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Samstag, 28. Mai 2022

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Szenenfoto, Copyright: Iko Freese

Szenenfoto, © Iko Freese

Koskys farbenfrohe Produktion kehrt zurück

Topsy Turvy mit Offenbachs Schöner Helena

Barrie Koskys Vision der „Schönen Helena“ nach Jacques Offenbachs Opéra bouffe aus dem Jahr 1864 ist zurückgekehrt an die Komische Oper Berlin. Dort hatte die Inszenierung 2014 Premiere und lief lange. In der Abschiedsspielzeit Koskys – der nach zehn Jahren als Intendant diesen Sommer ausscheidet – kehrt die Produktion nun ein letztes Mal zurück. Damals war es die erste Auseinandersetzung mit Offenbach unter Koskys künstlerischer Leitung am Haus, wo eine der legendärsten Offenbach-Produktionen des 20. Jahrhunderts lief: Walter Felsensteins „Ritter Blaubart“. Auch sonst hatte die Komische Oper zu DDR-Zeiten etliche bedeutende Offenbach-Stücke herausgebracht, unter anderem die „Reise zum Mond“.

Während Koskys Revival der vergessenen Weimarer-Republik-Operetten bahnbrechend und wegweisend war, was auch für die alternative queere Operettenserie mit den Geschwistern Pfister gilt („Clivia“ und „Roxy“ vor allem), aber auch für die konzertanten Ausgrabungen von Emmerich Kálmán und Paul Ábrahám, so war seltsamerweise die Offenbach-Serie unter seiner Intendanz nicht so überzeugend. Stefan Herheim vergeigte einen neuen „Blaubart“, die aus Salzburg importierte Kosky Inszenierung „Orpheus in der Unterwelt“ und seine Corona-reduzierte Produktion der „Großherzogin von Gerolstein“ waren zwar spannend, aber keine Ereignisse von globaler Strahlkraft – was teils an der Besetzung lag, bei der keine Dagmar Manzel und kein Max Hopp und keine Geschwister Pfister dabei waren. Sondern stattdessen: Opernsänger aus dem Hausensemble, die sich mit Dialog und Timing etwas schwertaten. Und tun. (Trotzdem ist der „Orpheus“ in der Salzburger Version auf DVD rausgekommen und dadurch natürlich schon international wahrgenommen worden.)

Die „Helena“ nun nach längerer Pause wiederzusehen, erinnert daran, was für hinreißend schöne Bühnenbilder Rufus Didwiszus entwerfen kann, wie grandios die Kostüme von Buki Shiff sind und wie umwerfend toll die aus sechs halbnackten Männern bestehende Tanztruppe von Otto Pichler ist. Dazu kommt eine von Tobias Ribitzki präzise neu einstudierte Aufführung, mit Nicole Chevalier in der Titelrolle. Sie und alle um sie herum sprudeln geradezu über vor Spielfreude. Was kombiniert zu einer farbenfrohen, hyperenergischen und fröhlich stimmenden Aufführung führt, die vom Publikum am vergangenen Wochenende frenetisch mit Beifall überschüttet wurde. Meine Mutter sagte nach der Vorstellung: „Das tat so gut, diese schöne Bühne und diese mitreißenden Darsteller zu sehen, die Farben und diese lustigen Darsteller, ich bekomme davon gute Laune!“

Dem kann ich nur aus vollem Herzen zustimmen. Es war ein Gute-Laune-Abend, der einige stimmliche Glanzleistungen bot. Tenor Tansel Akzeybek kehrte nach Corona-Quarantäne zurück und klang so leuchtend, wie ich ihn noch nie zuvor gehört hatte. Maria Fiselier als (für mich) neuer Orest war ebenfalls eine Wucht, Dominik Königer im knappest-sitzenden Badeanzug der Welt glänzte als Kriegsherr Agamemnon mit baritonalen Wucht, und Stefan Sevenich im Fat Suite zog als korrupter Großaugur Kalchas eine Slapstick-Show der Sonderklasse ab. Dazu neu am Pult: Michele Spotti, der für frischen Sound sorgte und viele musikalische Extras verwaltete: von Mahlers 6. Symphonie (für den Auftritt der Brieftaube) übers Schicksalsmotiv aus Beethovens Fünfter, ein bisschen Wagner hier, ein bisschen „Non, je ne regrette rien“ dort.

