> > > > > 05.03.2022
Montag, 3. Oktober 2022

Szenenfoto, Copyright: Jaro Suffner

Szenenfoto, © Jaro Suffner

Schwanda, der Dudelsackpfeifer in Berlin

Ein böhmischer Michael Jackson?

Die ursprüngliche Idee, in der Spielzeit 2019/20 einen Jaromir-Weinberger-Schwerpunkt in Berlin zu setzen, wurde leider von Corona durchkreuzt. Damals hatte die Komische Oper zwar noch vor dem ersten weltweiten Lockdown eine Neuproduktion von Weinbergers Operette „Frühlingsstürme“ (1933) herausgebracht. Der zweite Teil des Weinberger-Revivals sollte dessen Volksoper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ (1927) sein, in der Regie von Andreas Homoki. Doch dazu kam es nicht. Während Barrie Koskys Interpretation der „Frühlingsstürme“ schon seit einer Weile auf DVD vorliegt, hat sich „Schwanda“ verspätet – und kam erst jetzt auf die Bühne. Hat sich das Warten gelohnt?

Das Stück ist zweifellos spannend und lohnt das Kennenlernen, weil es in die eklektische und widersprüchliche Welt der 1920er-Jahre entführt und mit einem Sound aufwartet, der geschickt Folklore mit Filmmusikelementen und großer symphonischer Opulenz verbindet. Es ist eine holzschnittartige Märchengeschichte vom Dudelsackpfeifer Schwanda, der seine frisch angetraute Ehefrau Dorotka und den gemeinsamen Bauernhof in Böhmen zurücklässt, um mit dem Räuber Babinský in die weite Welt aufzubrechen – und sich diese als eine Art mittelalterlicher Popstar mit seinem Spiel zu unterwerfen.

Das geht gehörig schief: Schwanda landet am Hof einer glamourösen Königin, die ihn verführen will und dann zum Tode verurteilt, als er sie abweist. In letzter Sekunde rettet er sich vor dem Fallbeil mit seiner Musik, die den Henker verzaubert wie in Mozarts „Zauberflöte“ das Glockenspiel Papagenos. Dann landet Schwanda wegen eines unbedachten Wortes plötzlich in der Hölle. Von wo ihn der Tausendsassa Babinský herausholt. Auch dort betört Schwanda am Ende die Unterwelt mit seiner Musik – und wird entlassen, um zu Dorotka zurückzukehren. Fortan lebt er wieder in Böhmen und hat der weiten Welt abgeschworen, weil es zuhause halt am schönsten ist. Eine Parabel auf das Leben, wie Homoki im Programmheft zur Neuproduktion konstatiert.

Andreas Homoki erzählt in diesem Interview überhaupt viele Dinge, die an „Schwanda“ interessant sind: zur Figur des Künstlers, zu Babinský als Robin Hood, der als heiterer Anarchist die Ordnung durcheinanderbringt und eulenspiegelhafte Züge hat. Homoki sinniert auch darüber, ob man die Dorotka aus heutiger feministischer Sicht kritisieren sollte für ihre vermeintliche Einfältigkeit. Er spricht davon, dass Weinberger Elemente der Lehár-Operette und des Musicals verwendet habe und die Szenen rund um die „Femme fatale“-Königin einen Hauch von Broadway hätten. Er vergleicht zudem Schwanda-den-Popstar mit den Beatles aus Liverpool, aber auch mit Mozart und Michael Jackson, und er bezeichnet die Titelfigur als „böhmischen Odysseus“.

Wie üblich tut Homoki all das eloquent. Aber wenn man sich anschaut, was er auf die Bühne bringt, dann ist das zwar schön anzusehen (besonders der Baum-und-Garten als Zuhause von Schwanda/Dorotka), aber es ist nachgerade erschütternd, wie wenig auf Wirkung ausgerichtet das szenische Arrangement der Geschichte bei Homoki ist. Das ist ein größtmöglicher Kontrast zu Koskys „Frühlingsstürme“-Inszenierung, die ebenfalls auf leerer schwarzer Bühne spielt, ebenfalls von Otto Pichler choreografiert ist und ebenfalls mit dem Element der Abstraktion arbeitet. Aber bei Kosky lebt alles von Bewegung und sicherem Instinkt für Steigerung und Storytelling.

Ein fundamentales Problem bei Homokis „Schwanda“ ist, dass er keinerlei Theatermagie erzeugt in den Momenten, wo dieser böhmische Michael Jackson anfängt, Musik zu machen. Man sieht den Chor in Tanzbewegungen verfallen, aber ansonsten passiert nichts in Bezug auf Beleuchtung oder sonstige Effekte. Dieses zentrale Element der Geschichte wird einfach verschenkt, als hätten es Homoki und seinen Beleuchter Franck Evin vergessen. Oder als würde es sie nicht interessieren.

Man könnte jetzt fragen: Was interessiert Homoki stattdessen? Er lässt in der Szene bei der Königin-mit-dem-kalten-Herzen eine Showtreppe hereinrollen (natürlich: keine Homoki-Produktion ohne Treppenstufen!) und zaubert eine Girl-Reihe mit Broadway-Glitzerkostümen der Twenties hervor. Wie das in diese Märchenwelt aus Böhmen passt? Keine Ahnung. Wieso in der Hölle Stalin und Hitler als Knallchargen herumlaufen? Ebenfalls keine Ahnung. Homoki arrangiert die Geschichte ein bisschen so wie er es immer tut und baut einige von Kosky geborgte Glitzerelemente ein, wie eine Hommage. Die nur schmerzlich den Unterschied zwischen beiden Regisseuren betont.

