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Samstag, 28. Mai 2022

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Chorszene, Copyright: Karl und Monika Forster

Chorszene, © Karl und Monika Forster

Babylon zur Eröffnung der Maifestspiele in Wiesbaden

Ermüdende Blockbusterszenarien

Die Gleichzeitigkeit der Extreme provoziert zwei aufeinanderfolgende Momente. Zunächst stellt sich Verwirrung ein, auch Verstörung, dann folgt die Langatmigkeit. Auf diese Formel lässt sich die Oper „Babylon“ herunterbrechen. Die Schöpfer, der Komponist Jörg Widmann und Peter Sloterdijk in der Rolle des Librettisten brachten das Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper 2012 in München zur Uraufführung. 2019 folgte eine revidierte Fassung als neue Uraufführung an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Diese dreistündige Version feierte das Premierenpublikum jetzt zur Eröffnung der Maifestspiele in Wiesbaden mit großem Applaus. Zum ersten Mal schien „Babylon“ unwidersprochen angenommen.

Daniela Kerck hat mit einer bildgewaltigen, von Videos dominierten Produktion eine Bühnenaufführung geschaffen, die dem Werk mit einem Vorspiel und sieben Bildern entgegenkommt und auch junges Publikum begeistern mag. Zentraler Handlungsort, soweit man von einer Handlung sprechen kann, ist ein Abflug-Gate eines Flughafens. Durch das bühnengroße Fenster blickt man auf das Rollfeld. Es bildet gleichzeitig die Projektionsfläche für eine sich wandelnde Landschaft. Regen, Sturm, ein Tsunami türmen sich raumhoch. Später geht an dieser Stelle der blaue Planet Erde wie eine Sonne auf. Feuerringe, die an Wagner-Ring-Inszenierungen erinnern, erstrahlen. Miniszenarien von Untergang und Verderben, wie sie in Blockbustern auf den Betrachter herunterstürzen, suggerieren das Ende von Allem, was je war. Ein zweiter Projektionsvorhang vor der Bühne ermöglicht dreidimensionales Erleben, wenn die Welt in sich zusammenstürzt.

Der Skorpionmensch eröffnet das Szenario mit einer Mahnung über das sündige Babylon. Philipp Mathmann steht im Plastikkostüm auf einem Stuhl und intoniert eine archaisch mutende Weise ohne Begleitung wie ein einsamer irrer Mahner inmitten von Geschäftigkeit. Er singt geschmeidig scharf und schmerzlich eindringlich, wie aus dem Nichts geboren, um jene aufzuwecken, die in der Wartehalle eingeschlossen aufgeregt umherlaufen.

Wenn das Orchester einsetzt, mischen sich sieben Musiker mit einem Schofar in die gebrochenen Klänge. Es ist ein naturbelassenes Widderhorn aus uralten Zeiten, ein in Klang gegossener Einstieg in eine Betrachtung, von der Widmann und Sloterdijk erzählen wollen. Den Anlass bilden die Flucht der Israeliten aus Babylon und eine Liebesgeschichte. Im Zentrum steht der Mensch in seinem nackten Ausgeliefertsein.

Tammu hat in der Abflughalle die blonden Göttin Inanna gesehen und ist in ungezügelter Leidenschaft zu ihr entbrannt. Das zerreißt ihn. Seine Schwester Seele und er singen davon, dass er in den Rachen des Löwen gefallen sei. Dieses Dilemma löst eine erdrückende Flut an philosophischen Gedanken und vieldeutigen Sinnbildern aus, die den Zuhörer bestenfalls ratlos lassen. Tammu wird zum Menschenopfer, um den Israeliten das Entkommen aus der Gefangenschaft zu ermöglichen. Inanna holt ihn aus dem Totenreich zurück. Sie vollführt vor dem personifizierten Tod eine siebenfache Entkleidung mit peinlich banalen Erklärungen und lässt Tammu nicht von der Hand. Strauß Salome und Glucks Orpheus lassen grüßen.

Das ist nur ein Beispiel von vielen Anklängen an Bekanntem zwischen Wagner und der Gegenwart in „Babylon“. Jörg Widmann hat sich bei anderen reichlich bedient, „Babylon“ wäre für eine Quizshow für Opernkenner bestens geeignet. Er scheut aber auch nicht den Schlenker in das Musical-Metier. Immerhin tut er dies konsequent andeutungsweise und nur so lange, bis der Wiedererkennungseffekt eingelöst ist. Zudem erwehrt man sich nicht des Verdachtes, dass Jörg Widmann um jeden Preis gegen jegliche Harmonie ankämpfte, als er dieses komplexe Werk komponierte. Die Wirkung ist frappierend. Durch die Vielschichtigkeit der Klänge erzielt er eine Vieldeutigkeit der Szenerie.

Angesichts der Komplexität dieser Vielschichtigkeit endet „Babylon“ verstörend simpel.  Kauderwelsch-Kinderreimen folgt ein letzter großer Auftritt, um die Erkenntnis der Abkehr von Gott auszusprechen. Dann wird es im Zuschauerraum hell. Die Darsteller stehen an der Rampe. Laut Regie sollen sie vorwurfsvoll in den Zuschauerraum blicken. Was reichlich misslingt. Erleichterung auf beiden Seiten führt zu spontanem und heftigem Applaus.

Souverän meisterten die Solisten die geforderte Sprunghaftigkeit, die Spitzen und Tiefen ihrer Partien im weit gefassten Ambitus. Sarah Traubel spielte Inanna, eine rassige Blondine, unerschütterlich im Auftreten, brillant in extremer Stimmlage trotz einer Wort-Tonverteilung, die sich so gar nicht verbinden will. Mühelos behauptete sie sich über dem Orchesterorkan, was nicht allen gelang. Michelle Ryan zeichnete die Seele mädchenhaft klug und zart im Gesang. Andrea Baker verlieh dem singenden Euphrat mit Tiefe und Kraft größtmöglichen Respekt. Thomas Maria Peters stöckelte und taumelte in einem phantasievollen Kostüm über die Bühne und spielte spürbar begeistert die Figur des Ezechiel mit galgenhumoriger Süße. Leonardo Ferrando glänzte in den Höhen, doch in den Tiefen verschlang ihn der Orchesterklang.

Eine großartige Leistung bot auch der große Chor. Aus dem Stand heraus fand er in den harmonischen wie freitonalen Partien zusammen und verschmolz stimmgewaltig mit dem Klanginferno aus dem Orchester, Blech, Holz, Percussion mit allem, was Schrecken, Elend, Katastrophen beschwört, aber auch Kulturen dekliniert, verstärkt durch Exoten wie Oceandrum, Windmaschine und Glasharmonika.

Albert Horne, am Staatstheater Wiesbaden seit Langem für den Chor verantwortlich, lenkte vom Pult aus mit strengem Taktschlag das gigantische Ensemble und bewies sich als ein Dompteur, dem nichts entging.

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Kritik von Christiane Franke

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Babylon: Jörg Widmann

Ort: Hessisches Staatstheater,

Werke von: Jörg Widmann

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