Dieses Mash-up aus Offenbach und vielem anderem rollte drei Stunden auf Rollschuhen und mit Sexappeal am Zuschauer auf einem Laufsteg vor dem Orchestergraben vorbei. Voll gestopft mit Gags und noch mehr Gags, die zwar alle aus dem Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy heraus entwickelt sind, aber teils (für mein Empfinden) den präzisen musikalischen Humor von Offenbach zubetonierten. Dadurch wurde die geniale Neuerzählung der Geschichte von Paris und Helena und vom Trojanischen Krieg mehrfach unsichtbar. Man muss sie kennen, um zu begreifen, was im Bewegungschaos auf der Bühne eigentlich passiert. Da hätte Dramaturgin Johanna Wall ihren Dienstherrn Barrie Kosky vielleicht erinnern sollen, dass manchmal etwas weniger „mehr“ ist. Sie hätte ihn auch darauf hinweisen können, dass die Neuübersetzung von Simon Werle nicht nur kostenpflichtig ist, sondern nicht annähernd so gut wie die von Ernst Dohm aus den 1860er-Jahren.

Aber vielleicht war niemandem der Text wichtig, weil man den sowieso fast nie verstand, wenn gesungen wurde? Im Gegensatz zu Manzel, die eine begnadete Chansonsängerin ist, gestaltete Chevalier ihre „Anrufung der Venus“ oder die Couples aus dem Finale des zweiten Akts so, dass sie zwar mit vollem Körpereinsatz die Nicole-Chevalier-Supershow abzog (brava!!!), aber der Text völlig auf der Strecke blieb. Das ist schade. Denn Dohm ebenso wie Meilhac/Halévy haben ein geniales Libretto geschrieben, dem voll und ganz zu vertrauen ein Vorteil gewesen wäre. Auch hätte es sich gelohnt, Offenbach selbst mehr zu vertrauen, der schon ganz gut wusste, wie man die Witze musikalisch umsetzt. Und der selbst genug Zitate eingebaut hat, ohne Mahler, Beethoven und Edith Piaf noch obendraufzusetzen.

Wer sich daran nicht stört, dass das hier anders läuft, und wer einfach drei Stunden Topsy Turvy mit wunderbarer Offenbach-Musik hören will, der ist in dieser Wiederaufnahme goldrichtig. Im zweiten Akt fehlt die Spielszene der Könige, dafür gibt’s im dritten Akt das „Trio patriotique“, von Köninger, Sevenich und Christoph Späth als Menelaus gesungen. Allerdings ist es wiederum so von den nonstop tanzenden Otto-Pichler-Darstellern überlagert, dass der Inhalt der Nummer zwischen gespreizten Muskelbeinen und entblößten Burstwarzen auf der Strecke bleibt. Wie gesagt: Wenn man weiß, worum es geht, ist das weniger störend. (Man kann ja durchweg die mehrsprachigen Untertitel mitlesen, wenn man am Inhalt von Operetten interessiert ist. Oder die Inhaltsangabe im Programmheft lesen.)

Die Produktion insgesamt betont das, was Laurence Senelick in seinem Buch „Jacques Offenbach and the Making of Modern Culture“ beschreibt. Diese „Helena“ ist definitiv eine moderne Frau, wie schon 1864 als Hortense Schneider sie in Paris spielte oder Marie Geistinger es in Wien tat. Diese „Helena“ zelebriert bewusst Nacktheit und Sex, wie das in den 1860er-Jahren der Fall war und für heftigen Protest sorgte. Ein „Skandal“ ist das heute nicht mehr. Und das ist wunderbar. Nur ist hier eben alles ein bisschen „all over the place“. Und nackt ist im Zweifelsfall nicht Helena - sondern die Männer. Man kann das ein feministisches Statement nennen.

Da es sonst weit und breit keine Offenbach-Alternativen gibt und nirgends sonst eine „Schöne Helena“ im Angebot ist an den Berliner Bühnen, läuft diese Wiederaufnahme eh außer Konkurrenz. Und ist aus diesem Grund noch unverzichtbarer, um inmitten all der schrecklichen Nachrichten drei Stunden lang in eine Parallelwelt abzutauchen. Wie gesagt, das Publikum bei der Wiederaufnahme jubelte, die Darsteller auf der Bühne strahlten. Und der neue Dirigent wurde begeistert in deren Mitte gefeiert.

Vielleicht startet die neue künstlerische Leitung in der nächsten Spielzeit ja eine neue Offenbach-Serie. Es wäre mehr als wünschenswert. Max Hopp widmet sich – nach seinen Operettenausflügen mit Kosky und nach Offenbachs „Prinzessin von Trapezunt“ in Hildesheim – demnächst Offenbachs „Barkouf“ am Opernhaus Zürich. Das wäre ein Stück, das dringend nach Berlin kommen sollte… und Kooperationen der Komischen mit Zürich gab es auch schon. Man darf also gespannt sein, was da kommt.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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