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Donnerstag, 8. Dezember 2022

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Szenenfoto, Copyright: Enrico Nawrath

Szenenfoto, © Enrico Nawrath

Mit der „Walküre“ lösen sich im neu inszenierten Bayreuther „Ring 2022“ einige Rätsel. Fricka hat Oberwasser, Sieglinde liegt in den Wehen, Wotan nimmt den Hut und im Orchestergraben wird es endlich dynamisch.

Pferd Grane kann auch gut mit Kindern

Mit der kürzesten Lovestory aller Zeiten beginnt im „Ring des Nibelungen“ das zweite Teilstück. Zwei Kriegskinder, früh verwaist. Die beiden sind, jede/r für sich, Unglücksraben. Sie werden instrumentalisiert, mißbraucht, verkauft, vergewaltigt, verfolgt und sind immer auf der Hut. Erst, als sie einander treffen,stehen sie plötzlich in hellem Licht, in gleißender Dur-Diatonik. Es handelt sich nämlich um eine alte Liebe, wenn auch auf den ersten Blick. Sieglinde erinnert sich ein paar Takte eher, als Siegmund, dass sie einander schon von Geburt an kannten, als Zwillingsgeschwister. Mit dem Jubel heller Streicher, der zärtlichsten Cellokantilene, den herrlichsten Klarinettendevisen, gesäumt von mozärtlichen Doppelschlägen, wie sie seit der barocken Rhetorik in der Musik des Abendlandes das „Band der Freundschaft“ besiegeln, feiert Richard Wagner im Orchester das Wiedersehen des blühenden Wälsungenblutes. Jedoch: Das Glück hält nur für eine Viertelstunde.

Cornelius Meister, Generalmusikdirektor in Stuttgart, hatte nur wenige Wochen Probenzeit, er übernahm das Bayreuther „Ring 2022“-Dirigat kurzfristig als Einspringer. Mit der heiklen Akustik des Orchestergrabens kommt er ganz hervorragend zurecht. Kaum Balanceprobleme, meist ist man zusammen, die Sänger werden alles andere als zugedeckt. Dafür wird er am Ende vom Publikum herzlich gefeiert. Doch ist auch nicht zu überhören, dass Meister professionell auf Sicherheit dirigiert, um logische Klarheit zu erzielen. Manchmal tönt das holzschnittartig, überraschend zäh und leise, dann wieder übertrieben schnell und laut. Die Kunst der Übergänge bleibt öfters auf der Strecke. Wobei weder Lautstärke noch Langsamkeit mit Intensität einhergehen müssen. Wie schon im „Rheingold“ zu erleben, gibt es auch in der „Walküre“ etliche schöne Stellen, bei denen die Orchesterfarben fein ausdifferenziert sind oder ein Holzbläsersolo betörend glänzt. Aber es fehlt den Mono- und Dialogen in dieser Konversationsoper, in der so viel im Parlandoton „geredet“ und mitgeteilt werden muß, an Dynamik, an Atem und an freiem Fluß. Erst im zweiten Aufzug der „Walküre“, wenn Fricka (ausdrucksstark, mit viel Vibrato: Christa Mayer) sich Göttergatte Wotan (gealtert, mild geworden, mit kleinem Knödel: Tomasz Koniecznky) vorknöpft, kommt Fahrt auf. Dagegen wirkte die Interaktion zwischen Siegmund und Sieglinde zu Anfang vergleichsweise verzögert. Die Liebenden machten winzige Pausen mitten im Satz, dergestalt, dass man beinahe den Eindruck hat: Die wollen einander gar nicht kennenlernen.

