> > > > > 21.05.2022
Samstag, 2. Juli 2022

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Antonia Ahyoung Kim, Ensemble, Copyright: Eike Walkenhorst

Antonia Ahyoung Kim, Ensemble, © Eike Walkenhorst

Politisches Musiktheater in der Deutschen Oper

Prophetische Anklage

Serhij Zhadan ist einer der bekanntesten Schriftsteller der Ukraine und ein politischer Aktivist dazu. Momentan weilt er in seiner Heimatstadt Charkiv und hilft Landsleuten, wo er nur helfen kann. Mit praktischen Dingen, aber auch indem er aufmunternde Konzerte für Schutzsuchende in Kellern gibt. Deshalb ist er bei der Premiere von Bernard Ganders Musiktheater „Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr“, für das er sein erstes Libretto schrieb, nicht anwesend. Im Rahmen der Münchener Biennale kam das Auftragswerk Anfang Mai zur Uraufführung, nun ist es in der Tischlerei der koproduzierenden Deutschen Oper Berlin zu sehen. „Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr“ prangern den Krieg an und beklagen das Schicksal von Menschen auf der Flucht; aus heutiger Sicht wirkt Zhadans Text prophetisch. An einem nicht näher verorteten Grenzübergang treffen Geflüchtete ein, aus Osteuropa und von weiter weg, hoffend auf Sicherheit und Hilfe. Von der Gesellschaft, die sich parallel an Stehtischen beim Sektempfang verlustiert, bekommen sie sie nicht, auch nicht von den herrisch abweisenden Grenzposten und der kühl ihre Daten registrierenden Verwaltungsfrau. Die Vertriebenen sind namenlos, nur zwei Abschiebehäftlinge, von Andrew Robert Munn und Carl Rumstadt in einer angedeuteten Gefängniszelle mit beklemmender Intensität verkörpert, erzählen ihre konkrete Geschichte, während eine Frau, stellvertretend für die anderen, ihre Verzweiflung und Ängste preisgibt. Kim Antonia Ahyoung singt diese Ariosi aufwühlend und hochexpressiv im Ausdruck.

Vor einer die gesamte Bühnenlänge einnehmenden Mauer hat Ausstatter Theun Mosk Requisiten verteilt, die die Trostlosigkeit des Geschehens unterstreichen: ein Haufen mit grellorangenen Rettungswesten, eine kaum Licht spendende Laterne, ein Autowrack und dazwischen überall typische XXL-Plastiktragetaschen, von denen einige auch als Sitzgelegenheit fürs Publikum dienen. In diesem suggestiven Raum choreographiert Regisseurin Alize Zandwijk die Handlungsabläufe des fabelhaft singenden Chorensembles schlüssig im Wechsel von Gruppen- und Soloaktionen, von Statik und Bewegung. Zum Szenario bildet die Musik von Bernard Gander das passende akustische Pendant. Die Vokalpassagen, im Tonfall an politische Songspiele erinnernd, sind eingebettet in einen elektronisch verstärkten Soundtrack aus wuchtigen, unerbittlich vorantreibenden Rhythmen und lyrischen Inseln, in die ein verfremdetes Zitat von Beethovens „Mondscheinsonate“ eingewoben ist - eine Reminiszenz an fernen romantischen Weltschmerz. Die Dirigentin Elda Laro schenkt der Partitur wache Aufmerksamkeit. Dank ihrer klaren Zeichengebung spielt die aus dem Ensemble Modern zusammengestellte Band so präzise wie passioniert. Der Abend lässt wohl keinen kalt, er wird am Ende heftig akklamiert.

Kritik von Karin Coper

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