überlagernden Tanzrhythmen etwa bis zu Charles Ives oder im großen Ländler bis hin zu Gustav Mahler. Die Komposition erscheint wie eine Enzyklopädie der Musik der Moderne. Das verleiht ihr eine große Sinnlichkeit und emotionale Kraft. Bis hin zu dem die Suite beschließenden ‚Lied’ (eine Anspielung auf Lulu ‚Lied’ aus Bergs gleichnamiger Oper) ist das Werk eine Auseinandersetzung mit einer Avantgarde, die längst Tradition und Kanon geworden war.

Die Sächsische Staatskapelle ist für diese ästhetisch aufgefächerte und gestaffelte Klangsinnlichkeit ein ideales Orchester. Asher Fisch am Pult der Kapelle setzte so vor allem auf Präzision und Stimmbalance und vertraut zu Recht auf die Wirkung des Dresdner Klanges, der gerade in solch großen Besetzungen seine typische Kraft gewinnt. Dem vorausgegangenen, unaufgeregtem kleinen Stück von Arvo Pärt (‚Cantiques des degrés’ von 1999, revidiert 2002) setzte diese organisierte Klangorgie kompositorische Virtuosität und bestechende Wirkung entgegen. Ein gelungenes Plädoyer für den Komponisten Sinopoli. Nach der Pause gab folgten mit Poulencs populärem ‚Gloria’ (1961) und Bernsteins nicht minder publikumsfreundlichen ‚Chichester Psalms’ (1965) leichter zugängliche Werke, denen das Publikum in der Dresdner Semperoper – zumindest in der besuchten zweiten Aufführung - auch mit merklich mehr Konzentration begegneten. Asher Fisch erwies sich auch hier als souveräner Orchesterleiter, der vor allem um die Genauigkeit des Dargebotenen bemüht ist. Die Ergründung von schillernden Klangfarben Poulencs war nicht unbedingt sein erklärtes Ziel an diesem Abend. Eine deutliche eigene Lesart zwang der den Werken nicht auf, überließ sie dem Fluss des Geschehens und vertraute auf ihre Wirkung. Mit den wieder hervorragend studierten Chören und der Dresdner Staatskapelle entstehen da keine Probleme. Rebecca Evans lieh dem ‚Gloria’ ihren leuchtenden Sopran, der besonders in den feinen Pianoabstufungen beeindruckte (und schnell vergessen ließ, dass ihr für das ‚Lied’ der ‚Lou Salomé’-Suite die Tragfähigkeit im tiefen Register gefehlt hatte). Und Clemens Meusel aus dem Dresdner Kreuzchor präsentierte sich mit sicherem Knabenalt in den ‚Chichester Psalms’.

Ein insgesamt hervorragendes Konzert aus dem vor allem der Komponist Sinopoli in Erinnerung bleiben wird. Und was könnte es schöneres geben in einem Konzerprogramm, das mit ‚In memoriam Giuseppe Sinopoli’ überschrieben war?

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Kritik von Uwe Schneider



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9. Sinfoniekonzert - Asher Fish: Pärt, Sinopoli, Poulenc, Bernstein

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Arvo Pärt, Leonard Bernstein, Francis Poulenc, Giuseppe Sinopoli

Mitwirkende: Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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