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Montag, 8. August 2022

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Ukrainian Freedom Orchestra, Sonderkonzert Young Euro Classic, Copyright: Kai Bienert Mutesouvenir

Ukrainian Freedom Orchestra, Sonderkonzert Young Euro Classic, © Kai Bienert Mutesouvenir

Ein Stück klingende Exilkultur in der Hauptstadt

Ukrainer auf Freiheitstournee

Zum Auftakt der sommerlichen Young Euro Classics im Berliner Konzerthaus gab’s in diesem Jahr etwas Besonderes: Das Ukrainian Freedom Orchestra legte im Rahmen seiner Welttournee in der Hauptstadt einen Stopp ein. Die Musiker wollen mit ihren Konzerten Spenden für ihre Heimat sammeln und geben mit ihrem Auftritt zugleich einen Eindruck, wie das Klassikleben in der Ukraine eigentlich aussieht bzw. einmal aussah. Der Klangkörper besteht aus geflüchteten Musikern aus den Opernorchestern in Kiew, Lwiw, Charkin und Odessa. Viele davon sind junge Männer, die unter den gegenwärtigen Umständen das Land eigentlich nicht verlassen dürften – wegen der Wehrpflicht für alle Männer über 18. Präsident Selenskyj schickt im Programmheft ein Grußwort mit und betont, wie wichtig Kultur in diesem Krieg Russlands gegen die Ukraine sei – denn, so Selenskyj, mit dem Überfall solle auch die Kultur des Landes ausradiert werden. Was spielt man an solch einem Abend?

Auf dem Programm steht als Auftakt in Berlin wie anderswo der ukrainische Komponist Valentin Sylvestrov (geboren 1937). Dieser habe zu Sowjetzeiten eine „unangepasste Kunst“ verfolgt, erfährt man im Programmheft und sei nun vor dem Kriegsgeschehen nach Berlin geflüchtet. Dort wurde nun seine Symphonie Nr. 7 aus dem Jahr 2003 zu Gehör gebracht. Ein seltsames Werk, das mit seinen brutal niederknallenden Eingangsakkorden auf ein düsteres Seelenszenario hindeutet, mit Dissonanzen geschärft, dann aber plötzlich in einen „Easy Listening“-Modus umschaltet, um wie die schönste (schmalzige) Filmmusik mit Harfen, Geigen und Klavier eine Melodie zu präsentieren, die aus einem Herzschmerz-Netflix-Film stammen könnte. Und die – ausgekoppelt – den ganzen Tag bei Klassikradio laufen könnte. Ob man so etwas mag oder nicht ist Geschmackssache. Und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Da mit diesem stets wiederkehrenden „Liebesthema“ nicht viel passiert, kompositorisch, ist zumindest bei mir das Interesse irgendwann erlahmt. Allerdings empfand ich es als interessant, hier eine „zeitgenössische Musik“ zu hören, die näher an dem dran ist, was in den USA in dem Bereich passiert, als was man in Deutschland als Gegenwartsmusik fördert und aufführt. Am Ende gab es „Atemgeräusche“, mit denen die einsätzige Symphonie scheinbar ihr Leben aushaucht. Das hatte, angesichts der äußeren politischen Umstände, etwas Gespenstisches. Ersterbendes. Beeindruckendes.

Die kanadisch-ukrainische Dirigentin Keri-Lynn Wilson, die die Idee zu diesem improvisierten Orchester und der Tournee hatte, leitete das Stück souverän, aber ohne erkennbare Anteilnahme. Was die Wirkung deutlich bremste. Das gilt auch für die weiteren Stücke des Abends. Denn Chopins wunderbares Klavierkonzert Nr. 2 mit dem Larghetto in As-Dur, in dem der Komponist nach eigener Aussage seine tiefen Liebesgefühle für seinen Jugendfreund Tytus einfing, rauschte hier etwas pauschal vorbei. Die Streicher im Ukrainian Freedom Orchestra können zwar durchaus mit sehr warmem und vollem Ton aufwarten, und sowohl Blech- als auch Holzbläser sind exzellent, aber Wilson schien nicht wirklich an Differenzierung und Nuancierung interessiert zu sein. Und so wirkte der Klang „pauschal“, mit wenig Licht und Schatten.

