> > > > > 11.03.2022
Mittwoch, 29. Juni 2022

1 / 2 >

Marin Alsop, Copyright: Grant Leighton

Marin Alsop, © Grant Leighton

Das ORF Radio-Symphonieorchester im Konzerthaus

Solistischer Glanz und eine Premiere

Ein Heimspiel hatte das ORF Radio-Symphonieorchester im Großen Saal des Konzerthauses, bevor es zur Tournee nach Spanien aufbricht. Mit im Gepäck haben wird das RSO auf dieser Reise eine Auftragsarbeit der Wiener Komponistin Hannah Eisendle (*1993), ihre 2021 entstandene Komposition „Heliosis“ wurde am Freitagabend uraufgeführt. Doch zunächst wird wie vielerorts dieser Tage auch hier ein musikalisches Statement gesetzt: Es ist erklärte „Woche der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine“ im Wiener Konzerthaus – nachdem Chefdirigentin Marin Alsop die Bühne betreten hat, erklingt die ukrainische Nationalhymne, die Besucher im Saal erheben sich geschlossen.

Aufgeheizte Atmosphäre

Ein Stück über den Sommer ist Eisendles Werk „Heliosis“, jedoch keine verträumte Idylle. Bedrückende, beinahe aggressive Glut liegt in der Luft, beispielhaft dargestellt durch nervöses Streicherflimmern und spitze Flageolett-Klänge in der Höhe auf der einen Seite, bedrohliche Bass-Figuren in der Tiefe auf der anderen Seite. Unerbittlich vorwärtsdrängend mit rhythmisch-perkussivem Drive und donnernden Paukenschlägen wird die Atmosphäre buchstäblich aufgeheizt. Nur kurz, aber von hoher Intensität ist das Stück, in knallige Klangfarben getaucht vom RSO. Die Komponistin ist selbst anwesend und nimmt im Anschluss dankend die Glückwünsche auf der Bühne entgegen.

Emotionale Dichte

Erich Wolfgang Korngolds Biographie ist geprägt von seinem kriegsbedingten Exil in den USA. Während der Zeit des Nazi-Regimes schrieb er bewusst nur Filmmusik für Hollywood. Erst danach wandte er sich wieder klassischen Kompositionsformen zu, sein Violinkonzert D-Dur op. 35 repräsentiert diesen Wendepunkt in seinem Schaffen. Solist ist Ning Feng, zu seinen geigerischen Referenzen gehört u.a. der Gewinn des Paganini-Wettbewerbs 2006. Ohne Umschweife steigt der Solopart direkt ein, schon in den ersten Tönen lässt Feng den charismatischen Klang seiner Stradivari mit ungemein ausdrucksvollem Vibrato leuchten. Mit klanglich süßer, aber nicht süßlicher Empfindung formt er berührend schöne Kantilenen. Das RSO Wien legt einen gut ausbalancierten Klangteppich aus, ohne die Farben der Partitur zu dick aufzutragen. Zu Fengs immenser Musikalität kommt seine souveräne Virtuosität, besonders eindrucksvoll zu hören in der Kadenz. Auch im Mittelsatz lässt Alsop orchestrale Sphären sanft schweben, gekonnt stößt sie harmonische Celesta- oder Vibraphontupfer an. Fengs Spiel besticht neben strahlender Kraft und Klarheit durch hohe emotionale Dichte. Technisch überlegen meistert er die halsbrecherischen Anforderungen des spielfreudig wirbelnden Finales, saftige Tutti-Einwürfe ebnen den Weg zur furiosen Stretta. In seiner Zugabe beweist Feng, dass er stilistisch auch bei Bach zu Hause ist. Auch mit minimal dosiertem Vibrato gelingt ihm eine stimmlich filigrane, bruchlos fließende Linienführung im "Largo" aus Bachs C-Dur-Sonate BWV 1005.

Keine klare Kante

Dvořáks Symphonie Nr. 7 d-Moll op. 70 markiert seinen Übergang zum gereiften Spätstil in dieser Gattung. Im Kopfsatz werden melodische Bögen zwar in sich geschlossen gespannt, Akzenten fehlt aber bisweilen die Deutlichkeit. Lyrisch schön geformt ist das mit Holzbläsern aufgehellte zweite Thema, insgesamt wagt Alsop sich aber zu wenig in dynamische Grenzbereiche vor. Dem Streicherklang fehlt ein wenig die erdige, spätromantische Wärme, zudem wird er stellenweise zu stark vom Blech zugedeckt. Konturen im „Poco Adagio“ sind zwar sauber, auch hier vermisst man aber klangliche Abstufungen, Endungen wirken stellenweise nicht weich genug. Im „Scherzo“ vermittelt Alsop nicht ganz dessen tänzerische Elastizität. In den rhythmischen Pointierungen des „Finales zeigt sie nicht immer klare Kante, dynamisch fährt Alsop auch hier streckenweise zu eingleisig. Gut gelingt der Steigerungsaufbau hin zur Schluss-Coda.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig



Kontakt zur Redaktion


ORF Radio-Symphonieorchester Wien: M. Alsop/N. Feng

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Erich Wolfgang Korngold, Antonín Dvorák

Mitwirkende: Marin Alsop (Dialogeinrichtung), ORF Radio-Symphonieorchester Wien (Orchester)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2022) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich