> > > > > 06.04.2022
Samstag, 28. Mai 2022

Daniel Barenboim (Archivbild), Copyright: Monika Rittershaus

Daniel Barenboim (Archivbild), © Monika Rittershaus

Barenboim dirigiert Mozart

Das Einfache, das schwer zu machen ist

Die Wiener Philharmoniker eröffneten am Mittwoch in der Berliner Philharmonie mit einem reinen Mozartprogramm die Festtage der Staatsoper Unter den Linden. Schon mit dem feuersturmartigen Beginn der sogenannten „kleinen“ g-moll Symphonie KV 183 wird klar, dass sie in Bestform sind. Konzertmeister Volkhard Steude spielt, ganz die verkörperte Geistesgegenwart, nach hinten durch, bis zum fünften Pult. So setzt man perfekt koordinierte Akzente.

So schafft man es auch, eine atmende, fließende Linienführung zu gestalten, zum Beispiel im Unisono der ersten Violinen, wenn sie kurz vor Schluss des Satzes einmal allein das Thema des Larghetto vortragen dürfen in Mozarts letztem Klavierkonzert, B-Dur, KV 595. Freilich, nicht ganz allein: Sie gehen mit der Flöte und dem Klavier colla parte in diesen himmlischen sieben Takten. Mozart dunkelte an dieser Stelle das Thema, zur Vermeidung von Quintparallelen in der linken Hand, leicht ein, er verlegte es um eine Oktave nach unten. Ein Schatten fällt auf den Es-Dur-Seelengesang. Eine Bedrohung, fast könnte man sich fürchten, wäre da nicht die helle Soloflöte, positiv, hoch darüber schwebend.

Klingt nur kompliziert, wenn man es aufschreiben muss. In Wahrheit ist das sehr einfach, jeder hört das sofort. Und begreift, dass die Flöte hier unbedingt zu hören sein sollte. Doch leider, in den meisten Aufführungen, ja, in fast allen Tonträger-Einspielungen wird die Flöte zugedeckt vom Klavier und von den Geigen. Eine rühmliche Ausnahme von diesem verbreiteten Schlendrian macht Daniel Barenboim –  und zwar seit schon gut einem halben Jahrhundert. Als er das Klavierkonzert KV 595 erstmals eingespielt hatte, 1969 in den Abbey Road Studios, da war das Clair-Obscur dieser Unisono-Takte 103 bis 109 im zweiten Satz eine von vielen Offenbarungen.

Diese erste Gesamtaufnahme aller Mozartkonzerte mit dem jungen Barenboim ist bis heute, auch wenn das English Chamber Orchestra damals nicht halb so schön tönte, wie jetzt die Wiener, eine unübertroffene Referenzeinspielung geblieben, egal, was die historische Aufführungspraxis inzwischen dazu addiert hat. Heute ist Barenboim 79 Jahre alt. Er hat die Mozartschen Klavierkonzerte rauf und runter und schon mit vielen verschiedenen Orchestern geprobt und aufgeführt, mit seiner Staatskapelle, mit den Berliner Philharmonikern, hat sich verändert unterdessen, ist auch lässiger geworden, hat der Improvisation mehr Platz eingeräumt, sich manchmal manierierte Ornamente gegönnt und gefährlich extreme Tempi ausprobiert; aber er ist sich auch treu geblieben in all den Fragen, die Wahrheit und Klarheit einer aus dem Menschengesang entwickelten Klangrede betreffen.

Es steckt viel Oper in Mozarts Instrumentalmusik. Wie zum Beweis dessen wurde die Darbietung des Konzerts KV 595 (das im ersten Satz auf die „Zauberflöte“ verweist) eingerahmt von der sogenannten „kleinen“ g-moll-Symphonie KV 183 (in der Solo-Oboist Clemens Horak seinen Kantilenen süffig-selige Lichter aufsetzte) sowie von der Prager Symphonie D-Dur KV 504 (die anspielt auf „Figaros Hochzeit“). Die Wiener Philharmoniker füllten sie mit Feuer und Leben sowie mit jenen gemischten Gefühlen, von denen man nur profitiert, wenn sie einem in vollendeter kammermusikalischer Durchsichtigkeit begegnen. Aktuell befragt zum Programm seiner österlichen Lindenopern-Festtage, die heuer den drei Da Ponte-Opern Mozarts gewidmet sind, paraphrasierte Barenboim einen Satz von Bert Brecht: Mozart sei besonders schwer, ja, „sehr schwer“ zu machen wegen seiner scheinbaren „Einfachheit“.

Kritik von Dr. Eleonore Büning

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