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Donnerstag, 8. Dezember 2022

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Ensemble, Copyright: Falk von Traubenberg

Ensemble, © Falk von Traubenberg

Moderner Hercules zum Auftakt der Händel-Festspiele

Idyll im Multiversum

Eifersucht kennt viele Gründe, aber nur ein Ziel. Die vollkommene Zerstörung. Davon erzählt Regisseur Floris Visser in seiner packenden Inszenierung von G.F. Händels „Hercules“ zur Eröffnung der 44. Internationalen Händelfestspiele im Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Das Premierenpublikum feierte den knapp vierstündigen Musikpsychothriller mit frenetischem Applaus.

Ausdrucksstärkste Oper

Glücklos verlief die Uraufführung von Georg Friedrich Händels „Hercules“ im Frühjahr 1755 in London. Seine Starsängerin fiel aus, die gute Gesellschaft boykottierte die Aufführungen. Händel befand sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seines dramatischen Schaffens. Doch als Impresario musste er schmerzlich akzeptieren, dass seine Zeit im King´s Theatre am Haymarket abgelaufen war. Hercules, als Oratorium deklariert, doch von Händel selbst als musikalisches Drama verstanden, verschwand in der Schublade. Noch heute gleicht jede Aufführung einer Wiederentdeckung einer großartigen, wenn nicht sogar der ausdrucksstärksten Oper, die Händel komponiert hat.

 „Hercules“ handelt vom tragischen Ende eines scheinbar unbesiegbaren Helden des klassischen Altertums. Thomas Broughton verfasste das Libretto. Händel zeigte am Titelhelden jedoch wenig Interesse. Reduziert auf zwei Arien glänzt Hercules meist durch Nichtanwesenheit. Trägerin der Handlung ist Dejanira, die Dame des Hauses, weit über dem Zenit ihrer Blüte, vereinsamt, verletzlich, verunsichert und dadurch gefangen im Taumel ihrer widerstreitenden Gefühle. Das zeigt sich im Wechsel der Tonarten ihrer Arien und gipfelt in der Furienszene. Händel überbot hier an Ausdruckskraft alles, was er je an Opern komponiert hatte, ein fein ziseliertes Kaleidoskop tiefmenschlicher Zerrissenheit, das unweigerlich in den Wahnsinn führt.

Filmisches Erleben

Hier setzte Regisseur Floris Fisser an. Wie schon 2017 in seiner vielumjubelten „Semele“ wählte er neuerlich Amerika als Schauplatz und erzielte doch eine aus der Zeit losgelöste Schau. Seine Erzählweise gleicht dem Muster eines Psychothrillers.

Gideon Davey, verantwortlich für Bühne und Kostüme, hat als Kulisse ein villenartiges Haus ohne Außenwände gebaut und auf eine Drehbühne gestellt. Eine steile Treppe verbindet die beiden Stockwerke. Eine Balustrade im Obergeschoss quer entlang des großen Saals im Untergeschoss ziert antike Kunst. Mehr verweist nicht auf das antike Drama um Hercules und seine Gattin Dejanira. Hier geht es um eine amerikanische Familie Anfang der 1950er Jahre. Kleidung und ausgewählte Requisiten unterstreichen das.

Nahezu pausenlos rotiert das Haus, im Drehtempo abgestimmt auf die Szenenwechsel, einer Verquickung aus Vorschau und Rückblende, um mosaikartig aufzuschlüsseln, wie es dazu kam, womit Fisser das Publikum in der ersten Szene konfrontiert: einer dem Wahnsinn verfallenen Dejanira. Bisweilen dreht sich auch ein Außenring um das Haus und zeigt überaus kunstvoll arrangierte Zeitlupenszenen als weiteres Erklär-Element, um Auslöser der emotionalen Notlagen der Protagonisten im Bild zu beschreiben. Mit dieser konsequent durchgehaltene Erzählmethode erzeugt Fisser filmisches Erleben.

Ouvertüren-Trailer

Während Ouvertüre und Menuett noch trügerisch unbekümmert und leichtfüßig tänzelnd dem Orchestergraben entströmen, bindet ein stummes Szenario alle Aufmerksamkeit des Publikums. Es ist der Vorspann, in welchem Floris Fisser in schnellen Wechseln kommende Szenen andeutet.

Eine Frau in Zwangsjacke radiert über Sternenbildpunkte auf der weißen Wand. Im halboffenen schiefen Schrank hängt ein Brautkleid. Die Türen hat sie mit Brettern vernagelt. Doch für den Helden mit Adlerschwingen bildet dies kein Hindernis.  Mit leichter Hand durchbricht er die Barriere und rettet sie vor dem Zugriff der Wärter. In der Schlussszene wird sie sich in ihrem abgeschlossenen Raum wiederfinden. Dann leuchten die Sternenbilder und die in ihrem Wahn eingeschlossene Dejanira blickt glücklich zu ihrem göttlichen Hercules.

