> > > > > 19.02.2022
Mittwoch, 29. Juni 2022

Wiener Philharmoniker, Copyright: Wiener Philharmoniker

Wiener Philharmoniker, © Wiener Philharmoniker

Die Wiener Philharmoniker im Musikverein

Programmatisches Déjà-vu

Beim ersten Auftritt am Freitagabend vor der anstehenden Tournee der Wiener Philharmoniker war im Konzerthaus noch Franz Welser-Möst für Valery Gergiev eingesprungen. Am Samstag stand er im „Wohnzimmer“ der Philharmoniker dann planmäßig selbst am Pult. Bedingt durch die Umbesetzung kam es zu einer unvorhergesehenen programmatischen Schnittmenge – und einer selten spannenden Konstellation: Nicht oft hat man die Möglichkeit, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen dasselbe Orchester mit demselben Werk unter zwei verschiedenen Dirigenten zu hören. Dazu später mehr.

Prägnante Bildersprache

Insgesamt drei Suiten hat Sergej Prokofjew zu seinem Ballett „Romeo und Julia“ op. 64 angefertigt, aus den beiden früheren hat Gergiev eine siebenteilige Auswahl zusammengestellt, die sich überwiegend am Handlungsverlauf orientiert. Gleich zu Beginn ist das Orchester in der anschwellenden Klangfülle von „Montagues und Capulets“ voll präsent. Zu den bekanntesten Nummern des Balletts gehört der in die Episode integrierte “Tanz der Ritter“. Markant wird die charakteristische Basslinie geführt, kurze Unebenheiten in der Stimmübergabe verflüchtigen sich schnell. Transparent leuchten die Holzbläsersphären des Mittelteils, souverän gelingt das Flötensolo. Mit vitalem Esprit wird „Das Mädchen Julia“ porträtiert, nochmals kann sich die Solo-Flöte auszeichnen. Rhythmisch spannungsgeladen spielt sich die „Szene“ ab, nicht ganz stabil wirkt das Violinsolo. Mit kraftvoll geformten Bassbewegungen und einfühlsamer Violoncello-Wärme wird „Pater Lorenzo“ charakterisiert. Das „Menuett“ schreitet mit selbstbewusster Haltung und plastischen Konturen dahin, das Spiel der „Masken“ erhält perkussiv fein geschliffenen Drive. Atmosphärisch dichte, klangfarblich prägnante Bildersprache beschreibt „Romeo am Grabe Julias“, mit düster schattiertem Trauerrand in den Hörnern und sublimem Pianissimo lässt Gergiev einen kalten Luftzug durch das Schlusskapitel wehen.

Direkter Vergleich

Danach kommt es zum besagten programmatischen Déjà-vu: Tschaikowskys Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 74 („Pathétique“) hatten die Wiener schon am Vorabend unter Welser-Möst gespielt. Gergiev lotet die bedrohlichen Tiefen des „Adagio“ expressiv aus, intensive Spannkraft hat der anschließende Abschnitt in seinen tänzelnden Streicherfiguren. Im weiteren Verlauf spannt er beseelte melodische Bögen, das „Allegro non troppo“ nimmt er wörtlich und gibt Kantilenen im Vergleich zu Welser-Möst mehr Raum zum Atmen. Erstklassig intoniert ist das Klarinettensolo zum Ende der Exposition. Die kurz darauf folgende dynamische Bombe lässt Gergiev impulsiver platzen als Welser-Möst. Energetisch aufgeladen ist die Fugato-Passage, Gergievs Dirigat behält jederzeit Dringlichkeit und erfasst präzise die programmatisch angelegte seelische Zerrissenheit. Mehr Beweglichkeit als tags zuvor hat die Phrasierung des walzerartigen zweiten Satzes, bei Gergiev verläuft die emotionale Fieberkurve etwas akuter. Zu einem wärmeren Streichertimbre hatte demgegenüber Welser-Möst die Philharmoniker geführt. Unentschieden im direkten Vergleich. Etwas stärkere agogische Zugkraft geht von Gergievs „Allegro molto vivace“ aus, die Wiener glänzen mit charismatisch strahlendem Blech. Unaufhaltsam bricht sich die schmerzliche Resignation im Finale Bahn. Die Schlussspannung unmittelbar nach den letzten Takten, die Tschaikowsky geschrieben hat, hält Gergiev eine Spur länger – am Ende hat seine „Pathétique“ etwas mehr Pathos.

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Kritik von Thomas Gehrig



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Wiener Philharmoniker: Valery Gergiev

Ort: Musikverein,

Werke von: Peter Tschaikowsky, Sergej Prokofieff

Mitwirkende: Valery Gergiev (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester)

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