> > > > > 17.06.2022
Mittwoch, 7. Dezember 2022

1 / 5 >

Szenenfoto Paradise Lost, Copyright: Thomas Koy

Szenenfoto Paradise Lost, © Thomas Koy

Paradise Lost an der Neuköllner Oper Berlin

Das neue Zaufke/Lund-Musical

„Am Anfang ist immer das Nichts - bis einer kommt und eine Idee hat!“ So beginnt das neue Musical von Peter Lund (Text) und Thomas Zaufke (Musik), das die beiden Autoren zum Abschluss einer 25-jährigen Partnerschaft zwischen der Berliner Universität der Künste und der Neuköllner Oper geschaffen haben. Mit den Studenten des Musical/Show-Studiengangs der UdK. Es ist ein Werk, mit dem sich Lund als langjähriger Leiter dieses Studiengangs verabschiedet. Und es ist ein Werk, das speziell für die Talente dieser zehn jungen Künstler geschaffen wurde.

„Paradise Lost“ heißt es und erzählt von der „Genesis of Musical“ an einem deutschen Provinztheater, wo ein neues Werk auf die Bühne gebracht werden soll – von einem gottähnlichen Regisseur (man hört lediglich seine Stimme: UdK-Professor Mathias Noack) und mit aufstrebenden Stars, die prekäre Arbeitsverträge in Kauf nehmen, nur um auf der Bühne stehen zu können und ihren Traum vom Showbusiness zu verwirklichen. Trotz aller Frustrationen über gestrichene Aufführungen, schlechte Bezahlung, Umbesetzungen und schamlose Ausbeutung durch die Produktionsfirma.

Dabei stehen sich inhaltlich das „Paradies“ mit Adam (Tobias Blinzler) und Eva (Lisa Maria Hörl) und die „Hölle auf Erden“ (= Musical in der Provinz) gegenüber. Mit der Produktionsassistentin Lilli (Annika Steinkamp) als Vermittlerin zwischen den Welten.

Natürlich hat das eine starke Meta-Ebene: Es ist ein Musical darüber, wie ein Musical auf die Bühne gebracht wird und ein Musical über die Erwartungen ans Genre von jungen Musicaldarstellern die „Raus in die Welt“ wollen, um zu „singen und spielen für Geld“, wie’s in einer Nummer heißt. Sie halten sich durchweg „für was Besonderes“ – und versuchen sich in „16 Takten“ bei einem Vorsingen möglichst gut vorzustellen. Um dann in haarsträubenden Bibelszenen als Moses-und-der-Auszug-aus-Ägypten oder bei einem Tanz ums goldene Kalb (genial angeführt von Paul Fruh in goldenem Stretch-Outfit) zu demonstrieren, was hierzulande gemeinhin als „Musical“ gilt. Man kann das wahrlich als Hölle-auf-Erden bezeichnen.

Wenn man „Paradise Lost“ mit Mel Brooks Meta-Musical „The Producers” vergleicht, so fällt auf, dass hier die Witze über Sexismus, #MeToo und die Unterhaltungsbranche kaum echten Biss entwickeln und dass Peter Lund als Regisseur seines eigenen Stücks in den „Production Numbers“ nie den Mut hat, „over the top“ zu gehen (Choreografie: Bart De Clercq).

Wo Brooks einen echten Broadway-Splash machte und die Musicalgeschichte vorwärts und rückwärts zitierte (bzw. dekonstruierte), bleibt „Paradise Lost“ auf der weitgehend kahlen Bühne der Neuköllner Oper genau die Provinz, um die es laut Handlung geht. Aber es fehlt dabei das Schräge und Aberwitzige, um solche bewusste Provinzialität durchweg unterhaltsam zu gestalten. Mit anderen Worten: Da ist inszenatorisch noch ein bisschen Luft nach oben.

Thomas Zaufke hat eine schmissige Musik für seine zehn Solisten geschrieben, die mal nach „Love Boat“ und den Supremes klingt, mal nach Sondheim, mal nach Cy Coleman und „City of Angels“. Und eben ganz oft: nach Zaufke! In den Balladen und Duetten zwischen den Frauen gibt es verführerische harmonische Rückungen, aber trotz des Einsatzes eines Synthesizers bleibt der Sound der kleinen Band mit Geige, Cello, Gitarre und Trompete eher pauschal, statt dass Instrumentationsakzente gesetzt werden, die für Kontrast und Nuancierung im Klang sorgen (musikalische Leitung: Markus Syperek und Tobias Bartholmess).

Anstelle einer schrillen Revue mit Bibelthematik und mit viel biblischer Nacktheit bekommt man Szenen aus dem nackten Berufsalltag, bei denen die verbindenden Handlungselemente nie so ausgearbeitet sind, dass sie für sich „tragen“ und den Zuschauer emotional fesseln. Mich haben sie jedenfalls nicht gefesselt. Weder die Eheprobleme zwischen Adam und Eva, noch der Seitensprung Adams mit der Produktionsassistentin Lilli, auch nicht die verkorkste Beziehung zwischen der neuen „Blondine“ Maja (Isabella Selinger) und dem „Virgin Killer“ Alex (Manuel Nobis).

Wirklich gefesselt – als Bühnenfiguren – haben mich nur Mirjam Wershofen als Tits-and-Ass-Girl Judith, die über ihre ganze Körperhaltung eine derartige Präsenz entwickelt, dass man ihr ihren widersprüchlichen Charakter glaubt. Und mit ihr mitfühlt, wenn sie sich im Probenbetrieb zerreibt, während sie von ihrer Ehefrau zuhause erzählt und Ratschläge an die Konkurrenz gibt, worauf man achten sollte, wenn man in diesem Business weiterkommen will („ohne bauchfrei brauchst du gar nicht erst antanzen“).

