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Donnerstag, 6. Oktober 2022

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National Youth Orchestra of the USA mit Dirigent Daniel Harding, Copyright: Kai Bienert MUTESOUVENIR

National Youth Orchestra of the USA mit Dirigent Daniel Harding, © Kai Bienert MUTESOUVENIR

Das National Youth Orchestra of the USA in Berlin

Young Euro Classic: Triumpf mit „E.T.”

Also, jetzt mal ehrlich: Wer hatte nur diese dumme Idee, 17-jährige Musiker auf die 5. Symphonie von Mahler loszulassen und auf das Cellokonzert von Elgar? Das National Youth Orchestra of the USA bewies zur festlichen Eröffnung der 23. Ausgabe von Young Euro Classic im Berliner Konzerthaus, dass sie das mit jugendlicher Hingabe spielen können, ohne einen Kollateralschaden zu verursachen (obwohl’s bei Mahler schon ein paar kräftige Dellen im Blech gab). Aber wirklich anfangen konnten die smarten Kids in knallroten Hosen, dunklen Sakkos und mit Turnschuhen mit dieser Musik (hörbar) nicht wirklich etwas.

Darum ist es hier angebrachter, das ganze Event von hinten auszurollen. Denn nach den Reden der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) und vom Vorsitzenden des Deutschen Freundeskreises europäischer Jugendorchester, Willi Steul, die beiden auch die amerikanische Botschafterin und viel Politprominenz begrüßten, nach der amüsanten kurzen „Young Euro Classic“-Festivalhymne von Iván Fischer (2011) und nach dem offiziellen „Pflichtprogramm“ mit Elgar und Mahler unter Dirigent Daniel Harding, kam endlich das, was den Abend wirklich außergewöhnlich macht. Denn als Zugabe spielten die US-Musiker John Williams „Abendteuer von E.T. auf Erden“.

Da war schon vom ersten synkopierten Triller der Geigen an klar, dass die Post abgehen würde. Und dass sich hier eine Spielfreude explosionsartig Luft machte, die vorher fehlte. Das war Musik, bei der echte Funken übersprangen. Das ohnehin schon applaudierfreudige Publikum tickte aus. Und völlig zurecht. Denn hier hatten alle miteinander Spaß – sogar Harding schien plötzlich etwas Leben zu zeigen, statt sich nur darum zu bemühen, alles irgendwie zusammenzuhalten.

So sehr Mahler die jungen Blechbläser überforderte (speziell den armen 1. Trompeter, der schon in den Eröffnungstakten Schiffbruch erlitt, was direkt herzerwärmend komisch war), so innig spielten die üppig besetzen Streicher das berühmte Adagietto. Und wenn Mahler von den Geigen maximale Brillanz fordert, dann lieferten diese jungen Erwachsenen diese auch. Das war imposant.

Beim Elgar hat das Orchester ja nicht wirklich viel zu tun. Das Stück steht und fällt mit dem Solisten. Und wenn dieser aus seinem Part nicht ein leidenschaftliches Elementarerlebnis macht, dann sackt das Stück schnell in sich zusammen – oder plätschert vor sich hin. Was – für meine Ohren – hier passierte. Der Cello-Ton von Alisa Weilerstein („40 Jahre jung“, wie’s im Programmheft heißt) ist einfach nicht groß genug, um in den Kracherpassagen Eindruck zu machen. Mag sein, dass sie auf Tonträger besser klingt (sie hat das Konzert mit Barenboim aufgenommen), live im Saal leistete sie keine Überzeugungsarbeit.

Die vielen jugendlichen Zuschauer ließen sich davon allerdings nicht stören und lauschten im ausverkauften Saal gebannt. Und hochkonzentriert. Bis dann eben der Williams kam. Und alles auf eine andere Ebene hob.

Ich muss gestehen, dass mir selbst bei der großen aufsteigenden Geigenmelodie – dem „Flying Theme“ aus „E.T.“ – warm um's Herz wurde. Weil diese Musik so genial orchestriert ist und so viele Erinnerungen weckt. Was zuletzt die Wiener und Berliner Philharmoniker mit ihren supererfolgreichen John-Williams-Alben erlebt haben, die sich zu Verkaufsschlagern entwickelten.

Vermutlich ist es gut, dass das National Youth Orchestra of the USA kein reines John-Williams-Programm gespielt hat. Das wäre vielleicht zu „platt“? Und eventuell wollten sie bewusst europäische Klassiker präsentieren, statt Werke von US-Komponisten, um sich für den Weltmarkt als künftigem Arbeitsplatz vorzubereiten?

Gerade weil das Orchester selbst so phänomenal divers durchmischt ist, wäre es naheliegend gewesen, eine der kürzlich wiederentdeckten weiblichen afro-amerikanischen Komponistinnen zu spielen, sagen wir 'mal Florence Price. Oder jemand anderen, der nicht zu den „alten weißen toten Männern“ gehört.

Aber, es sollte nicht sein. Und so rettete John Williams als alter weißer noch lebender Mann den Abend. Obwohl er keine wirkliche Rettung brauchte. Weil er sowieso Freude bereitete mit der Musikzierleidenschaft dieser Nachwuchskünstler. Aber mit „E.T.“ verließ man doch anders das Konzerthaus als mit Mahlers 5., egal wie „giocoso“ das Rondo-Finale daherkam.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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