> > > > > 13.05.2022
Samstag, 25. Juni 2022

Anna-Sophie Weidinger in "Das Mädchen mit der Pringles Dose", Copyright: Daniel Nartschick

Anna-Sophie Weidinger in "Das Mädchen mit der Pringles Dose", © Daniel Nartschick

An der UdK zeigt sich das Genre Musical topaktuell

Fünf Musicalstudenten suchen ihren Idealkörper

Der zweite Jahrgang des UdK-Studiengangs Musical/Show hat sich in Berlin mit einer musikalischen Kollage vorgestellt – zum Thema Essstörungen und Körperideale, denen junge Menschen versuchen zu entsprechen, damit sie auf Instagram Likes bekommen und zu einer bestimmten Peergroup dazugehören können.

Dazu hat Elisabeth Pape vom Studiengang Szenisches Schreiben das Stück „Extra Zero“ verfasst. Es sind mehr oder weniger Monologe verschiedener Charaktere, die dem Publikum direkt erzählen, warum sie in einer Klinik gelandet sind und dort versuchen, ab- bzw. zuzunehmen („Wie sieht deine Kurve aus? Essplan A“). Daraus hat Regisseur Mathias Noack ein Musical gemacht mit dem Titel „Das Mädchen mit der Pringle Dose“.

Musical heißt hier: Er hat der Geschichte von Elisabeth Pape Lieder aus Musicals von „Spring Awakening“ über „Once“ bis „Bare: A  Pop Opera“ und „Kinky Boots“ eingefügt, überraschenderweise auch der „Leiermann“ aus Schuberts „Winterreise“ sowie – am Anfang und am Ende – das Adagio aus dem Oboenkonzert in d-Moll von Alessandro Marcello, arrangiert für Klavier von Johann Sebastian Bach.

Bei seiner Premierenpartyansprache sagte Noack, er habe zeigen wollen, dass das Genre „gesellschaftsrelevante Themen“ behandeln könne. Und etwas mit uns hier und heute zu tun habe. Das wissen zwar Leute, die sich mit dem Genre in seiner englischsprachigen Form beschäftigen (oder die die Stücke von Peter Lund lieben), aber es gibt leider viel zu viele Menschen in Deutschland, denen diese „relevante“ Seite der Musiktheaterform Musical absolut unbekannt sind. Die es nur als hirnloses Herumgehüpfe sehen, wo Leute in großen Hallen laut und poppig singen. Bedauerlicherweise sorgen Unternehmen wie Stage Entertainment dafür, dass dieses Image über Werbung (und Aufführungen) hierzulande wieder und wieder befestigt wird. Viele Feuilletonisten berichten entsprechend, Akademiker in Musik- und Theaterwissenschaft rümpfen ihrerseits die Nase. Musical als Forschungsgegenstand? Bloß nicht!

Glücklicherweise gibt es in Deutschland inzwischen ein großes digitales Angebot, wo man auch Musicals sehen kann, die „anders“ sind. Und die sind dann recht eigentlich die Vergleichsgröße für „Das Mädchen mit der Pringle Dose“. Bei der Pringle Dose handelt es sich übrigens um ein Gefäß, in dass die Teenager reinkotzen, um das gerade Gegessene wieder aus ihrem Körper zu bekommen, bevor sie dick werden. Da das aber niemand merken soll – schon gar nicht die Eltern (die protestieren, dass die Kinder das teure Essen auf diese Weise entsorgen, während man von Hartz IV leben muss) –, nutzen die Kids Pringle Dosen, weil niemand auf die Idee kommt, darin nachzuschauen. Das ist also ihr Safe Space, sozusagen.

Die fünf Darsteller dieses Corona-bedingt reduzierten Jahrgangs spielen im Stück nicht miteinander, sie spielen auch keine gemeinsame Geschichte. Vielmehr schildern sie dem Publikum jeweils einzeln ihre Schicksale – als würden sie via Live-Schaltung auf Instagram mit der Welt in Kontakt treten. Das entspricht vermutlich der Lebensrealität vieler junger Menschen, es wird so auch in der Disney+-Serie „High School Musical: The Musical: The Series“ gezeigt. Dort als wichtiger Bestandteil der Handlung, hier – nur angedeutet, obwohl das Social-Media-Thema durchaus wieder und wieder vorkommt. Weil die jungen Menschen mit ihren Körpern Follower anlocken wollen. Da sind perfekte Formen gut – oder dramatische Geschichte, die Schockqualitäten haben. (Hashtag #Eatingdisorder.)

Johannes Jaruraak vom UdK-Studiengang Kostümbild hat die fünf Solisten in Body Suits gesteckt, die sie einerseits nackt machen, andererseits abstrahieren und anonymisieren. Das ist ein genialer Trick – und sieht zusammen mit einem orangefarbenen Schatten an den Schläfen grandios auf der weitgehend leeren Bühne aus. Dass es die Darsteller in diesem Gleichmacher-Outfit schaffen trotzdem als scharf charakterisierte Figuren rüberzukommen, ist Beweis von vielen für ihre herausragende Qualität.

