> > > > > 02.04.2006
Sonntag, 20. Oktober 2019

Johann Sebastian Bach

Fortwährend stringent und spannungsreich musiziert

Johannes Passion mit „La Petite Bande“

Das zweite nahezu ausverkaufte Konzert des Lucerne Festivals Ostern 2006 brachte die Johannes-Passion BWV 245 von Johann Sebastian Bach mit Sigiswald Kuijken (Leitung, Violine, Viola d`amore, Viola da gamba) und seiner ‘La Petite Bande’. Dieses kleine, hoch spezialisierte Barock-Orchester genießt weltweite Reputation in der Sparte Alte Musik. Das phänomenale an dieser gelungenen Aufführung, für die Lucerne Festival keine Kirche –wie bei Passionskonzerten vorangegangener Jahre - sondern den akustisch besseren großen Konzertsaal im KKL wählte, war die solistische Bestückung des Chores. Hier beschränkte Kuijken sich auf acht Sänger – zwei Vokalquartette. Mit dieser minimalistischen Besetzung erzielte ‘La Petite Bande’ maximale Sensitivität und Expressivität. Alle Soli und Chöre waren bestens durchhörbar und von bester Textverständlichkeit. Der Hörer konnte also das wie immer vorbildlich gestaltete Programmheft getrost beiseite legen und sich auf die verblüffend farbigen, sehr ausdrucksvollen Stimmen konzentrieren.

Evangelist Bernhard Hunziker (eingesprungen für Christoph Genz), der auch die Tenorarien ‘Ach, mein Sinn’ und ‘Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken’ ausführte, bestand seine ‘Doppelbelastung’ grandios. Mit schlanker Stimme führte er die Rezitative des Evangelisten stets richtungweisend und klanglich famos. So erhielt die Erzählung der Passionsgeschichte ein neues Format, dass ‘La Petite Bande’ mit facettenreichem Originalklang unterfütterte. Auch seine Arien erschütterten: Hunziker vermochte die Ratlosigkeit des Ichs in ‘Ach, mein Sinn’ überzeugend und aufgewühlt zu übermitteln.

Sunhae Im (Sopran I) sang die Arie ‘Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten’ mit herzergreifender Leichtigkeit. Der Vergleich zu einer durchschimmernden Fayence-Vase liegt auf der Hand. Lediglich das Vibrato der 1976 in Korea geborenen Sopranistin, die sich vor allem unter Herreweghe in Antwerpen und Gent etablierte und auch in Deutschlands großen Opernhäusern wie beispielsweise Frankfurt oder Hannover (2001-4 dort im Ensemble) immer wieder gesungen hat, romantisierte in Endungen, was ein wenig ablenkte. Doch Ims Ausdruck war reichhaltig und gegen Ende hatte sie noch einmal einen großartigen Auftritt: Nachdem der Höhepunkt der Passion bereits überschritten ist, singt sie die ‘Zerfliesse, mein Herze’-Arie in salbungsvoller Süße und bleibt dennoch bescheiden. Ihre Höhe ist dabei von makelloser Reinheit.

Der Angedeutete Höhepunkt der lyrischen Empfindsamkeit ist erreicht, kurz bevor Jesus – herzhaft und kraftvoll interpretiert von Jan van der Crabben – den Kreuzestod erleidet: Altistin Petra Noskaiova verleiht diesem Moment Würde und Pietät. Ergreifend, wenn dazu Sigiswald Kuijken seine Violine aus der Hand legt und zur Viola da Gamba greift um die Arie ‘Es ist vollbracht!’ auszuschmücken.

Glänzend gelangen dem Chor die als verflixt geltenden ‘Wohin?’-Einwürfe in Crabbens-’Eilt’-Arie, die in Luzern wunderbar mit den Motiven der Violinen korrespondierten. So schön hat man es selten gehört. Auch das Stimmengewirr zuvor in ‘Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!’ hatte Präzision und Klangschärfe, die Choräle waren plastisch wahrnehmbar. Zudem sorgte die Aufstellung des Chores für den natürlichen Stereoeffekt. Überhaupt viel auf, dass Kuijken sich fortwährend erfolgreich um stringentes und spannungsreiches Musizieren bemühte, was den Abend zu einem unvergleichlichen Kunstgenuss werden ließ

Abschließend soll noch ein Wort über das fabelhafte Continuo-Duo Ewald Demeyere (Orgelpositiv) und Marian Minnen (Violone), die gemeinsam schier Unglaubliches leisteten in punkto Flexibilität, Intonation und Drive. Kaum weniger glänzte auch Sara Kuijken (Violine II), die gemeinsam mit ihrem Mann auch das Viola d´amore-Duett stemmte.
Diese Johannes-Passion mit ‘La Petite Bande’ mit menschlichem Antlitz ließ Raum zum Nachdenken, beleuchtete den Text neu und profilierte sich musikalisch authentisch auf höchstem Niveau.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Lucerne Festival: Ostern 2006

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Sigiswald Kuijken (Dirigent), Sunhae Im (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Lucerne Festival

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