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Donnerstag, 8. Dezember 2022

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Szenenphoto Lohengrin, Copyright: Enrico Nawrath

Szenenphoto Lohengrin, © Enrico Nawrath

Zum letzten Mal ist der „Rauch-Lohengrin“ in Bayreuth zu erleben. Zum ersten Mal machen sich in der Kinderoper Bayreuth zwei Detektive auf die Suche nach Elsas entführtem Bruder.

Lohengrün, Schwanenblau

Wozu Dirigenten wirklich gebraucht werden, das kann man nirgendwo besser studieren als in Bayreuth. So geschehen am Donnerstag nachmittag in der Derniere des sogenannten „Rauch-Lohengrin“– der letzten Premiere der letzten Wiederaufnahme-Saison, die diese 2018 von dem Leipziger Maler Neo Rauch und seiner Künstlergattin Rosa Loy in die Welt gesetzten Produktion erleben darf. Danach ist sie abgespielt. Es dirigierte, damals wie heute, Christian Thielemann. Man erkennt ihn sofort.

Nur unter Thielemanns Händen wird bewegte Luft so greifbar und gegenwärtig. Ja, die Welt des Gral ist haptisch präsent, kaum, dass der erste Ton erklungen ist. Zärtlich, wie aus weiter Ferne, schwebt das Vorspiel herein und blüht auf, im A-Dur-Flageolett der Violinen, in den hohen Bläsern. Und da sitzen wir also kurz nach sechzehn Uhr plötzlich alle elektrisiert und kerzengerade auf unseren harten Klappsitzkanten. Endlich angekommen in Bayreuth!

Von den jüngeren Kollegen Poschner und Meister haben wir im „Tristan“ und „Ring“ zwar schon mittelprächtiges bis gutes Kapellmeistermusizieren gehört. Es gab schöne Stellen, man muß zufrieden sein. Doch für die ganze Bandbreite der zauberischen Wagnerschen Klangreden wird doch ein Dirigent wie Thielemann gebraucht; einer, der das Festspielorchester nuancenreich führen, dynamisch auflodern und feurig fließen lassen kann; einer, der rauschhaft kriegerisch modellierte Fanfarensäulen aufbaut, große Bögen bildet, betörend weiche Mischfarben der Chöre freilegt und auf eine fein dosierte Binnendynamik in den Akzenten Wert legt. Und: der mit den Sängern atmet, sie herausfordernd, zugleich auf Rosen bettend.

Nur noch Georg Zeppenfeld (als Heinrich der Vogeler) und Petra Lang (als Ortrud) sind übrig geblieben vom ursprünglichen Cast. Letztere führt wieder ihr gewaltiges Volumen vor, doch ist die Artikulation unschärfer geworden, das Timbre säuerlich.  Zeppenfeld, der in diesem Jahr bereits als Marke im „Tristan“ und als Hunding in „Walküre“ mit Präsenz, Belkantowohlklang und klarer Aussprache glänzte, wird mit dem Daland im „Fliegenden Holländer“ insgesamt vier Hauptrollen des diesjährigen Bayreuthsommers verkörpern. Auch Klaus Florian Vogt hat man schon anderweitig in hervorragender Form erlebt, als Siegmund in der "Walküre". In der Partie des Lohengrin schlägt er alle Rekorde, selbst die eigenen. Seine Markenzeichen: eine jünglingshaft naive Attacke, die weißglühende Intensität in der Mittellage, verbunden mit weicher Zurücknahme im Ansatz und selbstverständlich unversiegbarer Kraft in der Höhe. Camilla Nylund als blass-lyrische Elsa, Martin Gantner als grob-dröhnender Telramund haben Mühe, daneben zu bestehen. Herausragend indes: die famose Fanfarenstimme von Derek Weltons Heerrufer.