In der Pause sah ich einen bekannten Musicalstar mit Ehemann und Mantel winkend gehen. Ein Kritiker einer großen Tageszeitung ging auch und sagte im Vorbeigehen zu mir, dass sei wieder „so eine schreckliche Homoki-Inszenierung“; er fragte, wieso man sich sowas in Berlin noch antun müsse, all die Jahre nach Homokis Abgang als Intendant der Komischen Oper. Dem Urteil schloss sich auch eine Operndirektorin aus Norddeutschland an und verabschiedete sich ihrerseits mit Ehemann in der Pause von mir.

Dass sie alle keine Lust verspürten, die Musik bis zum Schluss zu hören, überrascht mich etwas. Man könnte es so erklären, dass in der von GMD Ainārs Rubiķis dirigierten Aufführung keiner der Sänger das Idiom von Weinberger trifft. Hört man sich die alte EMI-Aufnahme mit Lucia Popp, Siegfried Jerusalem und Hermann Prey von 1979/80 an, versteht man jedes Wort und alles wirkt (textlich) absolut selbstverständlich. Da sind Sänger zu hören, die aus der Spieloper kommen und wissen, wie man deklamiert. Da derzeit kaum noch jemand Lortzing spielt (in Berlin überhaupt nicht), scheint diese Form des sprechenden Singens verlorengegangen zu sein. Und so klingt „Schwanda“ jetzt so, als habe Max Brod den deutschen Text mehr schlecht als recht auf die Musik Weinbergers gekippt. Da sitzen die Akzente nicht, und da versteht man über weite Strecken sowieso nichts (!) vom Libretto, sondern muss intensiv die Untertitelung auf den Rückenlehnen der Sitze vor einem mitlesen, um den Handlungsfaden nicht zu verlieren.

Der von Homoki apostrophierten Popstar-Appeal Schwandas hat Daniel Schmutzhard als Barihunk allemal. Er singt höhensicher und kraftstrotzend, spielt mit Leidenschaft, bleibt aber im Gesang recht eindimensional. Aber immerhin wurde Schmutzhard von Klaus Bruns extrem vorteilhaft kostümiert, so dass es Spaß macht ihm zuzuschauen. Wer er als Figur sein soll, muss man sich selbst ausmalen. Auch was Schwandas Verhältnis zu Dorotka und Babinský ist, bleibt bei Homoki ein Enigma.

Für die verlassene junge Ehefrau fehlt es Kiandra Howarth an Innigkeit und Liebreiz des Timbres. Howarth scheint sich eher dramatisch entfalten zu wollen. Sie singt die Dorotka rundum gut, aber ebenfalls recht undifferenziert. Und sie passt stimmlich nur begrenzt zu dieser Böhmin-mit-blonden-Haaren-im-Blümchenkleid. Jedenfalls nicht, wenn man ihr eine feministische Interpretation verweigert.

Der Strahlemann Babinský wird von Tilmann Unger zwar gut gespielt im rosaroten Anzug, aber sein Tenorton wirkt meist wie gefangen im Hals, als würde er nicht recht ausbrechen können, um aufzutrumpfen. Das nimmt der Partie einiges an Wirkung, besonders wenn man Lehár heraufbeschwört, wie Homoki das tut.

Bleibt Ursula Hesse von den Steinen als Königin im schwarzen Glitzerkleid, eine echte Erscheinung und rundum faszinierend, sängerisch wie darstellerisch. Neben ihr behauptet sich Jens Larsen als Hofmagier. Erwähnen sollte man noch Johannes Dunz, der als Richter in schwarzer Robe von Homoki sich selbst überlassen wird. Dunz singt trotzdem wunderbar.

Nach der Pause haben dann all diejenigen, die frühzeitig gegangen sind, Philipp Meierhöfer als Teufel verpasst. Als einziger an diesem Abend demonstriert er wirkliche Parlandokünste, was es zu einem Genuss machte, ihm zuzuhören.

Die Musik leuchtete derweil aus dem Graben mit stummfilmhaftem Glanz. Man ahnt immer wieder, wieso dieses Stück in den Zwanzigern so populär war. Die Partitur und die Geschichte laden ein, damit etwas zu machen. Und so habe ich für mich selbst beschlossen, mir diese Produktion unbedingt noch einmal anzuhören, um „Schwanda“ besser kennenzulernen. Das Stück hat etwas von Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ und auch von Rimski-Korsakows „Märchen vom Zaren Saltan“. Das hatte einst Harry Kupfer an der Komischen Oper ironisch als DDR-Märchenfilm inszeniert – in einem gigantischen TV-Kasten. Von solch sprudelnden Ideen war Homokis „Schwanda“ leider weit entfernt. Ob die neue „Schwanda“-Produktion an der Oper Graz all das einlöst, was mir hier fehlte, bleibt ein Fragezeichen (dem Trailer nach zu urteilen). Aber dass die Oper überhaupt neuerlich Interesse erregt und auf die Bühne kommt, finde ich persönlich mehr als begrüßenswert.

Mit Weinberger, seinem Schicksal und Oeuvre lohnt die Auseinandersetzung. Er brachte sich in den 1960er-Jahren im sonnigen St. Peterburg in Florida um, weil er nach der Flucht vor den Nazis nie wieder anknüpfen konnte an Erfolge, die er einst gefeiert hatte. Und sein größter Erfolg war eben „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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