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Dienstag, 4. Oktober 2022

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Katia Buniatishvili, Copyright: Astrid Ackermann

Katia Buniatishvili, © Astrid Ackermann

Das BRSO in der Isarphilharmonie

Musikalisch zu Ende gedacht

Seinen letzten von drei Auftritten in dieser Woche hatte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am Samstagabend in der Isarphilharmonie. Ursprünglich hätte Mikko Franck erstmalig am Pult stehen sollen, er fiel jedoch krankheitsbedingt aus. Mit Leopold Hager als Einspringer hätte man nicht unbedingt gerechnet, der Altmeister erwies sich aber als gute Wahl. Programm und Solistin blieben unverändert, Katia Buniatishvili nimmt als Debütantin beim BRSO in Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18 den Platz am Flügel ein. Vom Komponisten als „Selbsttherapie“ zur Überwindung der eigenen Krise geschrieben, wurde es zum Welterfolg und hat seinen Siegeszug um die Welt sogar bis in die Filmstudios von Hollywood angetreten.

Emotional gedeckelt

Das Klavier kommt direkt zur Sache, ein Verstecken hinter dem Orchester ist hier unmöglich. Den berühmten Anfangsakkorden verleiht Buniatishvili allerdings nicht das gebührend raumgreifende Charisma. Passagenwerk geht ihr zwar gut von der Hand, dem Klavierton fehlt aber zu oft romantisch beseelte Wärme. Die Synchronität zwischen Klavier und Klangkörper ist meist gut, dunkle Hornfarben (hervorragend: Carsten Carey Duffin) malen ein klanglich dezidierteres Bild im Orchester als im Solopart. Buniatishvilis dynamische Bandbreite spielt sich im Wesentlichen zwischen Mezzoforte und Forte ab, auch der temperamentvolle Funke will nicht recht überspringen. Im Mittelsatz sind es ebenfalls Flöte (Philippe Boucly) und Klarinette (Stefan Schilling), die mehr emotionale Wärme als das Klavier verströmen. Auch die Streicherbewegungen sind differenzierter als Buniatishvilis Spiel, das emotional gedeckelt wirkt, klanglich ereignet sich nach wie vor zu wenig. Die rasanten Akkordfolgen zu Beginn des Schlusssatzes klingen bei ihr angestrengt, die innere Spannung fehlt, hinter Rachmaninoff-Spezialisten wie Denis Matsuev oder Daniil Trifonov bleibt sie an diesem Abend weit zurück. In romantischen Sphären schwelgen hier in erster Linie die Streicher. Gut gelingen Buniatishvili die sich verdichtenden Akkordbewegungen zum Ende hin, die Schlussexplosion detoniert sowohl im Klavierpart als auch im Orchester zu harmlos. Drei Zugaben erklatscht sich das Publikum dennoch, in der Liszt/Schubert-Transkription „Ständchen“ bleibt Buniatishvilis Tongebung weiter zu sehr an der Oberfläche, in Liszts „Ungarischer Rhapsodie“ Nr. 2 wirkt sie mit Tempo und Technik überfordert. Die Bach/Marcello-Bearbeitung des „Adagio“ aus dem Konzert BWV 974 lässt sie schön schweben, in den Anschlagsnuancen wäre aber auch hier noch Luft nach oben.

Chorale Strahlkraft

Seine ganze routinierte Erfahrung kann Hager dann in Bruckners Symphonie Nr. 7 E-Dur WAB 107 in die Waagschale werfen. Im ersten Satz glänzen ausgewogene Streicherproportionen, Holzbläser leuchten makellos. Fülle. Hager reizt das dynamische Blatt nicht vorschnell aus. Bis auf zwei leicht getrübte Trompeten-Einsätze sitzt hier alles nach Maß, Kontrapunktik inklusive. Die kraftvolle Schlusssteigerung ist umsichtig angelegt. Eher zügig nimmt Hager das „Adagio“, Spannungsaufbau und -abfall stellt er dennoch prägnant dar, musikalische Gedanken denkt er konsequent zu Ende. Warmes Blech-Timbre bis in die Wagner-Tuben intoniert den Choral mit Trauerflor auf den Tod des verehrten Meisters. Pausen bedeuten musikalisch keinen Stillstand, Crescendi wirken authentisch, feine Flötenlinien treffen auf elementare Blech-Kraft. Das „Scherzo“ hat kantige Schärfe, Hager nimmt die Vortragsbezeichnung „sehr schnell“ beim Wort, das Spiel des BRSO und die Akustik der Isarphilharmonie erlauben genauestens hörbare Details bis in hauchdünne Flötensphären. Das Trio wogt elastisch mit edler Streicherfärbung und präzisen Holzkonturen. Luftige Streicherhelligkeit markiert den Beginn des „Finales“, herausragende Strahlkraft hat die fanfarenartige Choralpassage. Hager und das BRSO sind jederzeit Herr der musikalischen Lage, in klanglich verschlankten und polyphonen Passagen wie im massiven Tutti.

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Kritik von Thomas Gehrig



Kontakt zur Redaktion


Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Franck/Buniatishvili

Ort: Isar-Philharmonie,

Werke von: Anton Bruckner, Sergej Rachmaninoff

Mitwirkende: Leopold Hager (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Khatia Buniatishvili (Solist Instr.)

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