Restlos glaubhaft war für mich auch Paul Fruh als Peedy: Anfangs wirkte er wie das Abziehbild eines affektierten und aalglatten Musicaldarstellers, der Spagat kann, Step-Kick-Step und sonst gar nichts. Aber im Laufe der Aufführung entwickelt Fruh eine verblüffende Tiefe, die in seinem Eingeständnis eines #MeToo-Erlebnisses mündet, das mich viel stärker ergriffen hat als die große #MeToo-Szene von Maja und dem (unsichtbaren) Regisseur, auf die der Abend melodramatisch hinausläuft.

Und dann ist da noch Adam Demetz als Rocker aus der Pfalz, der quasi aus Versehen in die Bibel-Produktion rutscht. Nicht nur sind seine Rockeinlagen wirklich witzig, auch sein pfälzer Akzent im Dialog und seine ganze Darstellung eines Antihelden sind einprägsam. Während andere es nicht schaffen, ihre „Funkenmariechen“-Aura zu überwinden (wie‘s im Text heißt), um zu Glaubwürdigkeit oder Wahrhaftigkeit à la Wershofen oder Fruh zu gelangen.

Steffen Gerstle spielt die alte Garderobiere, die gleichzeitig die „Schlange“ ist. Abgesehen davon, dass Gerstle viel zu jung ist, um diese „Ich habe schon alles gesehen“-Rolle glaubhaft zu verkörpern, gestaltet er sie mit einem seltsamen Berliner Akzent und in Schürze und Latschen wie eine billige Volkstheaterfigur. Das würde zwar zum Thema des Stücks passen – also zur „Hölle“ Musical –, aber die Garderobiere ist nicht Teil des eigentlichen Musicals, das auf die Bühne gebracht wird. Insofern ist diese dankbare Rolle hier ein bisschen verschenkt. Und auf Klamauk reduziert. Wohlwollend könnte man das als kritische Intervention bezeichnen. Außerdem dabei ist Timothy Leistikow als Kai, der als Kain der Gegenspieler zu Nobis’ Alex/Abel ist. Ein Bromance mit Abgründen.

„Wir werden hier total gefickt“, sagt einer der Darsteller angesichts der unmöglichen Arbeitsverhältnisse in der Provinz. Er ruft zum Streik auf, dem sich aber niemand anschließen will, weil alle Angst um ihr Engagement haben. Und so kleben sich die Damen ihr Nippelsticker-Kostüm an, weil „Sex Sells“ (so ein weiterer Liedtitel), während auch die Herren sich ausziehen – denn das Motto „gilt auch für Männer“. Als biblische Fleischbeschau ist diese Aufführung definitiv geeignet und wird von den zehn UdK-Studenten souverän gehandhabt.

Abgesehen von „The Producers“ ist vermutlich „A Chorus Line“ die unmittelbare Vergleichsgröße (und statt „One“ gibt’s ein Ensemble mit dem Titel „Eins“). Auch „Chorus Line“ hat keine durchgehende Handlung und nur einen vagen roten Faden. Aber da ist der Spannungsboden mit „I hope I get it“ stärker als bei „Paradise Lost“, wo niemand beim Vorsingen rausfliegt, alle weiterkommen und jeder sein vorhersehbares Happyend kriegt.

Statt wie Barrie Kosky an der Komischen Oper nach zehn Jahren ein gigantisches Revuespektakel abzufackeln, wo alles größer, bunter, schräger und verrückter ist als sonst, ist bei „Paradise Lost“ vieles nach 25 Jahren Kooperation zwischen Neuköllner Oper und UdK, zwischen Peter Lund und Thomas Zaufke, zwischen Nachwuchsstars und Off-Bühne dabei, was in früheren Stücken schon behandelt wurde. Und was nun nochmal als „Best of“ zusammengeführt wird.

Das ist einerseits eine wunderbare Verneigung vor einer großartigen Leistung im letzten Vierteljahrhundert. Es ist auch ein wunderbarer Schlusspunkt, bei dem einige Stand-out-Darsteller zu bewundern sind. Es ist andererseits eine Erinnerung daran, dass wir mit Musicals inzwischen weiter vorangeschritten sind. Und dass es vielleicht Zeit ist, solchen höllischen Provinzproduktionen von Musicals einen Tritt in den Allerwertesten zu geben, und das Musical in Deutschland zu dem zu machen, wovon die Charaktere in „Paradise Lost“ träumen und wofür Lund/Zaufke in so vielen ihrer bahnbrechenden Stücke stehen. Zu etwas, womit Michael R. Jackson mit „Strange Loop“ am Broadway gerade den Tony Award als bestes neues Musical gewonnen hat. Vom Pulitzer-Preis ganz zu schweigen.

Ob sich „Paradise Lost“ als Klassiker neben anderen Lund/Zaufke-Werken wie „Grimm“ & Co. bewähren wird, muss man abwarten. Und vielleicht nochmal genauer ins Stück reinhören, wenn das Cast-Album mit den Uraufführungssängern verfügbar sein wird. Einige der Lieder und Duette (vor allem die zwischen den Frauen) lohnen unbedingt das wiederholte Anhören.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Kevin Clarke

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Wolfgang Amadeus Mozart: Sonata in D major KV 381 - Allegro molto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich