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Dienstag, 4. Oktober 2022

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Szenenfoto Tosca, Copyright: Marco Borggreve

Szenenfoto Tosca, © Marco Borggreve

Lorenzo Viotti dirigiert „Tosca“ in Amsterdam

Scarpia und Sushi: Mord in der Designerküche

Die Nationaloper in Amsterdam (DNO) bekommt einen neuen dreiteiligen Puccini-Zyklus. Für diesen konnte Intendantin Sophie de Lint den jungen Chefdirigenten des Hauses gewinnen, Lorenzo Viotti, sowie als Gast aus Berlin Barrie Kosky. Als erste Premiere brachten die beiden jetzt „Tosca“ heraus, als „Opera noir“, wie es in den Vorankündigungen heißt.

Es sollte laut Kosky eine Produktion sein, die neue Bilder für die altbekannte Dreiecksgeschichte zwischen Tosca, Cavaradossi und Scarpia finden wolle, so dass man den Opernthriller gänzlich neu sehen könne. Was gerade bei „Tosca“ schwierig ist, weil die Geschichte ja historisch recht genau verortet ist und der Text diese Verortung mit Rom, Engelsburg, Napoleon usw. immer wieder betont. Allerdings haben Serienhits wie „Bridgerton“ oder „The Great“ (über Katharine die Große) zuletzt gezeigt, dass man ein historisches Setting wahren und trotzdem ganz neue (optische) Wege gehen kann. Wege, die anschlussfähig bei einem jungen und breitgefächerten Publikum sind.

Um einmal mit dem jugendlichen Publikum anzufangen: Dirigent Lorenzo Viotti hat sich über seine Social-Media-Selbstinszenierung zu so etwas wie einem Popstar der niederländischen Klassikwelt gemausert, der ein kreischendes Publikum in seine Konzerte lockt, die wie bei einem Rockstar-Event vor Begehren und Begeisterung schreien, wenn er die Bühne betritt. Ich persönlich finde solch eine Entwicklung in der Klassikwelt wunderbar und bin absolut dafür, der Klassik ihren Sexappeal wieder zu geben. Und wer könnte das besser als „Lorenzo il magnifico“, egal ob im rosafarbenen Anzug beim Fashion Shooting oder halbnackt im Fitnessstudio beim täglichen Training? (Jeweils auf Instagram zu bestaunen.) Als neuer Stern am Klassikhimmel sowie der holländischen Opernszene hätte er mit einem Kracher wie „Tosca“ ideal zeigen können, was er so alles draufhat – und dass er mit seinem Puccini etwas sagen will.

Für meine Ohren (und Augen) war das, was er dann „sagte“ allerdings wenig packend, und ich würde mich durchaus als Fan Boy bezeichnen. Wenn man dem erhöht stehenden Viotti am Pult zuschaute, sah man ihn mit ausgebreiteten Armen ein Pultballett ausführen, dass auf epische Breite und opulent dahinfließende Klänge deutete. Das ist selbstredend eine Seite von Puccini. Die andere Seite sind die unendlich vielen Details, die diese Mord-und-Vergewaltigungsgeschichte so atemberaubend spannend machen. Sie bleiben hier auf der Strecke, zumindest für meine Ohren. Viotti zeigte auch wenig Neigung, die Steigerungen in den Melodiebögen auf eine Weise nachzuzeichnen, dass die Klimaxe so sitzen, dass sie die Sänger unterstützen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Im „Te deum“ am Ende vom ersten Akt hat er Orchester und Chor schon vor Scarpias Ausruf „Tosca, mi fai dimenticare Iddio!“ derart hochgefahren, dass man Gevorg Hakobyan mit seinem kraftvollen Bariton gar nicht mehr hört. Dieses Überdecken von Sängern ist eigentlich eine Todsünde für jeden Puccini-Dirigenten und etwas, wo sich die genialen Puccini-Dirigenten der Vergangenheit (de Sabata, von Karajan oder Mitropolous usw.) vom Mittelmaß abheben.

Trotzdem wurde gekreischt, als Viotti am Ende im eng sitzenden schwarzen Smoking – mit schwarzem Pullover drunter und mit riesiger schwarzer Samtfliege – auf die Bühne flanierte. Das Publikum jubelte, nicht nur die jugendlichen Teile. Für die Premierenbesucher war seine „Tosca“-Deutung offensichtlich ein Triumpf. Wer bin ich da, wenn ich das so nicht gehört habe aus Parkett Reihe 9? (Es spielte übrigens das Nederlands Philharmonisch Orkest.)