Sind aber doch ein einmaliges Traumpaar! Klaus Florian Vogt, mit seinem trompetenhellen Lohengrintimbre und dem unverkennbaren Charisma,
ist der legendäre „Zwischenatmer“ unter den Tenören. Zu langsame Dirigententempi steckt er locker weg. Lise Davidsen hat unter den Wagnersopranistinnen unserer Tage das staunenswerteste Volumen, die beste Technik. Die beiden sind atemraubend präsent vom ersten Ton an. Und wenn dann Winterstürme dem Wonnemond weichen, die Szene sich öffnet, die finstere Hunding-Hütte seitlich wegschwimmt und beide Hand in Hand hinauslaufen ins Freie, in den Frühling, dann ist dies einer dieser großen, seltenen, magischen Bayreuther Gänsehaut-Momente, die man nicht mehr vergisst.

Regisseur Valentin Schwarz hat für diesen Augenblick  der Seligkeit nicht die Wände aufgerissen, wie üblich, sondern neue hereinfahren lassen. Siegmund und Sieglinde finden sich wieder in ihrem eigenen Kinderzimmer, sie gucken sich selbst (bzw. zwei silbrig schimmernden Statistenkindern) beim Tanzen und Spielen zu. Die skandinavisch-hölzernen Einbauschränke lassen erkennen: Dieses Zimmer ist Teil des weitläufigen Anwesens von Walhall. Wotans Wälsungenblut wuchs, wie alle Wotanskinder, im Schoß der Großfamilie des Göttervaters auf, unter den eifersüchtigen Augen von Göttergattin Fricka. Außerdem wird nun klar: Wotan hat sich mit Walhall keinen Neubau, nur einen Anbau geleistet. Dafür den Fluch des Nibelung und den Weltuntergang riskieren? Lieber Himmel, das wäre doch nicht nötig gewesen! So löst die Regie wieder einmal ein Rätsel, nur, um ein neues Rätsel zu generieren.

Der zweite Aufzug spielt szenisch wieder im Wohnzimmer von Walhall. Das Designermodell zum neuen Anbau steht, wie im „Rheingold“, immer noch verheißungsvoll leuchtend im Bücherregal herum, ist aber zugleich auch fertig ausgeführt: eine Riesenpyramide aus Glas, Kopie des von IM Pei für den Louvre entworfenen Originals, so lugt das seitlich hinter dem Altbau hervor, angefüllt mit einer bedrohlichen, schwarz erstarrten Lava, als Menetekel kommenden Unheils. Ungeachtet dessen ist bei den Wotans im Wohnzimmer wieder viel los. Zuerst: die Aufbahrung von Freia. Sie habe sich, heißt es, umgebracht. Tatsächlich wird sie ja auch im weiteren Verlauf des „Ring“ nicht mehr gebraucht. Die Walküren umschwärmen den Sarg mit außerplanmäßigem Wehgeschrei, sie sind als schmuckbehangene Edelnutten aufgebrezelt. Einzig Wotans Lieblingswalküre, Brünnhilde, kommt maskulin daher, in einem Musketier-Kostüm, gestiefelt und gespornt, mit Karnevalsorden, Tudorhemd und langer Weste. Ihr Hojotoho brüllt sie mit einer Energie heraus, dass die Wände wackeln. Iréne Theorin ist eine luxuriöse Walkürenkarikatur, zwar in die Jahre gekommen, hat sie immer noch beeindruckende Pathos-Töne im Portfolio, die sie nach wie vor von unten anschleift und mit Wobble ausstattet. Und noch immer versteht man, wenn Theorin loslegt, kein Wort.

