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Samstag, 10. Dezember 2022

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Chineke! Junior Orchestra, Dirigentin Glass Marcano, Copyright: Kai Bienert

Chineke! Junior Orchestra, Dirigentin Glass Marcano, © Kai Bienert

Das britische Chineke Junior Orchestra in Berlin

Tschaikowsky als Musik von People of Color?

Ja, das kann man bemerkenswert finden: Da kommt das Chineke Junior Orchestra aus Großbritannien zu Young Euro Classic nach Berlin ins Konzerthaus, um Musik von sogenannten „PoC“ zu präsentieren (People of Color: gemeint sind alle, die als „nicht-weiß“ gesehen werden) und um diese Musik mit jungen PoC aufzuführen. Da kann man im Programmheft lesen, dass deshalb „die arrivierten Großmeister wie Beethoven, Strauss und Mahler“ fehlen.

Und so gab es bei diesem - von der aus Venezuela stammenden PoC-Dirigentin Glass Marcano - außergewöhnlich engagiert geleiteten Abend die „Othello Suite“ op. 79 (1909) des Komponisten Samuel Coleridge-Taylor (1875-1912) zu höhren. Dessen Vater stammte aus Sierra Leone und und studierte als einer der wenigen schwarzen Komponisten im viktorianischen England an der Royal Academy of Music. Er wurde als farbiger Musiker, der Lieder und Spirituals von Schwarzen sammelte (so wie Brahms deutsche Volkslieder sammelte, Dvořak böhmische oder Batrok ungarische Volksweisen), später von US-Präsident Roosevelt ins Weiße Haus eingeladen. Coleridge-Taylor starb früh, mit nur 37 Jahren, an einer Lungenentzündung.

Neben seiner fünfsätzigen „Othello“-Suite gab es die gleichfalls fünfsätzige „Caribbean Suite“ mit dem Titel „Callaloo“ des 1978 geborenen Komponisten Stewart Goodyear, der als Sohn einer Mutter aus Trinidad und eines britischen Vaters in Kanada geboren wurde. Dieser „Shootingstar der Klassikszene“ (O-Ton Programmheft) orientiert sich deutlich am eklektischen Stilmix Leonard Bernsteins und würtz seine Klänge mit exotischem Schlagwerk und Rhythmen, die zum Tanzen einladen.

Tja, und dann folgte nach der Pause die 4. Symphonie von Tschaikowsky. Da fragt man sich: Was hat die Musik dieses „weißen alten Mannes“ in diesem PoC-Konzert zu suchen? Die Patin des Konzerts, Schauspielerin Meike Droste, versuchte das in ihrer Anmoderation wie einen Ausrutscher zu entschuldigen, als seien die Chineke-Verantwortlichen einfach nicht konsequent gewesen.

Doch das ist mitnichten der Fall. Denn beim Thema PoC geht es um Ausgrenzung von Menschen aufgrund von allen möglichen Faktoren. Hauptsächlich Hautfarbe bzw. ethnische Herkunft, aber gerade in diesem Bereich wird stark „intersektional“ gedacht und Mehrfachdiskriminierung mitgedacht. Denn eine schwarze Frau erlebt andere Diskriminierung(en) als ein schwarzer Mann, eine schwarze homosexuelle Frau oder ein schwarzer homosexueller Mann erlebt auch andere Diskriminierungen als ein schwarzer Heterosexueller. Und wenn man noch körperliche Behinderungen, Alter, Wohlstand, Bildung, Religion usw. dazurechnet, wird schnell klar: Ausgrenzung hat viele Facetten, die sich oft überlagern.

Zwar war Tschaikowsky in vielerlei Hinsicht durchaus „privilegiert“ (wie es neudeutsch so schön heißt), aber als homosexueller Mann in der russischen Gesellschaft wusste er nur zu gut, dass er Teile seines Lebens verstecken musste. Weil es zu sozialem und karrieretechnischem Ruin führen würden, wenn seine Liebe zu Männern bekannt würde, von der er seinem Bruder Modest ausführlich in Briefen schreibt.

Die f-Moll-Symphonie komponierte Tschaikowsky, nachdem er seine Schülerin Antonia Milukowa geheiratet hatte, um Gerüchte um seine Sexualität zum Verstummen zu bringen und um den äußerlichen Schein von Heteronormativität zu wahren. Das ging bekanntlich spektakulär schief. Tschaikowsky hatte einen Nervenzusammenbruch, ließ sich wieder scheiden. Und kleidete seine seelische Verzweiflung in Musik. Bei der Eröffnungsfanfare der Blechbläser in der 4. Symphonie ahnt man schon, wohin diese Schicksalsreise gehen wird – und wenn er sein synkopiertes Hauptthema entfesselt, dann reißt es den Hörer fast wie ein Strudel mit in den Abgrund. Aber: Tschaikowsky schreibt hier auch geniale Selbstbehauptungsmusik. Die am Ende optimistisch mit einer alles überrumpelnden Schlusskurve die Seelenschmerzen vergessen lässt. (Also sehr anders als die berühmte „Symphonie Pathétique“.)

