> > > > > 25.05.2022
Montag, 6. Februar 2023

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Taylor Mac - A 24-decade history of music, Copyright: Thor Brodreskift

Taylor Mac - A 24-decade history of music, © Thor Brodreskift

Das Bergen Festival 2022

Auf dem Weg zu neuen Ufern

Es gibt viele Gründe nach Bergen zu reisen. Die zweitgrößte Stadt Norwegens, malerisch an der Westküste gelegen und auch Tor zu den Fjorden genannt, bietet eine Menge für ihre Gäste. Hier starten die berühmten Postschiffe der Hurtigrouten zum Nordkap, hier kann man das zum Weltkulturerbe der Unesco gehörende restaurierte Hafenviertel Bryggen und den Wohnsitz von Edvard Grieg besichtigen oder die Küste und die gebirgige Umgebung erwandern. Das ganze Jahr ist für Abwechslung gesorgt, von Ende Mai bis Anfang Juni aber ist Bergen Anziehungspunkt für Kulturinteressierte. In diesem gut zweiwöchigen Zeitraum finden die Internationalen Festspiele statt, das größte Mehrspartenfestival im Norden Europas. 1953 gegründet, feierte man 2022 den 70. Jahrgang.

Neuer Intendant

Doch gerade die Jubiläumsausgabe ist nicht ungetrübt, im Vorfeld hat sie mit Personalien hinter den Kulissen zu kämpfen. Intendant Anders Beyer, der die Geschicke fast zehn Jahre gelenkt und geprägt hatte, musste im Herbst 2021 aufgrund von Machtmissbrauchs-Vorwürfen zurücktreten. Zum neuen Leiter wurde der Komponist, Dozent und Autor Lars Petter Hagen mit einem Vierjahresvertrag berufen. Er trat erst am 1. Mai den Posten an, trägt also für das Programm noch keine Verantwortung. Das besteht aus einem bunten Querschnitt aus Hochkultur, Populärem und alternativer Kunst. Die Spannbreite reicht von klassischer Musik und Schauspiel über zeitgenössischen Tanz bis zu Ethno-Pop und Kindertheater, flankiert von Ausstellungen und vertiefenden Gesprächen mit Mitwirkenden.

Veranstaltungen

Die Eröffnung in der Grieghalle, dem modernen Konzertsaal Bergens, steht im Zeichen von Diversität. Wer könnte sie grandioser feiern als Taylor Mac, der 2020 mit dem internationalen Ibsen-Preis ausgezeichnete amerikanische Kultperformer? Seine Show „A 24-decade history of popular music“ ist ein auf Minderheiten bezogener Trip durch die Popgeschichte, mehr noch: ein Gesamtkunstwerk aus Musik, spektakulären Kostümen, Publikumsanimation und Kommentaren zu Rassismus, Queerness und aktuellem Weltgeschehen. Für Bergen entwickelte Mac eine zweistündige Fassung mit großem Orchester, für das das Philharmonische Orchester Bergen den opulenten Sound liefert. Im denkbar stärksten Kontrast zu Macs überbordendem Happening steht am folgenden Tag die Intimität des Recitals von Lise Davidsen und Leif Ove Andsnes. Beide sind so etwas wie norwegische Ikonen der Kunst, erkennbar am komplett ausverkauften Haus. Die Sopranistin, mit 35 Jahren im jugendlich-dramatischen Opernfach bereits ein Star, überzeugt auch in der kleinen Vokalform. Ihre raumfüllende, in der Höhe jubelnde Stimme findet für die Lieder von Strauss, Wagner und Grieg eine Palette an klangfarblichen und dynamischen Schattierungen. Als Partner der Luxusklasse begegnet ihr Leif Ove Andnes auf gleicher Höhe – sensibel in der Begleitung, tramverloren und feinsinnig in den solistischen Klavierpassagen. Der Pianist kümmert sich in Bergen auch um den Nachwuchs, im Kulturzentrum Rekstensamlingene gibt er einen Meisterkurs. 

Noch einen Abend später durchzieht beim norwegischen Publikumsrenner „The Mute – a silent love story“ ein Hauch von Varieté die Grieghalle. Erzählt wird kaum mehr als eine alltägliche Liebes- und Ehegeschichte in Rückblenden, jedoch in origineller Verpackung. Vor einer Leinwand in Herzform inszeniert Autor und Hauptdarsteller Christian Eriksen ein stummes Theater aus Mimik, Slapstick und Pantomime. Die expressive Körpersprache der drei Mitwirkenden, unterstrichen durch Janove Ottensens illustrative, life gespielte Filmmusik, hat etwas Magisches an sich und erinnert tatsächlich an frühen Kintopp.

Kultur für alle

Die großen Events konzentrieren sich auf die Grieghalle und das Nationaltheater, wo das Zürcher Gastspiel von Christoph Marthalers „Das Wähnen“ mit der Eigenproduktion von Ibsens „Lille Eyolf“ konkurriert. Kleinere Formate hingegen verteilen sich auf Spielstätten quer durch die Stadt. Wer etwa Stille und Einkehr, auch Spiritualität sucht, findet sie bei Konzerten in den Håkonshallen, dem archaischen Königssaal der Festung, und der mittelalterlichen Domkirche. Hier treten verschiedene Chöre auf, im Gepäck jeweils eine klug dosierte Mischung aus Klassischem und Zeitgenössischem.

Doch das Bergen-Festival will nicht nur für eine Elite da sein. Deshalb gibt es auf der Fußgängermeile Torgallmenningen Kultur gratis. So kann man beim Flanieren beispielsweise Benedicte Maurseth lauschen, die mit der Hardangerfiedel für norwegische Folklore wirbt. Oder in einer begehbaren, farbig changierenden Installation Mathilde Caeyers bei ihrem Solotanz „LuxTempus“ zusehen. Und als Highlight die Extremschau „Quadro“ der italienischen Gruppe eVenti Verticale bestaunen. Sie präsentiert atemberaubende Luftartistik von vier Akrobatinnen auf einer beweglichen Bühne hoch über der Erde.

Abseits vom Zentrum, aber künstlerisch auf der Höhe: das Fyllingsdalen Teater mit Zappzarapp vom Circus Balance

Eine nicht minder faszinierende Zirkusvariante ist im Fyllingsdalen Theater zu erleben. Das von außen unscheinbare Gebäude, seit fast 50 Jahren eine der wichtigsten Kulturinstitutionen für Kinder und Jugendliche der Stadt, beherbergt auch die 2019 gegründete Schule Circus Balance. Die stellt im Rahmen des Festivals ihre erste professionelle Produktion vor. „Zappzarapp“ heißt die so phantasievolle wie poetische Show der vierköpfigen Truppe. Viel steckt in ihr drin: wechselnde Kunststücke, mit Sentiment und Humor gewürzte Aktionen und darin eingebettet eine kleine Romanze – mithin generationsübergreifend verzaubernd. 

Ausblick

Die nächste Saison wird in der Hand von Lars Petter Hagen liegen. Konkrete Pläne für 2023 verrät der Intendant zwar noch nicht, doch eines ist klar: Egal welche Schwerpunkte er setzen wird, der Mix aus Tradition und Innovation soll erhalten bleiben. Genauso wie es gilt, die beschauliche Atmosphäre, eine der Reize des Festivals, als Gegenpol zum hektischen Alltag zu bewahren. 

Kritik von Karin Coper

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