Zum Szenischen ist das Wichtigste wohl schon mehrfach gesagt worden. Neo Rauchs „Lohengrin“-Lesart mit den mittelalterlichen Insektenmenschen, die vom Strom abhängig sind und im Nebel durch mannshohe Weizenfelder streifen, hat ihren ganz eigenen eskapistischen Charme. Selbst das grasgrüne Ampelmännchen, das als neuer Herzog von Brabant die Chose am Ende ins Surreale kippt, wirkt in der von Klimakrise und Ukrainekrieg bedrohten Wohlstands-Gegenwart plötzlich seltsam aktuell – so, wie Rauchs Visionen damals poetisch-prophetisch anmuteten, zugleich tieftraurig und hoffnungslos traumverloren. Zu Recht gilt der „Rauch-Lohengrin“ also jetzt schon als eine Legende. Er ist so etwas wie der probate Kontrapunkt zu dem knackig glasklaren, ironiestarken „Neuenfels-Lohengrin“ von 2012, der ihm zeitlich vorausgegangen war.

Beides gibt es inzwischen auch auf DVD/Bluray – bei DG und Opus Arte, jeweils in entsprechender Premierenbesetzung. Diese beiden epochemachenden Bayreuther „Lohengrine“, der nietzscheblaue und der rattenscharfe, gehören in jeden Haushalt – empfehlenswert als Kurpackung gegen die nächste Novemberdepression, für einen Abend auf der Couch. Auch diverse Bayreuther Kinderopern gibt es auf DVD, für alle Fälle. Sicher, Kinder sollten noch keine Antidepressiva nehmen. Aber eine Kurpackung Wagner, live gesungen von echten Opernsängern und teils großen Bayreuther Stimmen,gespielt von einem professionellen Orchester, das sollte man ihnen schon ab und zu zumuten. Es hat sich bewährt. Zur Zeit ist auf der Probebühne in Bayreuth die zweite „Lohengrin“-Kinderoper zu erleben seit Gründung dieses Pilotprojekts, musikalisch bearbeitet von Marko Zdralek, dirigiert von Azis Sadikovic, inszeniert von Lea Willeke.

Es geht um eine zünftige Kriminalgeschichte, ausgemalt in den Farben blau und orange – als kleiner Gruß an Neo Rauch. Gottfried, Bruder von Elsa, ist gekidnappt worden – evtl. ein kleiner Gruß an den neuen „Ring“. Zwei Detektive im Preußenlook – ein gewisser Herr Rufer (oder auch Heerrufer, eine Sprechrolle, verkörpert von dem kleinwüchsigen Schauspieler Manni Laudenbach, der bereits genial im „Tannhäuser“ brilliert und diesmal, im „Lohengrin“, sogar singt) sowie König Heinrich der Vogeler (Oleksandr Pushniak) nehmen die Ermittlungen auf.

Hoch oben über den taubenblauen Dächern der Stadt, zwischen Terrasse, Wintergarten und Schornstein, geht pünktlich während des Vorspiels zum butterweichen Hörnereinsatz des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt der Mond auf. Während die kesse, sturmstarke Elsa (Brit-Tone Müllertz, ansonsten als  Ortlinden-Walküre im "Ring" zu erleben) romantisch in Träumen schwelgt, schwenkt Hexe Ortrud (Stéphanie Müther) im lohengrünen Ganzkörperkondom den Zauberstab ihrer Taschenlampe. Tja. Und schon ist aus einem Kind ein Kugelblitz und aus dem Kugelblitz ein Comic-Schwan geworden, der über die Fassaden schwimmt. Bis dieser Fall dann gelöst ist und der Schwan wieder zum Kind wird, werden etliche starke Arien nötig und Ensembles. Und: viel befreiendes, befreites Gelächter.

Kritik von Dr. Eleonore Büning

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Lohengrin I : (Derniere) plus: neuer Kinderoperlohengrin

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Christian Thielemann (Dirigent), Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt (Orchester), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Petra Lang (Solist Gesang), Klaus Florian Vogt (Solist Gesang), Camilla Nylund (Solist Gesang), Martin Gantner (Solist Gesang)

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