Zur Todverkündigungszene zieht sie sich um. Fricka persönlich bringt ihr triumphierend den Todverkündigungs-Traueranzug am Bügel, frisch aus der Reinigung. Sie hatte schließlich obsiegt im Ehestreit, bei dem am Ende, offenbar unter der Last der Frickaschen Argumente, der edle Eames Lounge Chair unter Wotan mit Karacho zusammenbrach. Grane, das Pferd, steht auch schon fluchtbereit im erweiterten Walhall-Wohnzimmer herum: ein hübscher junger Mann (Igor Schwab) mit modischer Dominzknödelfrisur. Und längst sind auch Sieglinde und Siegmund eingetroffen, es hat sie, auf ihrer Flucht vor Hunding, wieder zurück ins heimische Wohnzimmer verschlagen. Während Siegmund die Lage sondiert hinter der Lava, unternimmt Sieglinde einen Abtreibungsversuch mit der Stricknadel. Vergebens, weil ein bißchen zu spät: Sie ist ja schon bei ihrem ersten Auftritt, in Hundings Hütte, mindestens im zehnten Monat schwanger. Geboren wird das Kind später passenderweise im ehemaligen Kinderhort, der sich inzwischen verwandelt hat in den Walkürenfelsen oder vielmehr in das Aufwachzimmer eines Schönheitschirurgen, wo die Walküren einander mit viel Hojotoho ihre neuen Nasen zeigen. Betreut und liebevoll gewiegt wird das Kindlein vom treuen Babysitter Grane, während Tante Brünnhilde sich den Namen Siegfried ausdenkt. Gezeugt wurde es entweder ehelich von Hunding, oder aber als Vergewaltigungfrucht in einer der Orgien im Haus Hundings, der seine Frau gerne vergesellschaftete („Gäste kamen, Gäste gingen“). Oder, dritte Möglichkeit: Klein-Siegfried ist, wie so vieles, Vater Wotans Lenden entsproßen, der es nicht versäumt, der der Tochter nochmal kurz vor dem Finale an die Wäsche zu gehen. Nur eines ist ganz sicher: Siegmund war es nicht.

Die Regie bietet immer mehrere Möglichkeiten der Interpretation an, eine so ulkig, gaga und absurd, wie die andere. Was anfangs im „Rheingold“ noch aussah wie Ungereimheit oder gar Schlamperei, erweist sich nach und nach als Methode. Zum Beispiel: Die Sache mit dem Schwert. Nothung steckt nicht im Stamm der Weltesche, sondern liegt, für jedermann zugänglich und verwandelt in eine der marktgängigen Handfeuerwaffen, wie sie jeder Mann im Clan früher oder später im Hosenbund mit sich herumträgt, im Sockel des Wahlhall-Modells. Bei der Schießerei im Wohnzimmer zieht Siegmund einfach nicht schnell genug. Peng. Das ist alles.

Und dann stellt sich Anfang des dritten Aufzuges heraus: Der Zusammenbruch des Lounge-Chairs war gar kein Schwarzscher Regieeinfall. Das Ding ging einfach nur wirklich kaputt. Während Wotan-Sänger Koniecny sich also hinter der Bühne hoffentlich gründlich von dem Unfall erholt, springt für den Rest des Abends Michael Kupfer-Radecky ein. Erstmals in diesem neuen Bayreuther Ring singt Wotan textverständlich. Auch sonst meistert Kupfer-Radecky die Tour de Force, die Wotans Abschieds- und Feuererzauberszene mit sich bringt, mit Bravour. Ein Glücksfall.

Hinreißend, überirdisch singt Sieglinde vom hehrsten Wunder. Brünnhilde wird degradiert, sie muss ihren Karnevalsorden abgeben. Dann verschwindet sie in der Louvre-Pyramide mitsamt Grane. Als Wotan die Gottheit von ihr küssen will, ist sie schon weg. Fricka bringt Schampus, um zu feiern. Wotan läßt sie stehen damit, er setzt sich Brünnhildes Hut auf, und verlässt die Szene sowie Haus, Familie und Wirkungskreis als ein gebrochener Mann, der irgendwo anders demnächst ein neues Leben anfängen wird. Zum Beispiel als Wanderer.

Kritik von Dr. Eleonore Büning

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Die Walküre: Ring 2022

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Cornelius Meister (Dirigent), Christa Mayer (Solist Gesang), Tomasz Konieczny (Solist Gesang), Klaus Florian Vogt (Solist Gesang), Iréne Theorin (Solist Gesang)

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