Im Kreis von Militärs feiert man Hochzeit, ein Gast schleicht der Braut hinterher und will sie vergewaltigen. Der Bräutigam hat ihn beobachtet, schlägt ihn tot. Es ist Hercules, der den Kentaur Nessos tötet. Eigentlich durchbohrte er ihn mit Pfeilen. So erzählt es Sophokles in der Tragödie „Die Frauen von Trachis“. In seinem Todeskampf forderte Nessos Dejanira auf, ein Hemd mit seinem Blut zu tränken. Wenn sie einmal Grund zur Eifersucht habe, solle sie dem Ehemann dieses Hemd anziehen. Damit ist der zerstörerische Siegeszug ihrer Eifersucht vorprogrammiert.

Im Gerichtssaal ziert ein Trauerflor das Porträt von Hercules. Auf der Anklagebank sitzt in ihrem Rollstuhl versunken Dejanira, des Mordes an Herkules angeklagt. In der Ausführung dieser Szene verfolgt der Zuschauer den qualvollen Tod des Hercules auf der Leinwand. Dejanira hat in ihrem Eifersuchtswahn den Mantel von Herkules mit Giftpuder bestäubt. Die Wirkung raubt ihr den Verstand. Statt seine Liebe zurückzugewinnen, verbrennt Hercules am lebendigen Leib.

Starr und bar jeglicher Regung folgen zwei junge Menschen in Trauergewändern von der Balustrade aus der Gerichtsverhandlung. Es sind Hyllus, der Sohn des Hercules, und Iole, die Prinzessin, deren Vater Hercules im Kampf tötete und die dieses Schicksal nie überwand. Weil es für das Londoner Publikum wohl zu schwere Kost gewesen wäre, sah Händel für die Hochzeit der beiden ein lieto fine vor. Visser bleibt jedoch konsequent. Nur in der Welt der wahnsinnigen Dejanira heiraten Hyllus und Iole. In der Realität verharren sie auf Distanz als vom Schicksal ihrer Mütter und Väter Gezeichnete.

Hochdramatische Musik

Mit diesen Szenenwechseln erzielt Visser ein spannungsgeladenes, hochdramatisches Erleben, das über die Dauer der Aufführung entscheidend durch die musikalische Interpretation gehalten wird. Die ersten b-Moll-Töne nach der luftigen Ouvertüre mit nachfolgendem Menuett erzielen Schockwirkung, ziehen mit dem stringenten Handlungsbeginn in die Düsternis menschlicher Abgründe, gefolgt von weiteren emotionalen Erschütterungen.

Dirigent Lars Ulrik Mortensen, erfahren im Spiel auf historischen Instrumenten, schafft dies mit Methode. Er lässt den Musikern Zeit zum Ausspielen, wählt überaus differenzierte dynamische Abstufungen, erzeugt Spannung durch minutiöse Dehnung wie Straffung und, je nach Situation, bis in das Extrem. Die Deutsche Händel-Solisten Continuo-Gruppe folgt seinem Dirigat als dynamischer Klangkörper und reiht Höhepunkt an Höhepunkt. Der Händel-Festspielchor überzeugt mit dichtem Wohlklang. Nur beim Singen aus gegenüberliegenden Positionen gleicht das Bemühen um Zusammenklang einem Ringen um Einheit.

Beispielhafter Beitrag zur Händel-Rezeption

Lauren Lodge-Campbell ist die Überraschung des Abends. Sie gestaltet ihre Partie in feinsten Nuancen und verkörpert mit stimmlich fiebrigem Glanz die von Trauer und Melancholie erfüllte Tochter. Unerhört traurig wie schön gelingt ihr Klagegesang „My father! Ah! methinks I see!“. Szenisch wie musikalisch ist dies der intensivste wie berührendste Moment am Premierenabend.

Ann Hallenberg in der Partie der Dejanira gibt eine solide Leistung ab, doch in der zentralen Wahnsinnsarie wünschte man sich mehr Stimmkraft und Ausdruck. Brendon Cedel meistert seine wenigen Koloraturen leichtfüßig. Moritz Kallenberg mimt nicht nur stimmlich den introvertierten Sohn, aber dies in hellen formschönen Tönen. James Hall und Stefanie Netthorn sprengen ihr Korsett der stimmlich souverän ausgefüllten Nebenrollen spätestens in ihrer spielfreudigen Steppszene.

Mit dieser musikalisch bravourösen wie szenisch zeitgemäß-zeitlosen Interpretation gelingt dem Karlsruher Festspiel-Ensemble ein beispielhafter Beitrag zur Händel-Rezeption, der einmal mehr die Aktualität und Ausdruckmacht des Barockkomponisten herausstellt.

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Kritik von Christiane Franke

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Hercules: G.F. Händel

Ort: Badisches Staatstheater,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Lars Ulrik Mortensen (Dirigent), Badische Staatskapelle (Orchester), Ann Hallenberg (Solist Gesang)

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