Am Klavier passte sich die junge Anna Fedorova (1990 in Kiew geboren) dieser Interpretation an. Ich habe das Konzert schön mit verspielteren Klanggirlanden gehört, wo der Wechsel zwischen Melodie und Verzierung klarer herausgearbeitet war. Fedorova spielte souverän, aber man merkte ihr bei den Bravourpassagen die Arbeit an, wo andere Weltklassepianisten den Eindruck vermitteln, sie würden das alles quasi improvisierend aus dem Ärmel schütteln.

Chopin war – wie uns das Programmheft erinnert – aus seiner vom russischen Zaren unterdrückten Heimat weggegangen und nie zurückgekehrt. Dass hier nun ein Stück des berühmtesten schwulen Komponisten Polens auf dem Programm stand, den offizielle Stellen in Polen nicht als solchen wahrhaben wollen, noch dazu mit dem „Larghetto für Tytus“, kann man angesichts der schwierigen LGBT-Lage in der Ukraine bemerkenswert finden. Besonders weil Präsident Wolodymyr Selenskyj sich diese Woche öffentlich für die eingetragene Partnerschaft von gleichgeschlechtlichen Paaren in seinem Land stark machte – gegen Widerstände in der eigenen konservativen Gesellschaft. Aber er betonte, eine Demokratie müsse gleiche Rechte für alle sicherstellen. Man könnte fragen, ob das Ukrainian Freedom Orchestra mit dem Chopin indirekt darauf verweisen wollte?

Nach der Pause folgte die Leonoren-Arie aus Beethovens „Fidelio“: „Abscheulicher! Wo eilst du hin?“ Der Bezug zu Putin und dem Angriffskrieg liegt hier auf der Hand. Und der Text – „Komm, Hoffnung, lass den letzten Stern der Müden nicht erbleichen!“ bzw. „Die Liebe, sie wird's erreichen“ und „Ich wanke nicht“ – passt natürlich perfekt zum Kontext. Allerdings sang die ebenfalls in Kiew geborene Sopranistin Liudmyla Monastyrska so textundeutlich, dass man das Gefühl haben konnte, einer Vokalise zu lauschen. Zwar waren die Töne imposant und die vertrackten Läufe und Spitzentöne machten Monastyrska keinerlei Schwierigkeiten. Zudem produzierte sie mit ihrem hochdramastischen Organ zwischendurch berückende Piani. Aber sie verschenkte wirklich jede emotionale Wirkung, die diese Arie in einer gelungenen Gestaltung entfalten kann.

Zum Abschluss dann die 4. Symphonie in e-Moll von Johannes Brahms. Hier legten sich die Streicher mächtig ins Zeug, aber vor allem brillierten die Holzbläser, speziell der phänomenale Solo-Flötist, der am Ende Sonderapplaus erhielt. Auch die Hornisten lieferten Glanzleistungen ab. Aber: Wie schon erwähnt, Dirigentin Wilson schien nicht daran interessiert, klare Akzente zu setzen und klangliche Überraschungen zu bieten, die Brahms durchaus komponiert hat. (Und mit denen andere Dirigenten Brahms sehr viel moderner klingen lassen als hier.)

Trotzdem: Der ausverkaufte Saal mit vielen geladenen Gästen klatschte immer wieder, auch zwischen den Sätzen, um seiner Begeisterung Luft zu machen. Am Schluss, bei lang anhaltendem Applaus, kamen alle Solistin in ukrainische Flaggen gehüllt auf die Bühne. Und dann gab es als Zugabe – während das Publikum genauso wie das Orchester stand – die ukrainische Nationalhymne in einem Streicherarrangement. Das klang so berückend, als sei es ebenfalls aus einem Filmsoundtrack, genial arrangiert, dass man nicht müde wurde, zuzuhören. Dabei demonstrierte der Konzertmeister mit seinen Solopassagen eine Traurigkeit und eine Eingängigkeit, von der die Sylvestrov-Komposition am Beginn des Abends weit entfernt war. Nachdem diese Zugabe vorbei war, nahm die Dirigentin ihren Konzertmeister an der Hand und verabschiedete sich vom Publikum. Ein singulär betroffenmachender Moment.

Im Programmheft finden sich Hinweise, wo und wie man spenden kann, um die Ukraine zu unterstützen. Interessanterweise waren beim Konzert keine prominenten Politiker im Zuschauerraum zu sehen – ich hätte gedacht, dass sich da in Zeiten wie diesen doch die ein oder andere Persönlichkeit sehen ließe, um auch im Kultursektor Unterstützung zum Ausdruck zu bringen.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Ukrainian Freedom Orchestra: Young Euro Classic 2022

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Frédéric Chopin, Johannes Brahms

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