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Samstag, 25. Juni 2022

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Daniel Harding, Copyright: Astrid Ackermann

Daniel Harding, © Astrid Ackermann

Das BRSO mit Holst und Strawinsky

Erzählerische Suggestivkraft

Zwei Konzerte gibt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in dieser Woche im Herkulessaal der Münchner Residenz. Am Pult steht Daniel Harding, auf dem Programm mit Gustav Holsts monumentaler Orchestersuite „Die Planeten“ op. 32 unter anderem ein Werk, das das BRSO seit annähernd 30 Jahren nicht mehr gespielt hat. Mit einer kleinen Teil-Ausnahme: Noch gut in Erinnerung ist die letztjährige Ausgabe von „Klassik am Odeonsplatz“, bei der „Jupiter“ erklang, ebenfalls unter Harding.  

Klangliche Feinarbeit

An erster Stelle der Suite steht aber „Mars“, in dessen anfänglichen agogischen Stoßwellen ist das Orchester sofort präsent. Aus prägnanten „Col legno“-Impulsen erwächst ein rhythmisch scharfkantiges Profil, Harding arbeitet die peitschenden Akzente charismatisch heraus. Er stellt nicht, was relativ einfach wäre, nur bombastischen Klang in den Raum, er entwickelt programmatisches Geschehen mit echtem „sempre crescendo“, wirft kriegstreibendes Schlagwerk an, charakterisiert martialische Fanfaren, die musikalische Aggressivität kommt an. Unweigerlich werden musikalisch Assoziationen zum aktuell bedrückenden Weltgeschehen geweckt. Holst kennt bis ins vierfache Fortissimo kein dynamisches Pardon – Harding lässt sich darauf ein. Lediglich die Trompeten-Einwürfe könnten ein wenig einschneidender artikulieren. Innerlich ausgeglichener „Adagio“-Frieden herrscht dagegen auf der „Venus“. Einfühlsam eröffnet das hochkarätige Horn-Solo den Satz, Harding achtet auf alle Holbläserfeinheiten, differenziert gelingen der Largo-Animato-Wechsel und die farbliche Mischung der Harfen- und Celesta-Klänge. Es herrscht punktgenaue Stimmübergabe bis in feinste Flageolett-Höhen, mit hervorragend dosiertem Vibrato glänzt Konzertmeister Anton Barakhov an der Solovioline. Schlank phrasiert sind die agil changierenden Linien des „Merkur“, auch hier stimmt die klangliche Feinarbeit in ausgedünnten Stellen der Partitur. Beeindruckend klare Streicherkonturen findet man auf „Jupiter“, dem musikalisch bekanntesten aller Planeten. Dazu würdevoll strahlendes Blech, turbulent beschleunigendes „Più mosso“, ein energisch vorwärts strebendes Hauptthema, rhythmisch markantes Gestikulieren vor dem „Lento maestoso“. In die Dimensionen der Vergänglichkeit begibt sich das BRSO in „Saturn“, aus getragener Ruhe erhebt sich glockenbasierte Klangfülle, die mit sanft pulsierenden Harfen wieder in den Anfangszustand zurückkehrt. Mit einer gewaltigen Blech-Entladung betritt man „Uranus“, die folgenden tänzelnden Figuren erinnern unweigerlich an Dukas´ „Zauberlehrling“. Massierte Blechbewegungen bis in pompöse Tuba-Tiefen und scharf punktierte Streicherfiguren runden das Profil ab. Mit sublimem Flöten- und Harfentimbre, hell blinkenden Celesta-Sternen und den bis in hauchzartes Pianissimo glänzend disponierten, räumlich entgegengesetzt platzierten chorischen Sphären entschwindet das BRSO auf seiner fesselden Reise durch den Weltraum endgültig in den Tiefen des Alls.  

Virtuos koloriert

Mit seinem „Feuervogel“ war Strawinsky über Nacht bekannt geworden. Nicht, wie ursprünglich geplant, sein „Sacre du Printemps“, sondern die Geschichte von „Petruschka“ wurde sein nächstes Ballett. 1911 in Paris uraufgeführt, schuf Strawinsky 1946/47 daraus die heute im Konzertsaal überwiegend gebräuchliche Suite. Petruschka ist das Pendant zum deutschen Kasper oder dem französischen Pierrot, mit wunderbar luziden Flötenklängen erweckt der Gaukler auf dem Jahrmarkt seine Puppen zum Leben, schwungvoller Elan und urwüchsige perkussive Kraft prägen das erste Bild der Karnevalswoche. Programmatisch introvertierter geht es „Bei Petruschka“ zu, mit virtuos glänzenden Farbtupfern koloriert von Lukas Maria Kuen am Flügel. „Beim Mohren“ strahlt das makellose Trompetensolo zum verführerischen Tanz der Ballerina. Das abendliche Karnevalstreiben leuchtet Harding in allen impressionistisch schillernden Klangfarben aus. Das Spiel des BRSO hat prachtvolle suggestive Erzählkraft – die vitale Spielfreude folkloristischer Motive, die träge Einfalt des Mohren, die zugespitzte Dramaturgie bis zum Tod Petruschkas und der mahnenden Geistererscheinung – das alles hört man. Raymond Curfs an den Pauken steht stellvertretend für die durch die Bank hervorragenden Instrumentalisten. Wenn es einen Wermutstropfen gibt, dann die Akustik des Herkulessaals, die mit den klanggewaltigen Dimensionen überfordert ist. Ansonsten vor und nach der Pause – ein Fest der Programmmusik!

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Kritik von Thomas Gehrig



Kontakt zur Redaktion


Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Daniel Harding

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Gustav Holst, Igor Strawinsky

Mitwirkende: Daniel Harding (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester)

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