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Dienstag, 9. August 2022

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Szenenfoto, Copyright: Enrico Nawrath

Szenenfoto, © Enrico Nawrath

„Siegfried“, dritter Teil des neuen Bayreuther „Ring des Nibelungen“, beginnt mit einer Hausdurchsuchung und endet im Honeymoon. Siegfried und Hagen schließen Freundschaft. Brünnhilde strahlt festspielwürdig.

Aus Kindern werden Halbstarke

Eine leergefegte Bühne. Eine geschlossene, weiße Wand. Dieses letzte Bild der neuen Bayreuther „Walküre“ war stark. Vor der Wand windet sich am Boden, wie ein Wurm: Wotan. Er ist am Ende, verzweifelt. Hat man diese zentrale Figur aus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ jemals so schwach und hilflos gesehen?

Wotan verkörpert die Spitze der Hierarchie im Machtpoker um die Weltherrschaft. Er ist der skrupelloseste aller Strippenzieher, steht jederzeit seinen Mann, senkrecht, mit dem Phallussymbol in der Linken. Ja, er spuckt sogar noch immer große Töne, während er am Boden liegt, gescheitert, allein, aber sängerisch präpotent: „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie.“ Dann entschwindet er, hinaus in die weite Welt.

In der nächsten Folge der Tetralogie fechten es die Enkel besser aus. Der dritte Teil des „Ring“ ist so etwas wie das Rüpelspiel oder vielmehr die Buffo-Einlage. Es gibt lustige Quiz-Szenen im „Siegfried“, auch putzige Waldszenen, einen Drachenkampf, etliche Figuren, mit denen man sympathisieren kann und am Ende ein schier ungetrübtes Happyend. Aber gleich im ersten Bild gibt der junge österreichische Regisseur Valentin Schwarz den Wagnerkennern und -liebhabern wieder einen tüchtigen Nasenstüber. Wotan hat es sich doch anders überlegt. Er kehrt zurück, nicht inkognito, als Wanderer. Vielmehr tritt er herrenmenschencool zur Vordertür herein in die Hütte des Zwergs Mime, mit bewaffneten Leibwächtern im Tross, und  ordnet eine Hausdurchsuchung an.

Auch Wotan Tomasz Konieczny ist wieder zurück. Er hat sich von seinem Bühnenunfall im zweiten Akt der „Walküre“ offenbar erholt. Mehr noch: Er ist jetzt sängerisch präsenter, auch klarer als vorher. Ein schönes Timbre hat sein eher lyrischer, leicht gedeckelter Bariton ohnehin. Nun er ist auch als Sängerdarsteller wahrnehmbar, selbst einzelne Textpassagen lassen sich nachvollziehen in seinen Streitdialogen mit beiden Vertretern des Nibelungenvolks, den Brüdern Mime und Alberich. Mime und sein Ziehsohn Siegfried dagegen liefern einander einen Sängerstreit der unguten Art. Beide begnügen sich mit nur einer dynamischen Ausdrucksqualität. Sie brüllen. Andreas Schager als junger Tenor-Held, der nicht weiß, wohin mit seiner Kraft, brüllt allen Ernstes. Arnold Bezuyen als räudiger, listiger Tenor-Zwerg brüllt und kräht aus Gründen der Karikatur. Und da auch hier wieder die Textverständlichkeit auf der Strecke bleibt, ist die an sich so wunderbare unterhaltsame erste Szene, in der, unter anderem, parallel Giftsuppe gekocht und ein Schwert geschmiedet werden, diesmal ziemlich anstrengend.

Mime war offenbar mit Sieglindens verwaistem Baby in die verlassene Hütte der Hundings eingezogen. Warum? Vielleicht: eine Sparmaßnahme? Auch anderweitig sind die Bayreuther Festspiele genötigt, spartanisch zu planen. Bei dem gut besuchten, höchst beliebten Gratis-Konzert im Festspielpark am spielfreien Tag, welches heuer zum ersten Male stattfand und bei dem unter anderem Tristan-Sänger Stephen Gould Operettenschlager und Einlagen aus Tosca darbot, gab es keine Sitzgelegenheiten. Im Festspielhaus dagegen veranstaltete Mime tags darauf eine Geburtstagsparty für Siegfried, mit einem gespenstischen Kaffeeklatsch von lauter im Halbkreis zur Seance platzierten Puppen, die von Siegfried später beiläufig geköpft werden. Schwert Nothung, bis dato in Form einer Pistole zu erleben, hatte sich nämlich inzwischen in einen eleganten, schmalen Sportdegen verwandelt, der wiederum versteckt war im Bein einer Behindertenkrücke. Selbst ein so hypermotorischer Halbstarker wie Siegfried, der sich ansonsten eigentlich nur für Bier mit Porno interessiert, hat keinerlei Probleme damit, das Ding aufzuschrauben und den Degen hervorzuholen.

