> > > > > 30.10.2022
Samstag, 26. November 2022

Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks, Copyright: Michael Zapf

Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks, © Michael Zapf

Alan Gilbert dirigiert Mahler

Unendlicher Spaß

Über den Sinn und Unsinn des Finales von Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 7 in e-Moll haben sich schon viele kluge Köpfe den Geist zerbrochen. Ist es eine Apotheose des falschen Jubels im Über-Dur, die man lieber nicht für allzu bare Münze nehmen sollte? Wer an diesem lauwarmen Oktoberabend im Großen Saal der Elbphilharmonie dem NDR Orchester unter Chefdirigent Alan Gilbert lauschte, konnte jedoch auch zu dem Schluss gelangen, dass hier ein hyperaktives Genie einfach nur seinen Spaß hat, und zwar in schier allen Klangfarben und Formen, auf höchst elaborierte Weise. Der Zuhörer schien einem Künstler zuzusehen, der in einer irren musikalischen Pantomime so tut, als könne er den Ausgang nicht finden. Weisen die Glocken, die große Trommel oder der Gong vielleicht den Weg oder die schrillen Klarinetten mit der falschen Terz, die gegen den Kanon in der Tuba anspielen, der gerade eben harmonisch falsch abgebogen ist? Am Ende muss der Orchesterschlag dem Ganzen ein Ende setzen. Das klang alles so überdreht und zugleich überlegt, so schrill und zugleich schön, so ordinär und zugleich erhaben, so wunderbar falsch, dass dem geneigten Mahlerianer das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht verschwinden wollte.

Dass Alan Gilbert durch dieses verrückte Labyrinth aus drei Zwischenspielen mit zwei Rahmensätzen mit einer gestischen Klarheit dirigierte, dass man jederzeit staunte und sich trotzdem zurechtfand, lässt sich gar nicht hoch genug einschätzen. Diese Siebte war dramaturgisch so austariert und klanglich ausbalanciert, dass sich der mäandernde Verlauf für den Zuhörer wie von selbst erschloss. Schien im Kopfsatz in der Kuhglockenidylle in der immer heißer werdenden Streichermelodie die Zeit für einen wunderschönen Moment stillzustehen, schmierte das Ganze im nächsten Augenblick eindrucksvoll ab, nur um sich in den Untiefen des Kontrabass-Solos wiederzufinden. Überhaupt entfaltete der Klangkörper des Norddeutschen Rundfunks unter Gilbert Mahlers Instrumentation so plastisch transparent, dass ganz neue Dinge zum Vorschein kamen, wie Rückgriffe auf die Wunderhorn-Welten der früheren Sinfonien, in denen es noch kindlich klingelt und klirrt. Hier nur mit dem Unterschied, dass sich der Chor der Engelsbläser nun ins nächtliche Wiener Wirtshaus verirrt hat, wo Gitarre und Mandoline bereits ein Ständchen bringen. Wenn es etwas zu bemängeln gibt, dann höchstens, dass die bisweilen extreme Spannung der Ecksätze in den Binnensätzen nicht ganz so intensiv ausfiel, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre. So hätte vor allem das Scherzo gerne noch einen Tick druckvoller ausfallen können. Bei all den fantastischen Soli und Ensembleleistungen fiel das jedoch weniger ins Gewicht, allen voran das Tenorhorn im Kopfsatz, das sich sonst in Blaskapellen findet. Kein Wunder, dass am Ende der wunderbare Krawall das Finales in tobenden Publikumsjubel überging.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Alan Gilbert : Mahler: Sinfonie Nr. 7

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Alan Gilbert (Dirigent), NDR Elbphilharmonie Orchester (Orchester)

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