Sie singen sich durch eine – für meinen Musicalgeschmack – etwas einfallslose Liedauswahl. Die selten richtig gut zum Thema Körper/Schönheitsideal passt und über weite Strecken beliebig wirkt. (Ob das an mangelnder Repertoirekenntnis bei Mathias Noack liegt bzw. dem musikalischen Leiter Johannes David Wolff? Offensichtlich haben beide eine Abneigung gegen alles „Klassische“ aus dem Musicalkanon, man hört keinen Gershwin, Porter, Kern, Rodgers, Sondheim… Man hört auch nichts aus „Naked Boys Singing“, wo es etliche Lieder zum Thema Körperkult gibt, auch nicht Lieder wie „Beautiful, Am I Beautiful?“ aus „Boy Meets Boys“. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.)

Stattdessen tauschen zwischen den „kleineren“ Liedern immer wieder große Nummern auf, die nahezu monolithisch hervorstechen: „Heaven on their minds“ aus „Jesus Christ Superstar“ zum Beispiel. Nathan Johns singt das mit schlankem Tenor sehr überzeugend, traut sich aber nicht, ganz aus sich herauszugehen und den exaltierten Rockstil, den Andrew Lloyd Webber verlangt, voll umzusetzen. Er traut sich (scheinbar) auch nicht, stattdessen eine ganz andere und ganz eigene Interpretation zu servieren. (Wie das auf dem neuen All-female-Album des Stücks zu hören ist.) Später singt Johns auch das anrührende Lied „Der Sohn, der ich nie war“ (in einer neuen Übersetzung von Robin Kulisch). Auch das ist eine ziemlich berühmte Nummer, die großen emotionalen Mut erfordert, um zu wirken. Der ansonsten phänomenale Johns ist hier noch auf dem Weg – was aber bei einem Studenten im zweiten Jahr vollkommen legitim ist. Dafür knallt er mit „Two-Player Game“ aus „Be More Chill“ zusammen mit Fabio Kopf. Beide besingen sich als „Nerds wie wir“ – und überzeugen restlos. Kopf hat die dankbare Aufhabe, Schuberts „Leiermann“ zu singen. Und macht das so natürlich und ergreifend, dass ich die „Winterreise“ nie wieder anders hören möchte.

Bei den Frauen haben einzig Tara Friese und Laura Goblirsch einen halbwegs intimen Moment miteinander, statt nebeneinander. Was zum Duett „Mit dir“ führt, wo die Nähe aber auch gleich wieder durchbrochen wird, weil der Anblick des anderen ja etwas „triggern“ könnte. Deshalb lässt man’s lieber. Und zieht sich in die Isolation zurück.

Anna-Sophie Weidinger glänzt derweil mit „Zeig, was du hast“ aus „The Life“, und alle zusammen glänzen sowieso in perfekt einstudierten Choreografien von Anne Retzlaff. Angesichts der Tatsache, dass dieser Corona-Jahrgang viele Unterrichtsstunden via Zoom bekam und nicht die typische Ausbildung früherer Jahrgänge genoss, ist es verblüffend – man könnte sogar sagen: atemberaubend – wie perfekt die fünf Jungstars „Das Mädchen mit der Pringle Dose“ präsentieren. Das ist eine echte Leistung, die von enormer Willenskraft zeugt. Bravo!

Von Körperidealen gesprochen: Ich fragte mich im Laufe des Abends immer wieder, wie viel von dem, was das verhandelt wird, auch auf diese fünf Darsteller zutrifft? Welchem Druck sind sie ausgesetzt, als Musicalstudenten? Als künftige Musicaldarsteller? Wenn in den ersten Reihen des Zuschauerraums gleichzeitig nur perfekt durchtrainierte schlanke ältere Kommilitonen sitzen? Wieso setzt die UdK da eigentlich kein Zeichen und holt auch Studenten mit ganz anderen Körperformen in den Musical/Show-Studiengang? Wo sind hier die „Dicken“, die „Kleinen“, die „Übergroßen“, die, die „anders als die anderen“ aussehen? Die, die nicht jeden Tag Stunden im Fitnessstudio verbringen und sich von Proteinshakes ernähren? Gibt’s solche Leute im Musical nicht und gibt’s für sie keine Rollen?

Dazu hatte der Broadway zuletzt viel zu sagen, u. a. mit dem Musical „A Strange Loop“ von Michael R. Jackson: über einen „dicken, schwarzen, queeren“ Mann, der Musicals liebt und als Platzanweiser bei „The Lion King“ arbeiten muss. Aus dem Jackson-Stück hätte der ein oder andere Song super in die UdK-Produktion gepasst, auch entsprechende Darsteller. Aber so, wie das Stück jetzt halt ist, lohnt es trotzdem das Kennenlernen: Zum einen ist die Regie wirklich bis ins kleinste Detail punktgenau exekutiert, was eindrucksvoll ist, ebenso das Bühnenbild mit seiner stylischen Leere in Schwarz-Weiß-Orange, zudem sind die Darsteller natürlich hinreißend mit ihrem breitgefächerten Können. Außerdem lernt man am Klavier einen neuen musikalischen Leiter kennen, der das Amt von Adam Benzwi übernommen hat und restlos überzeugt.

Ich freue mich jedenfalls, Tara Friese, Laura Goblirsch, Nathan Johns, Fabio Kopf und Anna-Sophia Weidinger bald wieder auf der Bühne zu erleben. Vielleicht machen alle zusammen ja mal eine „Winterreise“? Oder ein richtiges relevantes Musical, das mehr ist als eine Kollage? Man kann gar nicht oft genug daran erinnern, dass dieses Genre perfekt geeignet ist, sozialkritische Themen auf eine unterhaltende Weise zu verhandeln. Dass die UdK das immer wieder tut, ist großartig. Also, nix wie hin!

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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