Hier, wie auch sonst im neuen Bayreuther „Ring“ hat Regisseur Valentin Schwarz in seiner Inszenierung den nächstliegenden Ausweg in jedweder Situation im Blick. Größere Zusammenhänge müssen nicht hergestellt werden. Es wird auch nichts passend gemacht. Vielmehr geht es darum, die Erwartungen aller zu enttäuschen: sowohl die der text- und musikkundigen Wagnerianer, die sofort wissen, welche Zutat fehlt oder zu viel ist. Wie auch die derjenigen, die einer Story folgen, die sie noch nicht kennen, und dabei immer wieder über Ungereimtheiten stolpern.

Anders als Mime darf Fafner (Wilhelm Schwinghammer), obwohl nicht zum Wotan-Clan gehörig, auch mit in Walhall wohnen. Seine sogenannte „Neidhöhle“ ist ein dem Palast angeschlossenes Luxusappartment mit Kamin, Bar, Pyramidenmodell und moderner Kunst, ausgestattet auch mit den gleichen Vorhängen, den nämlichen frei schwebenden Treppen, der Couchgarnitur, die auch Fricka bevorzugt. Hier liegt der moribunde alte Drache im Krankenbett, im Kreise der Seinen: Diverse Pfleger und Leibwächter, eine Krankenschwester, die Waldvogel heißt (Alexandra Steiner) und so überaus niedlich ist, dass selbst noch ein halbtoter, alter Drache nicht anders kann, als ihr an die Wäsche zu gehen, sowie der inzwischen halbwegs erwachsene Rüpel Dustin, den Fafner einst als Gold-Kind hatte mitgehen lassen. Wie sich rasch herausstellt, handelt es sich im Alberichs Sohn Hagen (Branko Buchberger). Er erkennt jedoch seinen Vater nicht, als der auftaucht, im Schlepptau von Wotan, denn Alberich (Olafur Sigurdason) hat sich inzwischen einen langen, grauen Zwergenbart wachsen lassen. Als auch noch Siegfried und Mime eintreffen, wird es vorübergehend aktionistisch. Siegfried mampft Asiafastfood aus der Pappbox und bewirft Mime mit Nudeln. Dann flirter er mit Frau Waldvogel und schließt Freundschaft mit Hagen. Fafner muss mal in den Bathroom, er steht aus dem Bett auf, rutscht auf den Nudeln aus und stirbt an einem Herzinfarkt. Mime brabbelt Beleidigendes, im Suff, und wird von Hagen mit einem Kissen erstickt. Merke: Siegfried, der reine Tor, ist immer noch rein. Er hat niemanden umgebracht, weder vorsätzlich noch aus Versehen.

Der dritte Aufzug, mit dem schönsten Sonnenaufgang, ist zwar der längste, aber auch der kurzweiligste. Immer noch liegen die Toten herum im Apartment des Fafner, wie man durch den offenen Durchgang des Wohnzimmers der Wotans sehen kann. Niemand hat aufgeräumt, die Dienstboten sind offenbar geflohen. Dafür taucht die fantastische Okka von der Dammerau wieder auf, um als Erda und Mutter Brünnhildens deren Vater Wotan noch einmal gründlich den Kopf zu waschen. Siegfried kommt in Begleitung Hagens, um seine Tante wach zu küssen. Bei dem lustigen Duell zwischen Enkel und Opa bei ungleichem Waffengang – Pistole gegen Degen –  hilft auch Hagen mit. Ein grünstichiges Zauberlicht lockt aus der Louvre-Pyramide des Walhall-Anbaus eine in Binden gewickelte Mumie heraus. Es handelt sich um die im Schönheitsschlaf enorm verjüngte Brünnhilde. Rührend kümmert sich das Ross Grane (Igor Schwab) um seine Herrin. Er hilft mit, sie auszuwickeln, als Siegfried sich dabei zu täppisch anstellt. Beiläufig entsteht dabei wieder eine rührende Familienszene à la Schwarz, denn Pferd und Held streiten sich, wem die Schöne nun zu folgen hat. Die Lösung kommt in Gestalt einer Luxuskarosse mit jeder Menge PS, die das junge Glück selbdritt in die Flitterwochen abholt.  Ende gut, alles gut.

Für all diese Unbill wird das Publikum großzügig entschädigt durch eine festspielwürdige Sängerbesetzung und dito Orchesterleistung. Dirigent Cornelius Meister ist aufgelaufen zu großer Form. Andreas Schager hat sich in der Schluss-Szene eingepegelt auf achtbarem Niveau, die Tonschwankungen sind vollends verschwunden, er ist auch darstellerisch rundum überzeugend. Ein Gewinn für Bayreuth ist die klare, starke, sauber fokussierte Stimme der neuen Brünnhilde: Daniela Köhler. Den Namen darf man sich merken.

Kritik von Dr. Eleonore Büning

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Siegfried: 3. Teil der Opern-Tetralogie von Richard Wagner

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Cornelius Meister (Dirigent), Tomasz Konieczny (Solist Gesang), Arnold Bezuyen (Solist Gesang), Alexandra Steiner (Solist Gesang), Ólafur Kjartan Sigurdarson (Solist Gesang)

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