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Dienstag, 9. August 2022

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Szenenfoto Tristan und Isolde, Copyright: Enrico Nawrath

Szenenfoto Tristan und Isolde, © Enrico Nawrath

Zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele haben Roland Schwab und Markus Poschner in blitzkurzer Zeit eine neue Tristan-Produktion erarbeitet. Musikalisch gelungen, szenisch ambitioniert.

Strudel aus Licht

Die Eröffnungspremiere der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth wurde umjubelt, kurz, aber stürmisch und einmütig. Nicht ein einziger Buhrufer störte die Idylle. Das ist alles andere als normal an diesem Ort und an diesem Tag, an welchem die Kenner- und Leidenschaft eines hochspezialisierten Musikpublikums traditionell zusammentrifft mit der medienpolitischen Prominenz von Angela Merkel über Gräfin Gloria bis Thomas Gottschalk – sowie einem entsprechend üppigen Polizeiaufgebot. Im Gegenteil: Der Siedepunkt öffentlicher Aufmerksamkeit im Vorfeld der Festspiele stimuliert immer wieder auch die Gemüter am Premierenabend. Das ist beinahe schon Tradition. Fast alle Neuproduktionen, die später als Sternstunden der Festivalgeschichte hoch gelobt wurden, sind zunächst einmal kontrovers diskutiert worden oder gar in Pfeif-Konzerten und Buh-Orkanen versunken. Letzteres widerfuhr, beispielsweise, auch dem Chereau-„Ring“. Insofern muss man sich fragen: Ist eine Bayreuth-Eröffnung ohne Buhs womöglich ein schlechtes Omen? Kündigt sich damit eine Zeitenwende an? Und gibt es wirklich gar nichts auszusetzen an dieser Neuproduktion von „Tristan und Isolde“, der zwölften Neuinszenierung der Festivalgeschichte?

Erst Ende 2021 hatte Katharina Wagner entschieden, sicherheitshalber, falls Corona den Sommer abermals unkalkulierbar machen sollte, neben der fälligen Neuproduktion des „Ring des Nibelungen“ ein weiteres Stück zusätzlich zu programmieren, das chorarm und damit leichter adaptierbar ist. So kam es, dass der Regisseur Roland Schwab erst im Dezember angefragt wurde, ob er bereit sei, Regie zu führen. Der Dirigent der Neuinszenierung, Markus Poschner, sprang sogar erst vor wenigen Wochen ein, als Ersatz für seinen Kollegen Cornelius Meister, der, ebenfalls coronabedingt, die Dirigate der „Ring“-Produktion übernimmt von dem erkrankten Pietari Inkinen. Insgesamt hatte Poschner nur zwei Proben mit Orchester und Solisten. Es grenzt an ein Wunder, wie souverän er dieser Aufgabe gerecht wurde.

Die Dynamik dieses Dirigenten ist auf Risiko gebürstet, mit starken Tempowechseln, eine enormen Bandbreite an Abstufungen von Forte und Piano. Er richtet sich nach Diktion, Puls und Atem der Sänger und öffnet, fast ohne Wackler, zugleich den solistischen Orchesterstimmen den Raum, den sie brauchen. Allerdings erfolgt all dies textgebunden. Es ist jeweils legitimiert durch Kontext und Affekt und wird allemal idiomatisch abgestimmt mit der Artikulation. Man lauscht dieser haptisch-plastischen Darbietung schon im ersten Aufzug nach und nach atemlos. Im zweiten steigert sich das. Eine Sternstunde kündigt sich an. Man erinnert sich beglückt an das berühmte Zitat zum 2.Aufzug, Takt 567, in dem Wagner erklärte: „Das Zeitmaß ist je nach dem feurigeren oder zärtlicheren Ausdruck gut zu motivieren.“ Es gibt freilich Passagen, etwa in Tristans verklausierter Sebstmordankündigung gegen Ende des zweiten Aufzugs, wenn er Isolde auffordert, ihn zu begleiten in dieses „dunkle, nächtige Land“: Da wirkt die bis an die Grenze der Nicht-Singbarkeit zerdehnte, ins Piano zurückgenommen Diktion beinahe maniriert. Aber von wem kann man das verlangen, wer kann das so stoisch vortragen, wenn nicht Stephen Gould?

Gould ist als Wagnersänger die sicherste Bank, die man sich nur wünschen kann. Er verkörpert in diesem Bayreuther Sommer gleich drei große Rollen: außer Tristan auch noch Siegfried und Tannhäuser. Catherine Fosters Isolde, ihm ebenbürtig an Wucht und Glanz, ist in Erinnerung geblieben als Brünnhilde vom Dienst auf dem Hügel, aber auch als ungekrönte Königin des Wobbles. Diesmal – Überraschung! – ist das anders. Sie singt linear, gut fokussiert, ausdrucksstark. Aber die beiden Liebenden können auch leise sein. Ihre Stimmen im Duett, in aufsteigender Linie einander umschlingend, während die Nacht hernieder sinkt, wirken anfangs so intim wie ein Unisono im Klavierlied, bevor sie aufblühen zu vollem Glück. Nur eines beherzigen weder Gould noch Foster: Textverständlichkeit, wie sie gerade dieses Wagnersche Werk verlangt. „Deutlichkeit!“ schrieb Wagner seinen Solisten ins Stammbuch: „Die großen Noten kommen von selbst; die kleinen Noten und ihr Text sind die Hauptsache.“

