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Mittwoch, 30. November 2022

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Vikingur Olafsson, Copyright: Ari Magg

Vikingur Olafsson, © Ari Magg

Bychkov dirigiert Schostakowitsch

Erschütterungen

Eine einsame Englischhorn-Klage in hoher Lage, die klingt wie ein vom metallenen Orchestertutti verwundetes Individuum. Doch es kommt keine Rettung. Stattdessen brandet das unbarmherzige Schlagwerk ein letztes Mal auf, umwölkt von grollenden tiefen Streichern und beißenden Posaunen. Alles wird hinweggefegt. Und über allem die final gellenden Glockenschläge, die nur noch mehr vom Schrecken der russischen Geschichte und vor allem von Stalins Terror künden. Sind es Alarmglocken oder Totenglocken oder vielleicht beides zugleich? Was am Ende in Dmitri Schostakowitsch Sinfonie Nr. 11 wirkt wie der Ausdruck militärisch faschistischen Terrors, soll mit voller Absicht ein klingendes Bild der Schreckensherrschaft sein. Vordergründig eine musikalische Schilderung des Sankt Petersburger „Blutsonntags“ vom 9. Januar 1905, zielt Schostakowitschs Viersätzer jedoch versteckt  auf den gewaltsam niedergeschlagenen ungarischen Volksaufstand von 1956 durch die sowjetischen Streitkräfte. Und in der Gegenwart des Jahres 2022? Im Programmheft des Konzerts mit der Tschechischen Philharmonie unter seinem Chefdirigenten Semyon Bychkov im Großen Saal der Elbphilharmonie liest sich, dass Schostakowitsch mit der Sinfonie Nr. 11 die „Wiederholbarkeit“ der russischen Geschichte aufzeigen wollte. Was hätte der ein Leben lang unter Unterdrückung leidende Schostakowitsch wohl zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine gesagt? Zu den russischen Raketen auf Babyn Jar, dem er in seiner 13. Sinfonie ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. Wir wissen es nicht, doch ganz sicher würde er mit dem in Sankt Petersburg geborenen Semyon Bychkov, der 1975 aus politischen Gründen in die USA emigrierte, von einem „Kelch der Missetaten“ sprechen, der übergelaufen war. Und tatsächlich war es schier unmöglich, die aktuellen Implikationen dieser Musik zu überhören. Dies zumal unter Bychkow die Tschechiche Philharmonie zu Hochform auflief und die ohrenbetäubenden musikalischen Auswüchse mit schreckenerregender Klarheit zum Ausdruck brachte. Schon im in sich kreisenden Anfangsadagio aus statischen Streicherflächen, Trompetensignalen und Volksliedzitaten steckte so viel fahle Düsternis, dass es einem eiskalt den Rücken hinunterlief. In den schnellen Sätzen hingegen entfesselten vor allem die virtuos zu Werke gehenden Streicher eine geradezu hypnotische Sogwirkung, die mit einer expressiven Drastik im Tutti einherging, wie sie bei Schostakowitsch verpflichtend ist. Das klingende Ergebnis war ein ums andere Mal zutiefst erschütternd.

Unter ferner liefen fiel hingegen das Klavierkonzert in a-Moll von Robert Schumann in der ersten Hälfte mit Víkingur Ólafsson als Solisten. Der isländische Pianist zeichnete sich partiell zwar durch eine bemerkenswerte Plastizität und Einzeltongestaltung aus, weite Teile des Konzerts flossen jedoch in lyrischer Unauffälligkeit dahin. Nicht zuletzt dank reichlich Pedal klang das Ganze viel zu wolkig und dementsprechend dynamisch undifferenziert. Zudem hielt das Orchester sich hier noch etwas zu vornehm zurück, sodass bis auf ein paar hübsche Dialoge zwischen Klavier und Holzbläsern wenig Interaktion zustande kam. Und so klang das Schumann-Konzert hier genauso undramatisch und hübsch unauffällig wie die Zugabe: Eine Bearbeitung des „Ave Maria“ der isländischen Komponistin Sigvaldi Kaldalóns.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Bisherige Kommentare:

  1. Sinn des Finales
    Herr Sayed irrt, wenn er meint, die Coda des Finales würde einen Ausblick auf stalinistischen Terror bieten. Der findet sich eher im Finale der 12. Sinfonie. Was das Finale mit seinen Revolutionsliederzitaten erzählt ist die Hoffnung, dass die Tyrannei von der nächsten Revolution hinweggefegt wird. Oberflächlich betrachtet ließe sich das ganze als Geschichtsbild der kommenden Oktoberrevolution des Jahres 1917 lesen. Da die Sinfonie jedoch wie erwähnt sicher als Reaktion auf die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn geschrieben worden ist, ist es eher die Hoffnung auf ein Ende der Sowjetunion, und eine erneute Revolution des russischen Volkes, die Schostakowitsch hier in subversiver Weise beschwören wollte. Und in sofern kann diese Sinfonie heute immer noch überall dort ihre Kraft am meisten entfalten wo ein solcher Umsturz nötig wäre: China, Iran und Russland wieder einmal.
    Farlis, 24.10.2022, 22:01 Uhr

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