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Donnerstag, 7. Juli 2022

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Sylvia Hamvasi (Katja), Anna Harvey (Varvara), Copyright: Sandra Then-Friedrich

Sylvia Hamvasi (Katja), Anna Harvey (Varvara), © Sandra Then-Friedrich

Kátya Kabanová von Leoš Janáček in Duisburg

Wenn Sehnsüchte unerfüllt bleiben

„Warum fliegen die Menschen nicht?“, fragt sich die unglücklich verheiratete Protagonistin im ersten Akt. Während ihre Freundin und Schwägerin Varvara am Ende der Tragödie in ein „neues, frohes Leben“ aufbricht, bekennt Kátya im dritten Akt wie entfesselt, öffentlich eine große Schuld. Es ist ein lächerlicher Seitensprung, in Kátyas Wertekodex jedoch ein unmoralischer Ehebruch, an dem sie anschließend freiwillig zugrunde gehen wird. Für die Regisseurin Tatjana Gürbaca ist dieses öffentliche Bekenntnis Kátyas der Höhepunkt ihrer Entwicklung zur Selbstbefreiung. 

Gürbacas empathisch erzählende, feinsinnige, auch subtil ironische Untertöne nicht aussparende  Werkinterpretation der Oper „Kátya Kabanová“ von Leoš Janáček feierte jüngst als Koproduktion der Deutschen Oper am Rhein und dem Grand Théâtre de Genève im Theater Duisburg Premiere. Unter der Leitung Axel Kobers entsteht gemeinsam mit Gesangssolisten, dem Chor der Deutschen Oper am Rhein und den Duisburger Philharmonikern ein faszinierend lebendiges und zugleich erschütterndes Wechselspiel von Orchester und Gesang. 

Ohne Pause, intim, differenziert und detailverliebt wie im Kammerspiel werden die sozialen, seelischen und psychologischen Befindlichkeiten der Menschen vor Augen geführt, ihr Alltag, ihr Lachen, ihre Sehnsüchte, Träume, Sorgen und Ängste ausgebreitet. Henrik Ahr hat die Bühne in einen offenen, lichten Guckkasten verwandelt. Am Ende der aufsteigenden Rampe öffnet sich der Blick in die befreiende Weite einer grauen, bewölkten Flusslandschaft. Anfangs starr beginnt die Wasseroberfläche sich beim Einsetzen der Musik leicht aufblitzend zu bewegen, um sich sodann - mit dem Beginn der Opernhandlung zu schließen und in schmucklose, blau-graue Wandtapete bzw. höhlenartigen Erker zu verwandeln - eine sprechende Metapher für das wandelbare, unsichere Erleben von Ordnung und Veränderung im beginnenden 20. Jahrhundert.  

Passend zu Janáčeks schnell wechselnden, kontrastiven Klanggesten aus rezitativischen und ariosen Anteilen versammeln sich die spielfreudigen Gesangssolisten wie Fremde und scheinbar spontan im Raum. Immer wieder frieren die Haltungen und Gesten ein, bilden als Freeze-Gemälde den Hintergrund für Streit und Zuneigung. Und Schritt für Schritt beginnt die Protagonistin Kátya, sich zu entdecken, zwischen Staubwischen und Wäschefalten, zwischen demütigenden Erniedrigungen der Schwiegermutter, einem Unverständnis ausdrückenden Ehemann ihre Sehnsüchte und Ängste wahrzunehmen. Soll sie sich den alten Regeln unterordnen oder Schritte in neue, unbekannte Gefühlswelten wagen? Freundin und Schwägerin Varvara steht ihr dabei unterstützend zur Seite. In der letzten Szene doppelt Gürbaca die Figur.

Sylvia Hamvasi ist eine souveräne Kátya Kabanová, Eva Urbanová eine wunderbar böse Schwiegermutter Kabanicha, die in ihren Gewalt verkörpernden Wortgewittern die Nähe zwischen Janáčeks Sprachmelodien und der tschechische Sprache aufleben lässt. Matthias Klink stellt einfühlsam den zwischen Muttergehorsam und liebendem Ehemann überforderten Tichon dar. Anna Harvey ist die wunderbar empfindsame, fürsorgliche Freundin Varvara. Mit dem aufgeklärten Lehrer Kudrjasch - ausdrucksstark interpretiert von Cornel Frey - versteht sie es auch, das Leben zu genießen. Daniel Frank verkörpert den jungen Boris. Auch er ist - ebenso wie Kátya - ein Fremder und hilflos angesichts der zunehmenden Angstspirale seiner Geliebten. 

Die Operndarbietung endete mit einem gemeinsamen Aufruf zur weiteren, internationalen Zusammenarbeit und Freiheit von Kunst und Kultur. Chor, Orchester und Gesangsensemble sangen die Mendelssohn-Kantate „Verleih uns Frieden gnädiglich“.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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