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Samstag, 21. Mai 2022

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Ball im Savoy, Copyright: Iko Freese

Ball im Savoy, © Iko Freese

Zum letzten Mal: Ball im Savoy

Big Bang Theory: Koskys queere Operettenrevolution

Dass in Berlin unter der künstlerischen Leitung des „schwulen jüdischen Kängurus“ Barrie Kosky eine Operettenrevolution stattgefunden hat, hat sich inzwischen weltweit herumgesprochen. Und jetzt, wo Koskys Intendanz sich dem Ende nähert, ziehen mehrere große Fachzeitschriften Bilanz: „TDR“ (The Drama Review) als US-amerikanisches Fachblatt für Theaterwissenschaft widmet sich demnächst dem queeren Big Bang, den Kosky mit seinen Produktionen ausgelöst hat. Auch die polnische Zeitschrift „Polskie Wydawnictwo Muzyczne“ würdigt in ihrer nächsten Ausgabe dem Kosky-Impuls auf die Operettenszene.

Die erste der Impulsinszenierungen war 2013 Paul Abrahams wiederentdeckte Jazzoperette „Ball im Savoy“ (1932), die Kosky mit Adam Benzwi als musikalischem Leiter und einer Starbesetzung rund um Dagmar Manzel, Katharine Mehrling und Helmut Baumann auf die Bühne hievte – nicht zu vergessen mit der Tanztruppe von Otto Pichler, der auch choreografierte.

Dieser „Ball im Savoy“ war in vielerlei Hinsicht wegweisend: Er hat ein größeres Abraham-Revival in Gang gesetzt, er hat gezeigt, dass man für Operette exzellente Charakterdarsteller braucht, die Dialoge mit Schmackes servieren können, er hat demonstriert, wie wichtig Tanz und Bewegung als zentrale Elemente einer Operettenaufführung sind, und er hat das Genre befreit von der Vorstellung, man müsse diese Musiktheaterform irgendwie „veredeln“ mit Operngesang und symphonischen Klängen, um die vermeintlich „mindere“ Musik an einem staatlich subventionierten Opernhaus zu rechtfertigen.

Kosky und seine Komische Oper gingen einen anderen Weg – ein Weg des bewussten Showbusiness, des Glitzers, der glanzvollen Oberfläche, einen Weg, der offensiv mit Queerness spielte und das nicht verstecke. Es kamen später noch die Geschwister Pfister an die Komische Oper mit einer eigenen Operettenreihe, es gab unzählige konzertante Operettenausgrabungen zu Weihnachten, und es gab noch unvergleichliche Oscar-Straus-Operetten mit Dagmar Manzel als singulärem Superstar. Aber es fing eben alles an mit dem „Ball im Savoy“ und der Überfülle an brillanten Ideen, die Kosky-Pichler-Benzwi da als Feuerwerk abfackelten.

Nachdem die Produktion bereits abgespielt war – nach insgesamt 50 Aufführungen – kehrt sie nun auf allgemeinen Wunsch des Publikums ein letztes Mal zurück in die Behrenstraße. Mit den Stars von damals, alle merklich älter, aber mit einer reifen Souveränität spielend, die es zu einer echten Freude macht, ihnen nochmals neu zuzuschauen und zuzuhören.

Einige der Interpretationen muss man zu Meilensteinen der Nachkriegsoperettengeschichte zählen: Mehrling als Jazzkomponistin Daisy Darlington ist ein Ereignis! Das war sie schon 2013, und sie ist immer noch perfekt für diese Rolle, die einst für Rosy Barsony geschrieben wurde. Diese Tanzmusik kann man nicht besser singen und spielen, als es Mehrling mit idealer Musicalmanier tut und einer Detailverliebtheit in der Textausgestaltung, die den genialen Einfluss von Adam Benzwi verrät. Da sitzt jede Pointe und jede noch so abwegige Anspielung.

Neben Mehrling wirkt Dagmar Manzel in der zentralen weiblichen Rolle der Madeleine de Faublas auf den ersten Blick nicht wie eine Idealbesetzung – immerhin hatte Abraham die Partie für den Koloratursopran von Gitta Alpar konzipiert. Aber gerade weil Manzel eine tiefe und rauchige Chansonstimme hat und so vollkommen anders ist als der Zwitschervogel Alpar, ist ihre Madeleine ein Wunder: Manzel schafft es, sich diese Rolle so anzueignen, dass man Alpar vergisst und sich ganz dieser intensiven – teils auch grotesk komischen – Darbietung hingeben muss. Manzel ist als Schauspielerin so gut, dass es ihr gelingt, bei dieser Figur einen emotionalen Handlungsbogen zu spannen, bei dem sogar das etwas abrupte Happy End glaubwürdig rüberkommt. Und berührt.