Was exakte Artikulation bewirken kann, das wird in dieser neuen „Tristan“-Besetzung von zwei anderen Sängern exemplarisch demonstriert: von Georg Zeppenfeld, der als belkantobeweglicher junger König Marke seine Klage von der Rampe aus ins Publikum singt, und von Markus Eiche, dessen Kurwenal selbst noch von der Hinterbühne aus bis in die letzte Ecke des Festspielhauses dringt, klar und schneidend. Vergleichsweise untergegangen ist, in ähnlich ungünstiger Position, die ansonsten biegsame, warm timbrierte Brangäne von Ekaterina Gubanova mit ihrem Weckruf. Einmal mehr hinkt die Szene der musikalischen Realisierung hinterdrein.

Nicht Oper oder Drama, sondern „Handlung“ hatte Richard Wagner das Werk im Untertitel genannt. Von Letzterem kann aber kaum die Rede sein. Nur einige wenige – Melot (Olafur Sigurdason) beispielsweise – raffen sich auf zu einer Tat. Die Titelhelden dagegen warten ab, denken nach, träumen, zaudern, zürnen und erinnern sich. Tristan und Isolde verlieren sich in langen Berichten über Vergangenheiten, sie sind dem ausgeliefert, was kommt. Leider hat Roland Schwab diese große, alte Geschichte des Liebespaars, das zueinander erst findet in der Negation und im gemeinsamen Tod, herunter gebrochen auf eine abstrakte Symbolik und didaktisch vereinfachte Tableaus, die sich rasch nur immer wieder reproduzieren. Für das designerschicke Einheitsbühnenbild sorgte Piero Vinciguerra. Für die elaborierte Lichtregie, die zu mitunter schockierenden Effekten führt, Nicol Hungsberg. Das erste der von ihnen entworfenen fotogenen Tableaus erinnert nicht von ungefähr an die Stunde Null der Nachkriegszeit: an die von allem irdischen Wohl und Weh gereinigte Weltenscheibe Wieland Wagners.

Eine ovale, schräg gestellte Plattform mit Luxus-Pool bildet die Spielfläche. Die Wände ringsum, betongrau, sind geschlossen. Die Decke hat eine ovale Öffnung, spiegelbildlich zum Pool leuchten je nachdem Tag- oder auch Nachthimmel herein. Isolde, die zunächst gemeinsam mit Brangäne am Pool die Zeit tot schlägt, ist alles andere als jene irische Königstochter, nach der alle Recken sich verzehren. Kein „wundervolles Weib“, dem auch Marke nachtrauert; vielmehr steht sie selbst ihren Mann. Sie tritt breitbeinig auf, kämpferisch, wütend. Zerreisst den Brautschleier, wirft mit Mobiliar um sich. Mit ihrem zottigen Haarschopf sieht diese Isolde aus wie eine Kreuzung aus Jeanne d’Arc und Struwwelpeter. Als sie sich wappnet für die Begegnung mit Tristan, setzt sie sich erst einmal eine coole Sonnenbrille auf, sie zieht Lederhandschuhe an und fordert: „Herr Tristan trete nah!“ Er, ebenfalls cool, flegelt sich auf eine der Luxusliegen und raucht eine Zigarette. Doch alsbald werden diese letzten Regiereste dem Dekor geopfert. Der Pool spiegelt nicht nur den Himmel, auch das Seelenleben der Protagonisten. Während Isolde von ihrem Ex-Verlobten Morold erzählt, den Tristan einst im Kampf erschlug, verwandelt sich das Wasser auf biblische Weise in Blut. Vom Himmel funken Myriaden von Sternen,  im Pool wimmelt es nur so von Leuchtfischen, die völlig verrückt spielen, als Tristan und Isolde einander mit dem Liebestrank zuprosten. Dann passierts, als ein coup de théâtre: Plötzlich können die beiden wie Christus über das Wasser wandeln. Strudel aus Licht entstehen unter ihren Füßen. Wild tollen sie in weißen Anstalts-Pyjamas auf diesem zugefrorenen Designersee herum. Und ab und zu, wenn sie sich schlafen legen, jeder in seiner Ecke, verwandeln sich Tristan und Isolde in ulkige weiße Gebirge.

Außer diesen unselig zum statuarischen Rampensingen verurteilten Liebenden laufen alle anderen immer nur um den Pool herum. Mit dem, was aus dem Graben tönt an subtiler Hoffnung und Klage, haben diese Bilder nichts zu tun. Einmal tauchen Stäbe aus Licht oder aus Eis auf in der Deckenöffnung – vielleicht sind es die sich verlängernden, vom Himmel fallenden Sterne. Sie nähern sich Tristan und bedrohen ihn, helfen nach bei seiner selbstmörderischen Verteidigung. Aber was hilft’s? Letztlich ist auch dieses Tableau nur fotogen, nichts weiter.

Kritik von Dr. Eleonore Büning

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Tristan und Isolde: Musikdrama von Richard Wagner

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Markus Poschner (Dirigent), Roland Schwab (Regie), Stephen Gould (Solist Gesang), Catherine Foster (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Markus Eiche (Solist Gesang), Ekaterina Gubanowa (Solist Gesang), Ólafur Kjartan Sigurdarson (Solist Gesang)

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