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Samstag, 26. November 2022

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Christian Thielemann (Archivbild), Copyright: Matthias Creutziger

Christian Thielemann (Archivbild), © Matthias Creutziger

Die Sächsische Staatskapelle Dresden in der Hamburger Elbphilharmonie

Starker Ersatz

Leere Ränge in der Elbphilharmonie sind ein seltener Anblick, doch an diesem Mittwochabend war der Große Saal höchstens halb gefüllt. Ob es am Ausfall Christian Thielemanns und der damit verbundenen Programmänderung beim Auftritt der renommierten Sächsischen Staatskapelle Dresden lag, immerhin ein Orchester von Weltrang? Aus Anton Bruckners Fünfter Sinfonie wurden Ludwig van Beethovens Violinkonzert und die Erste Sinfonie von Johannes Brahms. Zugegeben ein recht altbackener Ersatz. Vielleicht lag es aber auch an der Trägheit der Abonnenten, die lieber zu Hause blieben? Oder etwa doch an der Auftaktniederlage der DFB-Elf gegen die Fußballnation Japan?

So oder so verpassten die Ferngebliebenen gleich zu Anfang einen kurzen Aufreger, der es über Presseagenturen sogar in die meinungsmachenden Medien und überregionalen Schlagzeilen schaffen sollte. Gerade als der Dirigent Tugan Sokhiev und die Solistin Julia Fischer für das Beethoven-Konzert die Bühne betraten, klebten sich zwei junge Klima-Aktivisten an der Lehne des Dirigentenpultes fest. Was die beiden sagen wollten, ging jedoch im auf der Stelle losbrechenden Sturm aus Buhs unter, der in seiner Heftigkeit dann doch etwas erstaunte. Julia Fischer schien noch die Einzige zu sein, die zumindest zugehört hätte. Irgendwie wirkte das Ganze wie ein Loriot-Sketch aus dem 21. Jahrhundert, zumal sich die Lehne ganz einfach anheben ließ und die beiden Aktivisten mehr oder weniger unverrichteter Dinge schon nach wenigen Augenblicken wieder aus dem Saal bugsiert wurden. Der gesamte Vorfall dauerte nicht mehr als zwei Minuten.

Musik gab es auch noch, und auch wenn die Klangästhetik der Sächsischen Staatskappelle Dresden unter dem ohne Taktstock dirigierenden Tugan Sokhiev eher traditionellen Zuschnitts war, wusste allein die Klarheit der Streicher im D-Dur-Konzert zu begeistern, aus der Julia Fischers feurig luftiger Vortrag als prima inter pares spielend herausragte. Auf ihrer Guadagnini spielte die Capell-Virtuosin der Dresdner mit wohl dosiertem Vibrato, deren Klang sich vor allem in der an Doppelgriffen reichen Kadenz des Kopfsatzes entfaltete. Zudem stand die gebürtige Münchnerin permanent mit dem Orchester im Dialog, in das sie mitunter regelrecht ‚hineinspielte‘. Wie gut man sich versteht, zeigte auch die Zugabe in Form der fetzigen „Passacaglia“ von Johan Halvorsen, die sie zusammen mit dem ersten Cellisten zum Besten gab.

Nach der Pause erklang die c-Moll-Sinfonie von Johannes Brahms dann offenbar weitgehend auf Autopilot, was dank des Spitzenniveaus der Dresdner Staatskapelle immer noch mehr als genug war. Unter dem gestisch lockenden Sokhiev wurden Rubati weitgehend vermieden, sodass alles wie aus einer gleichförmigen Bewegung heraus klang. Ein wenig erinnerte das an Riccardo Chaillys historisch informierten Ansatz, der jedoch kammerorchestral daherkommt. Unter Sokhiev hingegen schöpfte man mit ganzer Kraft aus der vollen Besetzung und bot ein hohes Maß an Expressivität. Erwartungsgemäß zu den Höhepunkten gehörten das grandiose Horn-Solo im Finale und der satt dunkle Streicherklang, den man sich am liebsten an die Wand hängen würde. Eine tänzerisch duftige Zugabe beschloss dieses rundum überzeugende Ersatzprogramm, das in mehr als einer Hinsicht die Erwartungen übertraf.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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