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Mittwoch, 7. Dezember 2022

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Szenenphoto Schwanensee, Copyright: S. Gherciu

Szenenphoto Schwanensee, © S. Gherciu

Ray Barras Schwanensee in München

Eigene Charakterzüge

Mitte der 1990er-Jahre schuf Ray Barra seine „Schwanensee“-Version für das Bayerische Staatsballett. Angelehnt ist sie, wie bis heute die meisten Fassungen, an die – soweit noch rekonstruierbare – Choreographie von Marius Petipa und Lew Iwanow, die erstmals 1895 im St. Petersburger Mariinsky-Theater zur Aufführung kam. Unverkennbar eigene Charakterzüge trägt Barras Arbeit dennoch, Prinz Siegfried ist hier kein strahlender Märchenheld mehr, sondern ein junger Mann auf Selbstfindungskurs, der unter der höfischen Etikette leidet und mit althergebrachten Konventionen bricht. Auch auf ein Happy End verzichtet Barra – sicherlich insofern kein Zufall, als Barra selbst während seiner Stuttgarter Zeit die Version von John Cranko getanzt hat, auch dort geht die Geschichte tragisch aus. 

Schwerelose Anmut

Zwischenzeitlich in einer verkürzt-adaptierten, von Ballettmeister Thomas Mayr erarbeiteten und von Barra abgesegneten Fassung mit nur 12 Schwänen hatte die Aufführung 2020 pandemiebedingt noch über die Bühne des Nationaltheaters gehen müssen. Aktuell sind zwar wieder alle 24 Schwäne an Bord, Ausstattungstribut fordert trotzdem noch immer die aktuelle „Omikron“-Welle, Statisterie und Bühnenbild im zweiten Akt sind notgedrungen stark eingeschränkt. Der Faszination dieser 100. Jubiläumsvorstellung tut das aber keinen Abbruch, Orchester und Darsteller vermitteln sofort präsente, bis ins Detail lebendige Intensität. Ein paar Unebenheiten gibt es noch beim Pas de six im ersten Bild des ersten Akts, darin ragen dennoch Margarita Fernandes, Dmitrii Vyskubenko und António Casalinho heraus. Letzterer begeistert auch sonst auf Anhieb in seinem Rollendebüt als Siegfrieds Freund Benno mit fulminanter Sprunghöhe und Körperspannung, hier tanzt eindeutig jemand mit zukünftigem Solistenpotential. Im Rollentausch mit Emilio Pavan (Rotbart) kurzfristig als Prinz Siegfried umbesetzt, lässt Jinhao Zhang schon früh seine ganze technische Klasse aufblitzen, raumgreifende Sprünge und Landungen sitzen exakt. Schon im ersten Pas de deux von Prinz Siegfried und Odette wirkt die Interaktion zwischen ihm und Prisca Zeisel vertraut, Hebungen haben schwere- und mühelose Anmut. Hatte es Zhang 2020 noch etwas an darstellerischer Überzeugungskraft gefehlt, so besitzt er diese nun umso mehr. Durch und durch glaubwürdig, auch in Gestik und Mimik, gestaltet er die emotionalen Befindlichkeiten des Prinzen aus. Sein expressives Solo im ersten Akt steht für die immense Verbesserung, die keine Wünsche mehr offenlässt.

Exquisite Arabesken

Die filigrane Symmetrie der Schwanen-Defilees führt das Corps de Ballet mit vollendet ästhetischer Linienführung vor, ein bisschen fühlt man sich bei den hüpfend-gleitenden Arabesque-Figuren doch immer wieder an die (ebenfalls auf Petipa zurückgehende) Geisterwelt der „Wilis“ aus „Giselle“ erinnert. Flankiert von den Schwanenreihen harmonieren Odette und Siegfried zum Ende des ersten Akts in einem weiteren Pas de deux noch einmal perfekt, bevor sich heraufziehendes Unheil ankündigt. Folkloristisches Temperament haben die Tanzszenen im ersten Bild des zweiten Akts, auch hier macht António Casalinho nochmals nachhaltig auf sich aufmerksam, er verkörpert die pure Freude am Tanz bis in jede Faser. Eine hervorragende Figur macht Prisca Zeisel auch auf der „dunklen Seite der Macht“, ob solo oder an der Seite von Zhang glänzt sie mit exquisiten Arabesken und exzellentem Port de bras. Zum quasi obligatorischen, bei jeder Aufführung mit Spannung erwarteten „Schwanensee-Inventar“ gehören Odiles spektakuläre 32 Fouettés en tournant und die sich nahtlos anschließenden Drehungen à la seconde von Prinz Siegfried. Beide Elemente hat Barra beibehalten – beide erstklassig getanzt von Zeisel und Zhang. Auch die weltberühmten vier kleinen Schwäne meistern ihren Part souverän. Choreographisch gut umgesetzt ist Rotbarts gebieterische Strenge über die schwarzen Schwäne. Emilio Pavan tanzt die Rolle des bösen Zauberers bis auf einen kleinen Wackler technisch zwar einwandfrei, die ganz bedrohliche Energie geht von seiner Darstellung aber nicht immer aus. Nicht zu vergessen: Maria Baranova als überzeugende Charlotte. Ein letztes Mal durchbricht Prinz Siegfried am Ende den von Barra charismatisch kreierten „Schwanenkreis“, dann ist es um ihn geschehen. Das Staatsorchester unter Leitung von Tom Seligman hat klanglich und musikalisch einen guten Draht zum Bühnengeschehen. Lediglich zum Schluss des ersten Akts hakt es kurz bei der Synchronisation der Tempi, ein paar Unsauberkeiten unterlaufen der Solovioline. Ansonsten findet die Handlung aber ihre emotionale Entsprechung im Orchestergraben bis in luftig tragende Flügelschläge der Harfen.  

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Kritik von Thomas Gehrig



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