> > > > > 20.03.2022
Mittwoch, 29. Juni 2022

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Timo Riihonen und Chor, Copyright: Monika und Karl Forster

Timo Riihonen und Chor, © Monika und Karl Forster

Don Carlo am Hessischen Staatstheater Wiesbaden

Kreuzweg für die Freiheit

Satte drei Stunden Düsternis, Bedrohung, Versagen, Opferung dominieren die jüngste Inszenierung von Giuseppe Verdis Don Carlo am Staatstheater in Wiesbaden. Immerhin entwischt Don Carlo regiebuchgetreu in den letzten finalen Sekunden. Dann folgt bis zum Bühnenapplaus eine Sondereinlage, der Chor singt ein Gebet für die bisherigen Oper des Krieges in der Ukraine. Das Publikum setzt sich diesem inszenierten Schauer aus, steht auf, applaudiert. Mancher denkt an seine Unterschrift am Stand von Amnesty International, deren Mitarbeiter vor der Premiere und in der Pause Listen auslegten, damit das Publikum seinen Protest "Politischer Terror gegen Freiheitskämpfer" mit dem eigenen Namen bekräftigt. Intendant Uwe Laufenberg inszeniert Don Carlo als Kreuzweg für die Freiheit. So politisch kann ein Opernbesuch werden.

Geschickt wählte Laufenberg für seine Inszenierung die vieraktige Version von 1884. Verdi hatte rund 20 Jahre nach der Uraufführung der ersten Fassung mit dieser Kürzung von fünf auf vier Akte auf die häufig beklagte Länge reagiert. Die vieraktige Version jedoch, viele Jahrzehnte die meistgespielte Fassung, verwirrt den Nichtkenner des Plots, weil sie wichtige Details der Handlung weglässt, nur auf die Konflikte fokussiert, die sich in den musikalisch exzessiv ausgeleuchteten Seelenqualen der Protagonisten ausbreiten. Aber sie befördert auch Laufenbergs beabsichtigte Wirkung eines Kreuzwegs mit mehreren Stationen. Vor jedem Szenenwechsel werden Zitate aus dem Textbuch eingeblendet, die das Drama der folgenden Szene ankündigen. Jede Station konfrontiert mit dem Scheitern einer menschlichen Beziehung und dem Selbstverständnis von Ethik und Moral. Verdi hat sie in Musik gemeißelt, die Freunde, die Geliebte, die Vertraute, der Vater, Bekenntnisse zu Frieden und Freundschaft, der Verzicht um des Volkes willen, Reue ob der eigenen Tat, die Allmacht der Inquisition.

Jede dieser Konstellationen erschüttert, ist nur entwicklungsfähig hin zum tragischen Ausgang zugunsten einer höheren Idee. So die Botschaft von Schiller, von Verdi, von Laufenberg. Um diese Parallele zum Kreuzweg zu verdeutlichen, lässt Laufenberg eine typisierte Christusverkörperung als stumme Rolle immer wieder auftreten, ein Geschundener, ein Gefolterter, ein Stigmatisierter, einer, der sein Kreuz schleppt und sich auf die Plakate mit den Gesichtern der Dissidenten fallen lässt, um für sie zu sterben. Manchmal will Laufenberg einfach zu viel erklären.

Rolf Glittenberg hat hierzu einen schlichten, auf minimale Requisiten ausgerichteten funktionalen Bühnenraum entworfen. Gleißendes Neonlicht umrahmt den schwarzen Bühnenkasten. Mittig strahlt ein schlankes goldfarbenes Kreuz, einbetoniert in einen Sockel aus Totenschädeln. In dieser Dunkelheit psalmodieren Mönche, einer unter ihnen besingt die Größe Gottes unerbittlich eindringlich mahnend. Der Ort, an dem diese erste Szene spielt, ist die Grabstätte von Kaiser Karl V., jener Ort, an welchem die Oper nach gut drei Stunden mit ähnlichem Fanal dramatisch enden wird.

Die Zukunft Flanderns steht auf dem Spiel, so steht es im Libretto nach der Vorlage von Schillers dramatischem Gedicht „Don Karlos, Infant von Spanien“. Doch spätestens im zweiten Akt, wenn die Delegation aus Flandern ihre Petitionen entrollt, wird Laufenbergs politische Botschaft sichtbar. Die jungen Darsteller, durchweg Studenten der Frankfurter Musikhochschule, zeigen großformatige Bilder von aktuell in Russland und Belarus verfolgten Politikern, Bloggern und Aktivisten. Die Parallelen zum Bühnengeschehen unterstreichen unmissverständlich die Erkenntnis der Unfähigkeit der Menschheit zum dauerhaften Frieden und damit verbunden die Endlosigkeit menschlichen Leidens. Verdi verstand es, diese tragischen Schicksale mit aller Heftigkeit in Musik zu setzen. Selbst konzertante Interpretationen verfehlen ihre Wirkung nur selten. So reduzierte auch Laufenberg die Bewegung der Sänger, schaffte Tableaus und gestattete weiträumige Gesten, um dem Gesang ein Optimum an Wirkung zu ermöglichen.

Der italienische Dirigent Antonello Allemandi sorgte vom Pult im Orchestergraben aus für heftige Klangschauer. Er leitete das Hessische Staatsorchester zu hochsensibler und damit hochdramatisch wirkungsvoller Interpretation an, riskierte auch ein zu viel an Lautstärke, weil es das Werk so forderte, die Sängerriege diesem Orchesterklang aber nicht gewachsen war.

Berückende Augenblicke gab es dennoch in jenen Szenen, da die Protagonisten ihre tiefe Seelennot offenbarten, überraschend großartig Cristina Pasaroiu als Elisabeth im vierten Akt. Hier hatte sie zu ihrem Format gefunden. Hoch konzentriert auf den Augenblick gelang ihr das zarte Pianissimo in der Höhe, emotional facettenreich der Ausdruck ihrer in Musik gegossenen Gefühlslage. Doch ihre Stimmkraft hat Grenzen, fordert eine dezente Rücknahme des Orchesters, was leistbar wäre. Auch Aluda Todua in der Rolle des Rodrigo, Marquis von Posa käme dies entgegen. Gemeinsam mit Rodrigo Porras Garulo als Don Carlo meisterten sie ihren Freundschaftsgesang. Die Figur des Königs Filippo II. zeichnete Timo Riihonen überraschend weich. Alessandra Volpe gab die Eboli stimmlich bravourös, in der Darstellung überzeugend unsympatisch.

Gewohnt satt und klangvoll stimmte der Chor, mit Solisten und einem Extrachor zu einem beeindruckenden Klangkörper ausgebaut, seine Partien an. Albert Horne steigerte in der Schlussgabe mit dem Gebet um einen weiteren Grad die Fähigkeit des Chores zur emotionsgesteigerten warmen Sattheit. Dieser Wirkung konnte sich kein Publikum entziehen.

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Kritik von Christiane Franke

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Don Carlo: Giuseppe Verdi

Ort: Hessisches Staatstheater,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Antonello Allemandi (Dirigent)

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