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Dienstag, 9. August 2022

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Arnold Bezuyen (Mime), Schülerstatisterie der Bayreuther Festspiele, Copyright: Enrico Nawrath

Arnold Bezuyen (Mime), Schülerstatisterie der Bayreuther Festspiele, © Enrico Nawrath

Valentin Schwarz, zweitjüngster „Ring“-Regisseur der Bayreuther Festspielgeschichte, mutet dem Publikum ein verspieltes „Rheingold“ zu, voller Ungereimtheiten. Cornelius Meister dirigiert vorerst auf Zehenspitzen.

Nicht umsonst heißt es „Kinderhort“

Der Rhein ist nicht nur ein Fluß, auch ein Politikum: „Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze“, wie Ernst Moritz Arndt einst patriotisch skandierte. Das war im Jahr 1813, als Richard Wagner geboren wurde. Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hatte sich dann das vielbesungene romantische Gewässer, gesäumt von Mythen und Ruinen, in eine industrieverseuchte Müllhalde verwandelt: aufgestaut, vergiftet und so gut wie tot. Auch das spiegelte sich dann vielfach in den Inszenierungen zu Wagners vierteiligem Opern-Epos „Der Ring des Nibelungen“, das auf dem Grund des Rheins beginnt. Heute kann man wieder im Rhein schwimmen. Auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses indes ist, als sich endlich, nach einer etwas wohlfeilen, ziemlich fruchtwasserreichen Videobebilderung des von Cornelius Meister auf Zehenspitzen superzart zelebrierten Es-Dur-Vorspiels der Vorhang hebt, ein Planschbecken für Kinder zu sehen. Vielleicht eine Sparmaßnahme, aus klimapolitischen Gründen. Jedenfalls reicht der Rhein gerade noch bis zum Knöchel.

Acht niedliche Wasserratten werden beaufsichtigt von drei Kindergartentanten, die sich nebenbei mit einem alten Spanner amüsieren. Nachdem der tüchtig verhauen, verspottet und nassgemacht wurde, auch von den lieben Kleinen, kidnappt er fluchend den einzigen Knaben, der ohnehin die ganze Zeit abseits saß und sich um das Mädchengekreisch nicht weiter gekümmert hatte. Dustin Henderson – so heißt der Junge, bekannt aus der Kultserie „Stranger Things“ und kenntlich schon von Weitem an seinem charakteristischen Baseball Cap – hat, wie immer, Wichtigeres zu tun. Er verkörpert in der neuen Bayreuther „Ring“-Inszenierung von Regisseur Valentin Schwarz offenbar das Rheingold.

Alle ringsum rätseln: Wieso ist das Gold diesmal ein Kind? Wieso ausgerechnet Technik-Nerd Dustin? Sehr einfach: Weil er bei Netflix, gemeinsam mit anderen schlauen Kindern, schon mehrfach die Welt gerettet hat vor den in russischen Laboren erzeugten Riesen-Psycho-Monstern. Warum also nicht auch die uralten Wagnermonster besiegen? Außerdem sind Kinder die Zukunft, das Kostbarste, was die Menschheit hat. Sie sind Gold wert. Nicht umsonst heißt es „Kinder-Hort“!

So steckt es mir zwei Stunden später meine Sitznachbarin zu. Danke für den Tipp! Ins Rheingoldische übersetzt, heißt das, für die erste Szene: Der Spanner ist Alberich, der Knabe wird zum Ring des Nibelungen und die Kindergärtnerinnen sind die drei Rheintöchter. Acht kleine Mädchen, die Alberich ebenfalls abgreift und später in Nibelheim, in einem eigens für Gold-Dustin eingerichteten gläsernen Luxuskäfig unterbringt, wo sie mit Stoffpferden spielen und Wotanbilder zeichnen, sind, ganz ohne Frage, die Walküren. Dustin mag das Essen aus der Kinderhort-Kantine nicht, er schmiert es an die Wände. Auch sonst birgt das Gold viel rüpelhaftes Protestpotential, die künftigen Walküren müssen es öfters handgreiflich Mores lehren. Dass sie beim züchtigen Basteln einen so herrlich metallisch klirrenden, rhythmisch punktierten Lärm erzeugen, wie zu Beginn der dritten Szene, muß wohl schon dem Walkürentemperament geschuldet sein. Zwischenzeitlich hat es außerdem zweimal heftig gerumpelt in der Bühnenmaschinerie, weil der luxuriöse Schauplatz der Göttervilla, der sich aus zwei Etagen bzw. drei Modulen zusammensetzt, eingeflogen und wieder ausgeflogen wurde.