Auf der Breitwandbühne in Amsterdam gab es Minimalismus und leere Räume zu sehen. Was bei einigen Kosky-Inszenierungen der Vergangenheit als geglückte Abstraktion gut funktionierte (etwa bei „Rusalka“ in Berlin). Hier ist die Geschichte mit minimalistischer Bebilderung allerdings über die Kostüme von Klaus Bruns in die Gegenwart geholt. Man sieht eine Tosca in einem etwas seltsam sitzenden Kleid-von-heute, wie sie sich wie ein modernes Girlie bewegt. Ein Kritikerfreund sah darin eine Anspielung auf eine bekannte russische Diva von beschränkter intellektueller Fassungsgabe. Die sich auf ein gefährliches Spiel mit einer Art Gangsterboss einlässt, der sie im zweiten Akt in seiner Designerküche zu Weißwein und Sushi empfängt, während sein Mafia-artiger Schlägertrupp im Keller unter der Küche Cavaradossi bei der Folter fünf Finger abtrennt. Fingerlos sitzt Cavardossi dann im dritten Akt vor einer silbernen Metallwand (eine Garage, ein Keller, eine Lagerhalle?) und trifft auf Tosca, die diesmal in einem rückenfreiem schwarzem Hosenanzug mit gigantischen Goldketten auftaucht. Und mehr mit sich selbst als ihrem schwerverletzten Liebhaber beschäftigt scheint. Sie holt immerhin kein Handy raus und macht ein Selfie, wie es eine reale russische Operndiva gern tut.

Ob das von Kosky wirklich als Kommentar auf aktuelle Gesangsstars und ihre umstrittene Nähe zu kriminellen Staatschefs gemeint war? Ich weiß es nicht; mir kam während der Premiere dieser Gedanke nicht. Eher habe ich mich an diesem Update der Geschichte gestört, weil dadurch etliche Textzeilen – die man auf Holländisch und Englisch mitlesen konnte – schlicht zur Absurdität gerieten. Allerdings gibt der junge Lucas von Lierop als Spoletta eine außergewöhnlich präsente Rolleninterpretation im grauen Maßanzug und mit blonden Locken: als Nachwuchsengel des Bösen. Während sein Chef auf der Kochinsel mit dem Sushimesser niedergestochen wird. Und bei greller Neonbeleuchtung liegen bleibt.

Was immer man sonst über die szenische Umsetzung denken mag, es gelingt Kosky ein sensationeller Moment als veritabler coup de théâtre am Ende des ersten Akts. Nachdem vorher alles leer und schwarz war, gehen plötzlich beim „Te deum“ die Wände auseinander und man sieht eine Höllenfahrt à la Rubens als gewaltiges Triptychon. Der Clou an diesem Altarbild ist, dass die Köpfe der Figuren aus Chorsängern bestehen, die immer näher rücken. Und wie ein himmlisches Gericht Scarpia ermahnen, wohin ihn seine Machenschaften führen werden. Besonders beim ersten Choreinsatz flüstern die Sänger ihren Text (Choreinstudierung: Klaas-Jan de Groot), was eine gespenstische Atmosphäre schafft. Aus der heraus dieses ganze Finale gestaltet ist. Es ist ein Bild, dass man nicht so schnell aus dem Kopf kriegt und das schlichtweg genial ist (Bühnenbild: Rufus Didwiszus).

Kurz davor gab es einen weiteren grandiosen Moment: Als die Messdiener wild auf der Bühne herumtanzen und plötzlich Scarpia hereinkommt, rennen sie mit einem lauten Horrorfilmgeschrei weg. Aber der Thriller-Effekt, der kurz entsteht und zu einer „Opera noir“-Interpretation à la Stephen King gepasst hätte, verpuffte, er kehrt auch in den nächsten zwei Stunden nicht zurück. Aber: Auch Kosky wurde bejubelt vom Premierenpublikum und von der Intendantin, die bei ihrer Premierenfeieransprache sagte, dass sei die beste „Tosca“, die sie seit 20 Jahren gesehen habe. Sie erwähnte auch, dass die Vorstellungen im Mai aufgezeichnet und im deutschen Fernsehen ausgestrahlt würden. Beurteilt auf Basis der diversen Radioausschnitte, die ich von dieser „Tosca“ gehört habe, könnte Viottis Dirigat über Mikrophon besser klingen als im DNO-Auditorium. Vielleicht hört er sich trotzdem vor der TV-Aufzeichnung nochmal Karajan und Mitropolous an, es wäre lohnend. (Kann man auch im Gym beim Hanteltraining gut hören; ich spreche aus Erfahrung.)

Malin Byström als Floria Tosca sieht attraktiv aus in ihren verschiedenen Outfits und singt mit ausgeglichenem Sopran die Partie sauber, wenn auch ohne einen Funken Exaltiertheit. Sie bleibt weitgehend anonym als „Diva“, und ihr finaler Sprung vom Baugerüst, das vor der Metallwand steht, ist ein optischer Anti-Klimax (verglichen mit dem „Te deum“). Da hätte ich ehrlich gesagt von Kosky bei „O Scarpia, avanti a Dio!“ irgendwas Krachenderes erwartet. Ein Gegengewicht zu dem Rubens-Altarbild.

Joshua Guerrero als Tenor verfügt über Puccini-Schmelz, bleibt aber reserviert, wenn’s darum geht, seine glühende Liebe zu Tosca zu verkünden. Und sein „E lucevan le stelle“ ging so unaufgeregt vorüber, dass es nicht mal Applaus gab. Allerdings applaudierten die Amsterdamer auch nicht nach „Vissi d’arte“, was mich erstaunte und was ich so noch nie erlebt hatte.

Wirklich toll war neben van Lierop als Spoletta der Sagrestano von Federico De Michelis, während Martijn Sanders als Angelotti schauspielerisch derart übertrieb, dass die Figur wie eine Parodie wirkte. (Sollte das Regiekonzept sein?)

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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