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Samstag, 28. Mai 2022

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Wintergarten Varieté FLYING DREAMS, Copyright: Jakub Tryniszewksi

Wintergarten Varieté FLYING DREAMS, © Jakub Tryniszewksi

Die urbane Tanzgruppe Flying Steps im Wintergarten

Street Dance als Energiespritze für Klassiker

Das Programmheft verspricht „eine faszinierende künstlerische Liaison“. Gemeint ist das Zusammentreffen von Street Dance und klassischem Varieté im Berliner Wintergarten in der Potsdamer Straße, im Programm „Flying Dreams“. Berlin ist ja nicht gerade als Hotspot für Tanz bekannt (eher als Hotspot für Skandale rund um Tanzkompanien und Ballettschulen). Und Street-Dance-Gruppen wie die Kreuzberger Flying Steps trifft man im etablierten Musik- und Tanztheaterbetrieb der Hauptstadt eher selten oder gar nicht an. Was bedauerlich ist, denn die jungen, urbanen, sehr diversen Tänzer locken ein anderes Publikum an mit ihren sportiven Bewegungskünsten - ein Publikum, um das sich viele Institutionen händeringend bemühen und das der Kultursenator von den Linken gern involvierter sehen würde. Und so war es meine 20-jährige Nichte, die keinen Fuß in „Schwanensee“ oder „Nussknacker“ setzen würde und an den intellektuellen Ausdrucktanz-Performances im Off-Bereich nicht interessiert ist, die mich auf „Flying Dreams“ aufmerksam machte und drängelte, dort gemeinsam hinzugehen.

Einen Tag nach der Otto-Pichler-Tanzgruppe an der Komischen Oper, die auf geniale und ultra-sexy Weise das Genre Operette in der „Schönen Helena“ von Offenbach aufgemischt hatte, saß ich also im Wintergarten und durfte erleben, wie die Street Dancer von Flying Steps das traditionelle Varieté aufmischten. Man sah typische Akrobatik Acts mit Künstlern, die – wie bei Pichler/Kosky – aus ihrer emotionalen Entrücktheit durch die Tänzer plötzlich ganz zeitgemäß und nahbar wirkten. Besonders, weil sie immer wieder gemeinsam in durchchoreografierten Gruppenszenen (von Jeffrey Jiminez und Louis Becker) auftraten – und man staunen durfte, wie gut die Akrobaten tanzen können. Und zwar alle!

Musikalisch bewegte sich das Programm eher im Popbereich, mit einigen wenigen klassischen Musikschnipseln, die allerdings ebenfalls popartig arrangiert wurden und vom Band kamen. Einige dieser Künstler bzw. ihre Akrobatikkollegen kann man einmal im Jahr beim Deutschen Symphonie-Orchester erleben, wo zu Silvester und Neujahr Klassikhighlights im Roncalli Cirkus kombiniert werden mit Zirkus-Acts. Das ist eine sich gegenseitig inspirierende alljährliche Attraktion von großer optischer Schönheit, die „Klassik“ neu vermittelt, was man immer wieder an der Zusammensetzung des Publikums merkt. Wieso der Hauptstadtklassikbetrieb das nicht öfters offeriert, also diese Kombination von Klassik und Akrobatik oder wie in diesem Fall Street Dance, bleibt mir ein Rätsel. Denn auch im Wintergarten sieht man Varieté-Nummern von größtmöglicher meditativer Schönheit, z. B. das Frauenduo Sky & Michele mit leuchtenden Ringen. Oder man erlebt die überwältigende Erregung von Jeka, einem Cyr-Wheel-Artist (der mit einem 15 Kilo Metallring über die Bühne fetzt – drehend). Charmante Acts wie der BMX-Fahrer Tim Höfel (von der Staatlichen Schule für Artistik Berlin) oder die 3J, ein Jonglier-Trio, sorgen für weitere Highlights. Ebenso Mando Beatbox, der mit selbsterzeugten Geräuschen und einer Beatbox mitreißende Live-Musik macht und den Abend moderiert.

Meine Nichte, die sich nach zu vielen negativen Erfahrungen den Berliner Opernhäusern verweigert (obwohl sie modernes Musiktheater liebt), fühlte sich von den abstrahierten Emotionen der hier gebotenen Acts und von den Street Dancern sehr abgeholt. Sie war auch begeistert davon, wie nur mit Licht- und Videoeffekten auf einer kleinen kahlen Bühne so viele innovative Dinge passieren können – die mithalten können mit der Ästhetik, die viele aus Serien und Musikvideos kennen, also der populären Jugendkultur. Was übrigens auch mich mit 50+ beeindruckt hat (Regie: Rodrigue Funke und Vartan Bassil, beide auch fürs Bühnenbild veranwortlich). Unter den Tänzern fiel mir Louis Buß besonders auf, der Jüngste im Cast, wie’s im Programmheft heißt. Der 23-Jährige gewann 2018 den Breakdance-Wettbewerb Battle of the Year Germany und faszinierte auch in „Flying Steps“ mit seinen Powermoves und gewinnender Bühnenpräsenz (ums mal untertrieben zu formulieren).

Solche Kombinationen von scheinbar gegensätzlichen Elementen – bei DSO Orchesterklassiker mit Zirkus, hier Street Dance und Varieté, bei der Komischen Oper die Pichler-Truppe mit Operette – führen oft zu „kongenialen“ Resultaten. Und man könnte fragen, wieso das nicht eine weiterverbreitete Selbstverständlichkeit ist, wenn es um das Neuerfinden von Klassikformaten wie Liederabenden usw. geht.

Wer sich diesbezüglich inspirieren lassen will oder wer einfach zweieinhalb Stunden imposante Tanzperformances genießen möchte, der ist bei „Flying Dreams“ unter dem blau-leuchtenden Sternenhimmel des Wintergarten genau richtig. Und trifft anschließend die vielen ukrainischen Künstler des Abends, die am Ausgang Spenden sammeln für ihre Landsleute im Krieg.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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