Dass das Chineke Orchestra an solch einem Abend Tschaikowsky zusammen mit Coleridge-Taylor und Goodyear spielt, ist beachtlich. Dass im Programmheft auf die Homosexualität des Komponisten eingegangen wird ist es ebenfalls.

Es ist auch wichtig, weil hier die PoC-Musiker aus Großbritannien, mit Familien, die aus dem gesamten Commonwealth kommen, mit der Ausgrenzung eines schwulen Mannes konfrontiert werden. Wir erinnern uns: Vor zwei Wochen marschierte Sportstar Tom Daley bei den Commonwealth Games in Birmingham mit einer Gruppe LGBT-Sportlern ein und schwenkte Pride-Fahnen. Die Athleten aus Nigeria, Jamaika, Indien, Simbabwe, Trinidad und Uganda wollten vor einem Milliardenpublikum daran erinnern, dass ihre Rechte nicht überall so fortschrittlich sind wie in Großbritannien selbst. Auch in aktuellen Jugendromanen wie „The Black Flamingo“ von Dean Atta wird darauf eingegangen, dass religiös-konservative Überzeugungen in einigen afro-britischen Familien das Leben für nicht-heterosexuelle Menschen sehr schwer machen und sie teils zu genau den Scheinehen (und Nervenzusammenbrüchen) führen, die Tschaikowsky im 19. Jahrhundert erlebte.

Dirigentin Glass Marcano leitete die Tschaikowsky-Symphonie wie eine Feldherrin mit absoluter Souveränität und ließ die Musik durch sich hindurch in den Saal fließen. Das war ungemein kommunikativ. Und weil die Musiker im Alter von 12 bis 22 teils auf leicht verstimmten Instrumenten spielten und einige der exponierten Blechbläserpassagen merklich quietschten, hörte man hier einen Tschaikowsky ohne Oberflächenpolitur, einen, dessen Seelenschreie wirklich als „Schrei“ vernehmbar waren. Dabei spielten die Musiker – alle! – mit einer Leidenschaftlichkeit, die großen Effekt machte.

Zuvor hatten sie sich genauso leidenschaftlich für Coleridge-Taylor ins Zeug gelegt, dessen „Othello“-Musik nach Shakespeare unbedingt das Kennenlernen lohnt. Neben dem wunderbar-elegischen Weidenlied (mit Solo-Trompete) imponierte der finale Militärmarsch, der an Elgars „Pomp & Circumstance“ gemahnt, aber eine ganz eigene Note hat.

Die eigene Note fehlte mir bei Goodyears „Caribbean Suite“ etwas, weil das Vorbild Bernstein zu oft zu deutlich durchschimmerte, und ich dann doch lieber gleich Bernstein im Original höre. Allerdings war der letzte Satz „Soca“ von mitreißender Wucht und Freude. Als Solist hörte man den russischen Pianisten afrikanischer Herkunft: Gerard Aimontche, der u.a. am Tschaikowsky-Konservatorium studierte.

Dass überhaupt russische Künstler und Komponisten hier nicht „gecancelt“ wurden, wie das anderswo geschah und im Fall von Tschaikowsky weltweit für Diskussionen sorgte, ist ebenfalls begrüßenswert. Von den Chineke-Programmierern wird auf die Widersprüchlichkeit bei den Diskussionen rund um Russland, Ausgrenzung, Rassismus im Klassikbetrieb usw. bewusst hingewiesen. Und das ist gut so, weil es auch die Musik in Spannungskontexte setzt, die sie spannender zu hören macht.

Das Orchester tritt demnächst auch in Hamburg in der Elbphilharmonie auf. Vielleicht überdenkt Patin Meike Droste bis dahin nochmal ihre pauschalisierenden Äußerungen zu weißen alten Männern, falls sie überhaupt noch einmal als Moderatorin dabei ist. Auf alle Fälle lohnt das Konzert den wiederholten Besuch – und Glass Marcano, die derzeit ihr Dirigierstudium in Paris fortsetzt, lohnt es ebenfalls im Blick zu behalten. Sie ist ein großes Zukunftstalent!

Übrigens: Es gibt durchaus Diskussionen, dass Beethoven eine Person of Color war, so dass vielleicht demnächst doch eine entsprechende Beethoven-Komposition bei Chineke auftaucht. Die Kontextualisierung wäre für den sehr weißen und extrem traditionellen Klassikbetrieb in Deutschland eine Bereicherung, finde ich.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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