Wenn Manzel am Ende allein und verlassen auf der leeren Bühne steht und singt („In meinen weißen Armen“), dann ist das ergreifend, umso mehr, weil Adam Benzwi sie nur mit Klavier so kongenial begleitet, dass man das Gefühl hat, einen Seelenmoment zu erleben, bei dem alles stimmt. Und diesen Moment lässt sich Manzel auch ein Jahrzehnt nach der Premiere nicht nehmen, um die gesamte Konkurrenz auf der Bühne in die Schranken zu verweisen. Man merkt bei Manzel auch, dass sie bei allem Klamauk nie die Konzentration verliert und immer das emotionale Zentrum des Geschehens bleibt. Sie schafft es auch in einer Sprechszene mit Fantasiefranzösisch Szenenapplaus hervorzurufen, einfach weil sie weiß, wie das geht. Und das macht ihr niemand nach!

Helmut Baumann spielt den Mustafa Bey als Attaché der türkischen Botschaft in Paris inzwischen mit einer Nonchalance und teils Vergesslichkeit, die der Rolle des alternden Lüstlings gut steht. Und im Zusammenspiel mit Mehrling als seiner künftigen Braut fliegen erotische Funken: Die Orgasmus-mit-Fingerlecken-Szene der beiden bleibt ein Showstopper.

Showstopping ist auch die Tanzgruppe von Otto Pichler, so präzise einstudiert wie am ersten Tag. Die acht Tänzer (Meri Ahmaniemi, Alessandra Bizzarri, Shane Dickson, Claudia Greco, Robin Poell, Marcell Prét, Tara Randell und Paul Gerrisen als Dance Captain) pusten wirklich die gesamte Operettenkonkurrenz in Ischl, Baden, Wien, Mörbisch, am Gärtnerplatz, der Musikalischen Komödie Leipzig oder der Staatsoperette Dresden weg. Mit einer Leichtigkeit, die umwerfend ist. Und mit einem Sexappeal, der nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat.

Daneben glänzen Agnes Zwierko als Tangolita (die unfassbare Witze im vulgärsten Warschauer Dialekt reißt), Christoph Späth als smarter Marquis de Faublas und Peter Renz mit Christiane Oertel als Dienerpaar, das jiddisch singt.

Man merkt, dass Kosky mit Manzel und Benzwi seinen Operettenstil in den Jahren nach „Ball im Savoy“ verfeinert hat. Man merkt auch, dass andere Regisseure wie Christian Weise am Gorki Theater mit „Alles Schwindel“ oder die tutti d*amore-Truppe mit ihren Spoliansky-Produktionen oder ihrem Mash-up aus „Lysistrata“/„Schöne Galathée“ die Idee einer queeren Operette „Made in Berlin“ inzwischen weiterentwickelt haben. Aber sie alle bauen auf diesem Urknall von 2013 auf. Und diesen nun nochmals live sehen zu können, ist ein Geschenk. Man erlebt ein Stück lebendige Geschichte, das niemals museal rüberkommt. Sondern quietschfidel. Sich aber seiner eigenen Bedeutung bewusst ist.

Kurz: Es ist ein Operettenfest, ohne das man vieles von dem nicht versteht, was in Deutschland, Österreich und der Schweiz inzwischen in Sachen Abraham und Oscar Straus und überhaupt Weimarer Operette passiert ist. Dass ausgerechnet von diesem „Ball im Savoy“ keine DVD veröffentlicht wurde, ist ein Skandal, denn es gibt eine gefilmte Version, die einst im TV lief.

Jedenfalls gibt es jetzt bis in den Mai hinein insgesamt neun Aufführungen. Die sollte sich niemand entgehen lassen, der sich auch nur ansatzweise für die Möglichkeiten des Genres interessiert.

Bevor im Sommer Schluss ist mit Kosky als Intendant und bevor die Komische Oper ins Schillertheater umzieht, gibt es als Finale im Juni noch „Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“, wiederum mit Benzwi am Pult/Piano und mit all den großartigen Mitstreitern dieser Operettenrevolution – von Manzel und Mehrling über Baumann, Max Hopp, den Geschwistern Pfister (Tobias Bonn, Andreja Schneider, Christoph Marti), Alma Sadé, Peter Renz usw. Was dann folgen wird in Sachen Operette muss man abwarten. Dem Vernehmen nach schmieden die neuen Intendanten schon interessante Pläne, die einen anderen Schwerpunkt setzen werden. Womit hier ein Stück Geschichte zu Ende geht, das miterlebt zu haben zu den großen Glücksmomenten meines Lebens zählt.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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