> > > > > 03.04.2006
Sonntag, 18. August 2019

Wolfgang Amadeus Mozart

Mozart Variationen und Sonaten

Andreas Staiers leise Tastenkunst

Auf Sigiswald Kuijkens Johannespassion folgte bei Luzern Ostern das Rezital von Pianist Andreas Staier. Monaco, Stuttgart und Tokyo stehen als nächste Anlaufziele auf dessen gut gefüllten Terminkalender. Seit seiner Entscheidung vor 20 Jahren, von der Sicheren Position des Cembalisten bei ‘Musiqua Antiqua Köln’ auf die freie Künstlerlaufbahn zu wechseln, genießt der Spezialist für Alte Musik sowohl in der Fachpresse wie im Publikum einen ausgezeichneten Ruf. Im Luzerner KKL widmete sich Staier am Hammerklavier einem ausgefallenen reinen Mozart-Programm, das sowohl Werke der mittleren Schaffensperiode (1778), wie auch drei Spätwerke umfasste.

Zierlich und der Größe des Raumes sicher nicht angemessen war der Klang des 2006 erbauten Instruments: Ein Hammerklavier von Mirko Weiss (Bern), das vor allem durch leise Töne glänzte. Staier spiele darauf zunächst die etwas abgegriffenen zwölf Variationen ‘Ah vous dirais-je Maman’ KV 265, konnte damit aber nicht restlos überzeugen, weil er die Variationenfolge nicht als virtuose Klimax anlegt. Gewisse Unschärfen hatte auch die besser in Fahrt kommende a-Moll-Sonate KV 310. Andreas Staier liebt dabei die Ausgestaltung der Extreme, was seine Agogik anbetrifft. Ein im klassischen Sinne stabiles Tempo erlebt der Hörer selten bei seinem Mozart-Spiel. Abrupte Wendungen schließen sich oft an furiose Sechzehntelläufe an und so steht der Hörer manchmal ratlos da, wenn Staier ihm seine Prägung aufdrückt, was er durchaus kalkulierend einsetzt. Er will verstören, dieser bescheidene, gar nicht auf Allüren ausgerichtete Künstler. Versöhnliche Sprache findet der gebürtige Göttinger nach dem aufwühlenden ‘Allegro maestoso’ für den Andante-Cantabile-Mittelsatz. Auch hier zeigt Staier persönliche Flagge, lässt Sequenzen manchmal wild davon galoppieren oder verliert sich in Verspieltheiten im Detail.

Auch bei KV 613, den ‘Acht Variationen über das Lied ‚Ein Weib ist das herrlichste Ding auf der Welt’ aus dem Singspiel ‚Der dumme Gärtner’ aus dem Todesjahr 1791 werden beim Hörer Reminiszenzen an Klaviermusik von C. Ph. Emanuel Bach und dessen galante Art geweckt. Andreas Staiers Manko an diesem Abend ist, dass er vornehmlich für sich selbst spielt und seine vorgetragene Musik als etwas Absolutes begreift. Er sucht kaum den Kontakt zum Publikum wie beispielsweise Jewgenij Kissin, Fazil Say oder auch Lars Vogt dies praktizieren, was Staiers Spiel eines Trumpfes beraubt.

Zum Ende serviert er die Klaviersonate B-Dur KV 570. Nahe bei Schubert ist da der Akteur, den Staier ja immer wieder kompromisslos inszeniert hat. Im Sinne eines abwechslungsreicheren Programms hätte er ruhig darauf und auf Moderne Musik zurückgreifen und diese mit Mozart kombinieren sollen.
Staiers Spiel hatte immer eine Richtung, war aber auch in der B-Dur Sonate von ausufernder Empfindsamkeit geprägt. Registerwechsel schafft der Pianist mittels der dem Hammerklavier eingebauten Dämpfung. So variiert er souverän und begreift Mozarts Sonate wie ein romantisches Klavierwerk. Zwei Zugaben erlebt das Luzerner Publikum, die den Abend als ‘Leise Tastenkunst’ resümieren: Zunächst den langsamen Satz aus der Sonate C-Dur KV 330 und die ‘Allemande c-Moll’ aus einem Suitenfragment.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Luzern Ostern 2006: Rezital

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Andreas Staier (Solist Instr.)

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