> > > > > 24.06.2022
Dienstag, 9. August 2022

1 / 3 >

Joana Mallwitz dirigiert das BRSO München, Copyright: Astrid Ackermann

Joana Mallwitz dirigiert das BRSO München, © Astrid Ackermann

Joana Mallwitz debütiert beim BRSO

Punktlandung

Die Konzertsaison neigt sich dem Ende entgegen, beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gab es kurz vor der Sommerpause noch ein Debüt: Spätestens seit ihrem gefeierten Auftritt bei den Salzburger Festspielen 2020 ist die musikalische Welt für Joana Mallwitz als Generalmusikdirektorin in Nürnberg zu klein geworden, erstmals stand sie in dieser Woche am Pult des BRSO in der Münchner Residenz.

Der erste erhaltene Druck von „Till Eulenspiegel“-Erzählungen datiert aus dem Jahr 1515, wie genau Richard Strauss zur Auseinandersetzung mit dem literarischen Stoff kam, ist bis heute nicht ganz klar. Ein explizites programmatische Bekenntnis wollte er sich zu seiner Tondichtung op. 28 nicht abringen lassen, handschriftliche Hinweise auf bestimmte Episoden finden sich in der Partitur dennoch. Eine klar lesbare dirigentische Handschrift besitzt Mallwitz´ Dirigat, mit omnipräsenter Musizierfreude stürzen sie und das BRSO sich in die anfangs noch ausgelassen polternden Eskapaden. Konturen bleiben scharf umrissen bis in feine chromatische Bläser- und Streichergänge. Auch wo die Stimmung in werbende Sinnlichkeit oder schließlich ins Tragikomische umschlägt, beweist Mallwitz das richtige Gespür für klangliche Farbwechsel und dynamische Dosierung. Solo-Horn und schalkhaft aufblitzende Klarinette lösen ihre charismatischen Aufgaben glänzend, Anton Barakhovskys leuchtender Ton verzaubert im Violinsolo.

Virtuose Glanzpunkte

Schon oft mit dem BRSO zusammengearbeitet, auch in der Ära Mariss Jansons, hat Janine Jansen. Eduard Hanslicks Verriss anlässlich der Wiener Uraufführung ist es heute kaum mehr wert, zitiert zu werden – den Siegeszug, den Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35 seither durch die Konzertsäle der Welt angetreten hat, hat er damit nicht aufhalten können. Jansen wählt einen Zugang, der nicht auf protzige Fülle, sondern auf eher weiche Tongebung setzt. Sich selbst in den Vordergrund zu spielen, hat sie ohnehin nicht nötig, über alle technischen Zweifel ist ihr Spiel erhaben. Auch die Tatsache, dass ihre „Shumsky-Rode“ sicherlich nicht den voluminösesten Klang unter den Stradivari-Geigen hat, braucht sie nicht „künstlich“ auszugleichen. Ihr atemberaubendes Pianissimo überzeugt musikalisch auf ganzer Linie, die das BRSO organisch mitträgt. Nur ganz kurz eilt Mallwitz im Tempo etwas voraus. Selbstbewusste Artikulationsspitzen setzt Jansen trotzdem, virtuose Glanzpunkte in der von gleißenden Flageolett-Blitzen durchzuckten Kadenz. Schöner, mit mehr expressivem, aber nicht süßlichem Schmelz kann man die „Canzonetta“ kaum spielen, das BRSO rollt dazu den roten romantischen Klangteppich aus. Im „Finale“ wäre tempomäßig noch Spielraum nach oben, am konstruktiven Dialog zwischen Solopart und Orchester ändert sich nichts. Dass eine, die mit viel Barockmusik um sich herum aufgewachsen ist, eine gute Bach-Spielerin wird, überrascht nicht. Das hat Jansen nicht nur hinlänglich mit ihren Einspielungen bewiesen, auch hier mit der Zugabe, dem „Largo“ aus der C-Dur-Sonate BWV 1005.

Zielgerichtet phrasiert

Die tänzerischste aller Beethoven-Sinfonien sei die „Siebte“, sagt Mallwitz und ist damit ganz bei Richard Wagner, der sie gar als „tänzerische Apotheose“ bezeichnete. Solch rhythmisch elastische Spannung erzeugt Mallwitz direkt in den punktierten Achteln des „Vivace“ im Kopfsatz, auch wenn hier Passagen vereinzelt noch nuancenreicher formbar wären und Pausen sich mit ein klein wenig mehr Spannung füllen ließen. Dennoch bleibt Mallwitz´ Interpretation stets ereignisreich, im „Allegretto“ nehmen die Streicher zielgerichtet phrasierte Anläufe, denen Mallwitz auf wohltuende Art nicht zu viel Bedeutungsschwere beimisst. Vitalisierenden Elan hat der dritte Satz, Stillstand gibt es auch in lang gehaltenen Streichertönen nicht. Gegen so unbezähmbare Kraft wie im turbulent wirbelnden Schlusssatz ist Widerstand ebenso zwecklos, Mallwitz´ Energie überträgt sich bis auf den letzten Platz im Saal, wesentlich zum „Kick“ trägt Raymond Curfs an den Pauken bei. Das Timing stimmt exakt bis in die mächtigen Schlussschläge – noch bevor diese ganz verklungen sind, ist klar: Eine echte Punktlandung, schon mit ihrem Debüt hat Mallwitz die Herzen des Münchner Publikums erobert.

Kritik von Oliver Bernhardt

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Joana Mallwitz/Janine Jansen

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Richard Strauss, Peter Tschaikowsky, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Joana Mallwitz (Dirigent), Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks (Orchester), Major Pieter Jansen (Solist Instr.)

Jetzt Tickets kaufen

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich