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Donnerstag, 8. Dezember 2022

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Szenenfoto Götterdämmerung, Copyright: Enrico Nawrath

Szenenfoto Götterdämmerung, © Enrico Nawrath

Mit einer konventionellen „Götterdämmerung“ ist der Bayreuther „Ring 2022“ abgespielt. Das Regieteam stolperte bis zum Schluß immer wieder über die eignen zu großen Füße. Schwer vorstellbar, dass diese ambitionierte Konfusion durch Überarbeitung noch zu retten ist.

Schwamm drüber!

Die Fraktion der Buhstürmer hatte sich, unüberhörbar schon in den Aktfinali, beizeiten warm gelaufen. Zum Ende der „Götterdämmerung“ kam es zu einer der heftigsten Protestaktionen, die je im Bayreuther Amphitheater zu erleben waren. Jetzt ist es amtlich: Der „Ring 2022“ ist durchgefallen. Schwamm drüber.

„Absetzen!“ –  schallte es dem österreichischen Regisseur Valentin Schwarz und seinem Team, aber auch gezielt dem Dirigenten Cornelius Meister entgegen. „Abwarten!“ – wird sich Festspielleiterin Katharina Wagner gedacht haben, schließlich kann blinde Wut auf dem grünen Hügel im Handumdrehen in nicht minder blinde Verehrung umschlagen. Beides hat jedoch, wie die Erfahrung lehrt, mit musikalischer oder szenischer Qualität, rein handwerklich, nicht unbedingt zu tun.

Kurz vor Schluss kam es diesbezüglich noch einmal zu einem Faux-Pas. Das letzte Wort hat hier der schlimme Hagen, der den Ring der Macht nicht aufgeben will. Er ruft, wenn die Rheintöchter sich das Rheingold zurückholen, während Walhall in Brand gesetzt, das Ende der Götter besiegelt ist, den Mädels zu: „Zurück vom Ring“ und stürzt ihnen nach. In der gründlich vergaloppierten Schwarz-Version sind aber weder Rhein noch Rheintöchter, auch und weder Scheiterhaufen noch Walhall zu sehen, weder Feuer noch Rauch. Statt dessen: ein vermüllter, leerer Swimmingpool. Auf dessen Grund liegen selbdritt im Dunkeln herum: der tote Siegfried inmitten leerer Bierflaschen sowie die halbtote Brünnhilde nebst den Überresten von Pferd Grane. Den Ring, in Form eines swarovskifunkelnden Schlagrings, den hatte Hagen sowieso schon Stunden vorher von Kumpel Siegfried geschenkt gekriegt, er zeigte ihn auch gern immer wieder vor, einmal hatte er sogar beinahe seinen Zieh-Papa Alberich hinterrücks damit erschlagen. Soll man nun aber wegen solch kleiner Dummheiten die letzten vier gesungenen Töne der Tetralogie einfach streichen? Hagen kommt also auf die Bühne. Er guckt runter ins Bassin, hebt die Hand mit dem Ring, singt gleichzeitig sein „Zurück vom Ring!“ und verschwindet, so schnell, wie er kam. Eine Welle aus Lachen und Raunen ging da durchs Publikum. Fast erleichtert. Es lachte über den Doppelsinn der Worte, fühlte sich persönlich befreit, nach sechzehn Stunden Frust einer Expedition quer durch das Land Kannitverstan.

Eines muss man Schwarz lassen: Seine Lesart des „Ring“ ist, anders als die meisten Netflix-Serien, jugendfrei. Nie läuft einer nackt herum. Es werden zwar laufend neue Kinder gezeugt, die in Richard Wagners Libretto so nicht vorgesehen sind. Doch spielt sich das inzestuöse Sexleben der Nibelungen,Wälsungen, Gibichungen etc. weitgehend unsichtbar ab oder in züchtigem Coronaabstand oder hinter der Bühne. Nur zweimal kommt es zu einem Kuss auf den Mund. In "Siegfried" küsst Siegfried seine Brünnhilde. In "Götterdämmerung"  küsst er Blutsbruder Gunther. Bei der brutalen Vergewaltigung, zu der sich die beiden anschließend verabreden, sieht das Publikum nur die moderat wippenden Fußspitzen von Gunther um die Ecke lugen, während sich Siegfried aus dem Off verströmt und das Opfer Brünnhilde, wie sonst auch, nur die fünf Haupt-Vokale von sich gibt: a e i o u. Konsonanten kommen bei Irène Theorin nicht vor. Aber auch andere Sänger nuscheln jugendfrei, mit wenigen Ausnahmen (s.u.). Verbalinjurien, Flüche, Schlüpfrigkeiten oder Gewaltverherrlichung sind also grundsätzlich nicht zu verstehen. Und das einzige Blut, das in Strömen fließt, ist Pferdeblut.

Darüber könnten Tierschützer freilich richtig böse werden! Grane, das Ross (Igor Schwab), in Walkürendiensten treulich ergraut, ist zwar nur ein Statist, aber doch einer der wenigen, wenn nicht der einzige Sympathieträger im gesamten „Ring“-Personal: immer gut gekleidet, immer schön stumm. Und stets zur Stelle, wenn es gilt, Koffer zu tragen, Waffen anzureichen oder Kinder ins Bett zu bringen. Grane hat es nicht verdient, in der Pferdemetzgerei der Gibichungen zu landen. Doch sein Blut wird offenbar gebraucht für den Blutsbrüderschafts-Schwur, den Kopf des Pferdes trägt Gunther auch noch für eine Weile als Trophäe mit sich herum, im Plastiksäckel. Bis Grane dann endlich wieder zu Frauchen zurückfindet: Brünnhilde neigt sich „traulich zu ihm“, während das Orchester ein zweites und allerletztes Mal ausholt zum Erlösungsmotiv, ohne nennenswerten Glanz, ohne Virtuosität, ohne Aussagekraft.