Wotan und die Seinen wirken wie Neureiche, sie haben viele Bedienstete, kein Benehmen. Der einzige, der keinen bekifften Eindruck macht in dieser Sippschaft, ist der spät, jedoch glorreich eintreffende Vetter Loge. Die Bücherwandattrappe wackelt. Das Garagentor klemmt. Die Riesen bleiben, nachdem sie ihren Erpresserbesuch bei Familie Wotan abgebrochen haben und mit ihrer schmuckbehangenen Geisel Freia im schwarzen Luxus-SUV eigentlich verschwinden wollten, trotzdem deutlich sichtbar auf der Bühne. Penetrant rot leuchten die Rücklichter ihres Wagens durch die halbtransparenten Wände. Absicht? Eine technische Panne? Oder lauschen die beiden heimlich, wie es weitergeht? Nachdem Gold-Dustin zweimal den Besitzer gewechselt hat, wird er von Fafner (sonor, wenig textverständlich: Wilhelm Schwinghammer) gegen Freia ausgetauscht und abtransportiert. Der hatte vorher seinen Bruder Fasolt (Jens-Erik Asbo) ermordet: zwar unüberhörbar eindrucksvoll, dank der gestenstarken Wagnerschen Orchestersprache. Zu sehen ist davon aber, im Unterschied zu den Autorücklichtern, wenig oder nichts, das spielt sich unauffällig im Hintergrund ab.

Es gibt viele weitere Ungereimtheiten, ja, Pannen, die im Laufe dieser „Rheingold“-Premiere auftauchen und sich nicht auflösen lassen, weder von der Nachbarin noch vom Blick ins Programmbuch. Das ist schade. Sicher wird sich, wenn es weitergeht mit der Saga, in „Walküre“ und „Siegfried“, manch eine Andeutung rückwirkend von selbst klären. Schade ist es aber vor allem um die in den Nuancen vermutlich witzig ausgefeilte Personenführung, die von Schwarz und seinem Team auf filmische Nähe hin gedrillt wurde, statt auf den in diesem Festspielhaus gegebenen Panorama-Fernblick. Ironisch, unterhaltsam – so war diese Produktion immerhin angekündigt worden. Schwarz hatte coronabedingt sogar zwei Jahre lang Zeit, an Details zu feilen, man könnte also durchaus mehr Differenzierung erwarten. Zum Beispiel: In Ausstattung und Requisite. Alle fuchteln dauernd wahlweise mit Handys oder Revolvern herum. Ein trister Retro-Look wie der von Wotans Villa ist Opernstandard, schon hundertfach abgenutzt. Auch sonst sind die verschachtelten Bühnenbilder von Andrea Cozzi ästhetisch eher langweilig, dabei technisch pannenanfällig. Und die Kostüme von Andy Besuch reißen es auch nicht heraus.
Dass Mime (Arnold Bezuyen), der unterdrückte Zwerg und Prolet, in bunt zusammengewürftelte Klamotten gestopft wurde, die nach Kleidersammlung ausschauen, ist ebenso banal und aussageschwach wie die Einheitskluft der dekadenten Göttersippschaft: glattrasiert, dunkle Anzüge. Kaum, dass man sie farblich ein bißchen auseinanderhalten kann. Und warum müssen Frauen in einem Opern-Spießerhaushalt immer so unvorteilhaft billig ausschauen, mit schlecht sitzenden Perücken und blechernem Glitzerzeug?  Fricka (Christa Mayer) und Freia (Elisabeth Teige) haben immerhin hervorragend gesungen. Einzig der jugendlich blondierte Sportsfreund Wotan (Egils Silins), der mit Hanteln übt und stramme Waden vorzeigt, sticht, was die Kostüme angeht entschieden heraus. Ganz besonders übermenschlich wirkt Urmutter Erda (Okka von der Damerau), sie hat mit Abstand die größte, schönste, farbigste Stimme. Lässt krachend ein Tablett mit Gläsern fallen. Schnappt sich dann eins der blondbezopften Walkürenmädchen und schleppt es ab in ihr dunkles, unterirdisches Reich.

Donner (Raimund Nolte) schwingt statt des Hammers einen Golfschläger. Froh (Attilio Glaser) zieht nochmal einen durch, doch seine Regenbogenbrücke bleibt unsichtbar. Wotan absolviert, statt in die endlich teuer erkaufte Burg Walhall umzuziehen, auf der Empore seines auch nicht eben unprotzigen Familiensitzes ein bizarr verrenktes Freudentänzchen, als sei dies das Ende der „Elektra“ von Richard Strauss. Ist aber nur das Ende des „Rheingold“ und der Anfang vom „Ring“. Was nicht ist, kann ja noch werden.

Kritik von Dr. Eleonore Büning

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