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Samstag, 2. Juli 2022

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Anne-Sophie Mutter, Wiener Philharmoniker, Johns Williams, Copyright: Dieter Nagl

Anne-Sophie Mutter, Wiener Philharmoniker, Johns Williams, © Dieter Nagl

John Williams feiert Geburtstag im Musikverein

Die perfekte Party

Jeder, ob er es weiß oder nicht, kennt Musik von John Williams. 1954 startete er seine Karriere als Filmkomponist, zu nicht weniger als 107 (!) Hollywood-Streifen hat er seither die Musik geschrieben. Über die Zusammenarbeit mit Steven Spielberg gelang ihm 1975 der große Durchbruch mit den bedrohlich-einprägsamen Klängen zu „Der weiße Hai“. Generationen assoziieren seither mit seinen Soundtracks Welterfolge wie die „Star Wars“-Saga, „E.T. - der Außerirdische“ oder „Jurassic Park“, mit insgesamt fünf „Oscars“ ist er ausgezeichnet worden. Williams ist keiner, der seine Werke schematisch am Reißbrett entwirft, er besitzt eine umfassende musikalische Kenntnis, verfügt über eine Ausbildung als Dirigent und Pianist, hat außerdem Klarinette, Trompete und Posaune gelernt. Ein besonderes Verhältnis pflegt er zu den Wiener Philharmonikern und zur Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Zum zweiten Mal nach 2020 wird ihm die Ehre zuteil, in einem außerordentlichen Gesellschaftskonzert eigene Werke im Goldenen Saal des Musikvereins zu dirigieren. Diesmal anlässlich seines 90. Geburtstages. Eine persönliche und musikalische Freundschaft verbindet ihn darüber hinaus mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter, als seine „Muse“ hat er sie einmal bezeichnet, auch sie war bei seinem ersten Wiener Auftritt vor zwei Jahren mit dabei.

Europäische Erstaufführung

Eigens für sie hatte er schon früher einige seiner Filmmusiken für Solovioline und Orchester neu arrangiert, ihr hat er auch sein zweites Violinkonzert gewidmet, das im Mittelpunkt der ersten Konzerthälfte steht. Am 24. Juli 2021 war es in den USA beim Tanglewood Festival uraufgeführt worden, an diesem Nachmittag kommt es zur europäischen Premiere. Es zeigt den ursprünglich von der „E-Musik“ herkommenden Komponisten Williams von seiner unbekannteren Seite und als stilistisch äußerst vielseitigen Künstler. Mit jazzig-improvisatorischer Geste beginnt der „Prolog“ des viersätzigen Werks, langsame sphärische Klänge werden durchzuckt von abrupten agogischen Impulsen. Der zweite Satz („Rounds“) kreist in kontemplativer Ruhe um sich selbst. Es finden sich aber auch raue, zerklüftete Passagen, Reibungspunkte jenseits der Tonalität. An Anne-Sophie Mutters künstlerischer Persönlichkeit und Spielweise habe er das Konzert ausgerichtet, sagt Williams über das Werk. Das merkt man – Mutter fühlt sich hörbar wohl in allen stilistischen und musikalischen Facetten von zerbrechlichem Tonfall mit viel lyrischem Einfühlungsvermögen, in sich gekehrten Passagen, über impulsives Temperament in ruppig akzentuierten Figuren, bis hin zu technisch fordernder, virtuoser Geste. Die Wiener Philharmoniker sind prädestiniert, den Klangfarbenreichtum von Williams´ Musik abzubilden. Das gilt auch für die einzelnen Instrumentalisten, z.B. im dritten („Dactyls“) und vierten („Epilogue“) Satz mit deren subtiler Konversation zwischen Violine und Harfe, letztere meisterhaft beherrscht von Anneleen Lenaerts.

Süffiger Klangzauber

Nach der Pause kommen dann alle Filmfans voll auf ihre Kosten. Mit dem „Superman March“ geht es los, majestätisch strahlen die Philharmoniker-Blech-Fanfaren. Es folgen die heutzutage wahrscheinlich berühmtesten Celesta-Klänge der Welt in „Hedwig´s Theme“ aus den „Harry Potter“ – auch „Fawkes the Phoenix“ und „Harrys Wondrous World“ stammen aus dieser Reihe. Zu den großen Spielberg- und Williams-Klassikern gehört auch „Indiana Jones“, nach dem originellen „Scherzo for Motorcycle and Orchestra“ leuchten luftige Flötensphären in „Marion´s Theme“ aus der Folge „Raiders oft he Lost Ark“ (auch schon 2020 auf dem Programm). Lediglich die Hornstimme ist hier kurz etwas brüchig. Ans Ende des Programms sind die großen „Star Wars“-Hits gestellt, der „March of the Resistance“ aus Episode 7 hat stramme, rhythmisch griffige Haltung, polyphone Elemente beweisen Williams´ weit überdurchschnittliche Kompositionsfähigkeiten. „Princess Leia´s Theme“ und „Throne Room and End Title“ (beide Episode 4) führen mit süffigem und pompösem Klangzauber nochmals bekannte “Best of”-Themen zusammen.   

Filmografische Zeitreise

Mit den Philharmonikern hat er genau die richtigen Partner für die Darstellung seiner klingenden Bilderwelt, in der sich garantiert jeder mit eigenen Assoziationen und Erinnerungen wiederfindet. So wird das Konzert für alle im Saal zu einer filmografischen Zeitreise in die eigene Vergangenheit. Mit liebenswertem Charme und Humor moderiert Williams die Titel an, seine sicht- und spürbare Freude am Musizieren überträgt sich unweigerlich auf die Zuhörer, die sich nach fast jedem Stück in zugeneigter Ehrfurcht vor Williams erheben und ihn für sein eindrucksvolles Lebenswerk feiern – der perfekte Rahmen für seine Geburtstagsfeier.  Zu den vier Zugaben kommt nochmals Anne-Sophie Mutter auf die Bühne, mit expressivem Vibrato spielt sie „Across the Stars“ aus der „Star Wars“-Episode 2, das spritzige „The Duel“ aus „The Adventures of Tintin“ kostet sie spielfreudig aus. Am Ende der Zugabenreihe ist es dann fast wie beim Neujahrskonzert: Was dort der obligatorische „Radetzky“-Marsch ist, ist hier der „Imperial March“, der vollends die zuverlässig kalkulierbaren Jubelstürme auslöst. Ein Nachmittag mit Williams-Klassikern und seiner erklärten Muse, dirigiert vom Komponisten selbst – mehr Authentizität geht kaum. Anne-Sophie Mutter hat es selbst einmal so formuliert: „Das Wunderbare an Johns Musik – sie steht für sich selbst, auch ohne den Film“. Ein Satz, den seine riesige Fangemeinde so unterschreiben wird – an einem warmherzigen Nachmittag, der „die dunkle Seite der Macht“ draußen in der Welt für fast drei Stunden vergessen lässt.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Wiener Philharmoniker : The Music of John Williams

Ort: Musikverein,

Werke von: John Williams

Mitwirkende: John Williams (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Anne-Sophie Mutter (Solist Instr.)

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