Musikalisch war diese „Ring“-Performance bestürzend schwach. Der ganze erste Durchgang hatte den Charme von öffentlichen Proben. Streckenweise interessant, vielen Dank. Aber alles andere als ein Fest-Spiel. Zwar bewies Cornelius Meister, als Einspringer, hohen Mut und gewiß auch Ehrgeiz. Er wußte ja vorher, was es galt: Dass es nicht mehr genügend Probendurchläufe für ihn geben konnte mit Cast und Orchester. Balanceprobleme, Temposchwankungen, monochrome Farben, willkürlich gesetzte Akzente – all diese Defizite lassen sich letztlich als unvermeidliche Folge dieses Handicaps verbuchen. Von „Rheingold“ angefangen bis zur „Götterdämmerung“ wurden es zwar laufend etwas besser. Doch von einer runden Gesamtleistung kann nicht die Rede sein. Sängerinnen und Sänger wurden allein gelassen. Sie mussten sehen, wie sie klar kamen. Auch gab es in der Besetzung, coronabedingt, ungewöhnlich viele Ersatzbänkler.

Der für „Götterdämmerung“ eingeplante Stephen Gould meldete sich tags zuvor krank, sein Cover Andreas Schager ebenfalls, und eingeflogen wurde, zur Rettung der Premierenvorstellung, der amerikanische Heldentenor Clay Hilley, der erst kürzlich bei den Tiroler Festspielen in Erl als Siegmund in der „Walküre“ zu erleben und bereits in der Berliner „Ring“-Produktion von Stefan Herheim positiv aufgefallen war. Hilley hatte sich, nach kurzer Einweisung, in der Inszenierung des Schwarz-Teams zurecht zu finden, wie gut, dass dem für die "Götterdämmerungs"-Stunden" nicht mehr viel eingefallen war! Die Szene beruhigte und entrümpelte sich zusehends. Es kam zu einfachen, konventionellen Bildern, in der  Personenführung zu statisch eingefrorenem Rampensingen. Die letzten beiden Bühnenbilder des „Ring“, ersonnen von Andrea Cozzi – eine leere Sporthalle mit Box-Sack für Hagen, danach: besagter leerer Pool  – erwiesen sich auch akustisch als durchaus sängerfreundlich.

Was die Figur des Siegfried anbelangt, hatte Clay Hilley nichts weiter zu tun, als wie ein kleiner Fels herumzustehen und die schöne Gutrune (Elisabeth Teige) anzuhimmeln. Später im Pool saß er dann wie ein kleiner Fels herum und trank Bier. Jedoch: Sängerisch erwies er sich als Geschenk! Eine Lichtgestalt! Platinhell, durchschlagskräftig und differenziert sang sich dieser Siegfried mühelos in den Mittelpunkt, sobald er den Mund aufmachte. Ebenfalls durch saubere Artikulation und szenische Wahrhaftigkeit taten sich hervor: Albert Dohmen (als Hagen), Olafur Sigurdarson (als Alberich) und Michael Kupfer-Radecky (als Gunther). Alle drei werden im Gedächtnis bleiben auch als eine sängerisch starke, eigenwillig gezeichnete Charaktere. Das sind die Bösen.

Das Böse hat es bekanntlich auf der Bühne immer etwas leichter. Sehr schön anzuschauen und noch schöner anzuhören war der (durchaus konventionelle) Auftritt des von Eberhard Friedrich hervorragend einstudierten Festspielchors in der Verschwörungs- und Schwur-Szene. In venezianischen langen Kapuzenkutten, wie ein Schwarm nasser Raben, so formierte sich die Giebichungen-Mannschaft, so schwamm es drohend und langsam herein in dichtem Nebel durch die sich öffnende Rückwand in Hagens Boxhalle. Brünnhildes namenloses Töchterchen, das ansonsten von Grane schlafen gelegt wurde oder, als das nicht mehr möglich war, sich selbst schlafen legte, fürchtete sich sehr. Ebenfalls hervorragend bösartig die Angeknipstheit des Giebichungen-Gunther, der als unberechenbarer Borderliner wie eine gelungene Kreuzung zwischen Otto Waalkes und dem Außerirdischen Riff Raff durch die Rolle taumelte. Sein Statement-T-Shirt trägt die Aufschrift: „Who the fuck is grane?“ Freilich verpuffte die Kraft solcher Gags in der konzertierten Konfusion von Valentin Schwarz, der auf die wichtigste Frage gar keine oder vielleicht auch viel zu viele Antworten parat hatte: „What the fuck is the Ring?“

Kritik von Dr. Eleonore Büning

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Götterdämmerung: Ring 2023

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Cornelius Meister (Dirigent), Iréne Theorin (Solist Gesang), Albert Dohmen (Solist Gesang), Ólafur Kjartan Sigurdarson (Solist Gesang)

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