> > > > > 03.04.2022
Samstag, 28. Mai 2022

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Der Meister und Margarita, Copyright: Bernd Uhlig

Der Meister und Margarita, © Bernd Uhlig

Zur Inszenierung von Valentin Schwarz

Oper Köln: Der Meister und Margarita

Mit der Neuproduktion der aufwendigen Oper „Der Meister und Margarita“ ehrt die Oper Köln in der aktuellen Spielzeit den 1944 in Leverkusen geborenen Komponisten York Höller. Sein Interesse für elektronische Komposition wurde in Köln geweckt. 1971/72 entstand - auf Einladung Karl-Heinz Stockhausens im Elektronischen Studio des Westdeutschen Rundfunks  „Horizonte“ für Tonband - ein Werk, das Höllers einzige, rein elektronische Komposition bleiben sollte und im Prolog der Oper erklingt. Höller komponiert in der Tradition der Zwölftontechnik und der seriellen Musik. Er war zunächst Dozent und von 1995-2009 Professor für Komposition an der Musikhochschule Köln. Prägend für seine komplexe Kompositionssprache und -technik ist der Begriff der Klanggestalt - eine für jedes Einzelwerk besondere, aus der chromatischen Skala gebildete Tonfolge. Durch traditionelle Durchführungstechniken und Raumprojektionen entwickelt sich die Komposition.

„Der Meister und Margarita“ ist Höllers einzige Oper. Uraufgeführt 1989 in der Grand Opera de Paris fand die deutsche Erstaufführung zwei Jahre später in Köln statt.

Bei all den, mal dramatischen, mal humor-, mal geheimnisvoll anmutenden Klangwelten fasziniert besonders die Musik des Satanballs. Neben Zuspielbändern, die über 4 im Raum verteilte Lautsprecher erklingen und großem Orchester wird das Klangspektrum auch mit elektrisch verstärkten Streichern und einem Rock-Ensemble aus E-Bass, Keyboard, E-Gitarre und lateinamerikanischen Perkussionsinstrumenten erweitert. Effektvoll sind hier verschiedene Stile miteinander verwoben, ohne dass die musikalischen Stilzitate vom Komponisten zugedeckt werden. Hier blitzt differenziert die satirische Grundhaltung auf, die in der Inszenierung von Valentin Schwarz zu oberflächlich aufgegriffen wird. 

Grundlage der Oper ist der gleichnamige Roman von Michail Bulgakow. Er erschien erstmals 1966/67, 26 Jahre nach Bungalows Tod, als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift „Moskwa“. Fasziniert von der Thematik, Vielschichtigkeit und surrealen Komik des Werkes stellte Höller selbst die Kernszenen zu einem Libretto zusammen. Erzählt wird die Geschichte eines russischen Schriftstellers, der in der Stalin-Ära einen Roman über den römischen Statthalter Pontius Pilatus schrieb. Pilatus fällte - wider besseren Gewissens - das Todesurteil über den visionären Jesus von Nazareth. Diese Thematik des noch unveröffentlichten Romans wird als staatsgefährdend empfunden und sein Autor landet in der Psychiatrie. Margarita, seine Geliebte, paktiert mit dem Teufel, um ihren Meister wiederzufinden. Nachdem sie sich als Ballkönigin bewährt hat, wird ihr der Wunsch erfüllt. Sie darf ihren kranken, gebrochenen Liebsten wiedersehen. Beide werden zu Friedensbotschaftern. Margarita erlöst - mithilfe des Teufels Frida, die aufgrund einer Vergewaltigung schwanger wurde und das Kind ermordete. Der Meister erlöst Pontius Pilatus. In weiteren, eingefügten Szenen wird der Kernhandlung satirisch eine aus Habgier, Bestechlichkeit und Eitelkeiten bestehende Gesellschaftsmoral gegenübergestellt. 

Valentin Schwarz, der für die Neuinszenierung verantwortlich zeichnet, aktualisiert das Geschehen in die Jetztzeit und Stalin-Ära. Aus dem Flug Margaritas über Moskau ist eine zwischen Gewalt und Orgie changierende Filmcollage geworden, aus dem Patriarchenteichboulevard die Domplatte vor in graues Einerlei gefassten Kirchtürmen, aus der Psychiatrie eine Schule aus Bärchen und Froschkindern. Mithilfe der Drehbühne wechseln Szenen und Orte, gehen bruchlos ineinander über. Pontius Pilatus hat sich in eine in bunte, an Kölner Dom-Kirchenfenster erinnernde, römische Statue verwandelt. Die Schriftstellerkollegen erscheinen als bunte, jecke Schwellköppegruppe. Magier Voland und seine Assistenten glänzen als schwarz seidene Teufel. Wunderbar, wie sie die Klanggesten der Musik als Bewegungsimpulse aufgreifen, sich  atmosphärischen Wolkengebilden gleich in die Szenen schleichen. Auch ihre Gesichter verstecken sich in großen Maskenköpfen. 

Was auf den ersten Blick besticht, erweist sich im Laufe des Abends als weitere Verrätselung. Haltung und Gestik der Figuren wirken wie vereinfachende, komische Kommentare, erschweren das differenzierte Verständnis trotz der im Bühnenprospekt aufleuchtenden Themen und lassen eine differenzierte Personenkonstellation vermissen. Bewundernswert, wie die Gesangssolisten - allen voran Bjarni Thor Kristinsson als Schwarzer Magier Voland und Matthias Hoffmann als Gehilfe Korowjew - in den großen Masken so erstaunlich textverständlich haben singen können. Margarita ist Mensch geblieben und Adriana Bastidas-Gamboa verkörpert sie einfühlsam mit tiefgründiger, klangvoller Dramatik. Nikolay Borchev stellt in einer Doppelrolle den Meister und Jeshua dar. 

Das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von André de Ridder war ein Traum und lässt die Musik York Höllers zu einem ausdrucksstark ausgeleuchteten Klangerlebnis werden.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Der Meister und Margarita: Musiktheater in zwei Akten von York Höller

Ort: Oper,

Werke von: York Höller

Mitwirkende: André de Ridder (Dirigent), Gürzenich-Orchester Köln (Orchester), Nikolay Borchev (Solist Gesang), Bjarni Thor Kristinsson (Solist Gesang)

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