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Mittwoch, 29. Juni 2022

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V.l.n.r.: Elena Sancho Pereg (Eurydike), Max Hopp (John Styx), Andrés Sulbarán (Orpheus)., Copyright: Hans Jörg Michel

V.l.n.r.: Elena Sancho Pereg (Eurydike), Max Hopp (John Styx), Andrés Sulbarán (Orpheus)., © Hans Jörg Michel

Zur Kosky-Inszenierung von Orphée aux enfers

Eros und Thanatos

Nach zweimaliger Premierenverschiebung wegen Covid19-Infektionen im Ensemble war es am vergangenen Freitag endlich soweit: Barry Koskys Inszenierung von Jacques Offenbachs Opernparodie „Orphée aux Enfers“, eine Koproduktion der Salzburger Festspiele, der Komischen Oper Berlin und der Deutschen Oper am Rhein war auch in Düsseldorf angekommen.

1858 uraufgeführt, entwickelte sich Offenbachs Operette „Orphée aux enfers“ vor allem in dem Moment zum Publikumsliebling, wo das aufsteigende Bürgertum neben all den musikalischen Zitaten und mythologischen Hintergründen, den unterhaltsamen Musiknummern und schrillen Tanzeinlagen die politische Sprengkraft des Stückes entdeckte. Im Zentrum damaliger Belustigung stand der französische sogenannte Bürgerkönig Louis Philippe, der zwischen 1830 und 1848 regierte und von Kaiser Napoleon III. abgelöst wurde. Es war zugleich die Zeit, in der die politische Karikatur in Frankreich ihre Wirkungskraft entfaltete. 

Wie kongenial Kosky diese Kunst des anstößigen Übertreibens, Verfremdens und Polarisierens nutzt, um die Opernparodie Offenbachs in eine operettenhafte, politische Satire des  21. Jahrhundert zu verwandeln, zeigt sich auch oder gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Angriffskrieges Wladimir Putins in der Ukraine. 

Für die Rolle des John Styx konnte er den Schauspieler Max Hopp gewinnen, der als karikierendes Alter Ego der Öffentlichen Meinung brilliant die Handlungen und Gesten der Dialogpassagen in virtuoser Mouth-Percussion mit Geräuschen unterlegt. Wunderbar, wie er damit Orpheus, Eurydike und die Götter Jupiter und Pluto ins Lächerliche rückt, wie er in gebückter Haltung und mit stockendem Schritt als Kammerdiener des Pluto den Tod symbolisiert oder melancholisch als Prinz von Arkadien bessere Zeiten vor Augen führt. 

Kosky baut außerdem Schritt für Schritt ein Thema auf, das Machtmenschen nachweislich am meisten verletzt. Er demütigt ihre sexuelle Potenz. 

So muss Jupiter, facettenreich dargestellt von Peter Bording, im dritten Bild schmählich erkennen, dass seine Verführungskünste als Fliege erst in dem Moment zünden wollen, wo Eurydike die Initiative ergreift. Auch seine sprühenden Blitze, die den selbstverliebten Musiker Orpheus -  klangvoll interpretiert von Andrés Sulbarán - dazu bewegen sollen, sich umzudrehen, kommen zu spät. Eurydike kam ihm zuvor und nahm Orpheus einfach seine geliebte Geige Werg.  

Eurydike scheint bei Offenbach der eigentliche Star des Mythos zu sein. Sie geht nicht nur in der Ehe eigene Wege, sondern Elena Sancho Pereg, die diese Rolle interpretiert, weiß auch mit klangschönen Koloraturen und lupenreinen Spitzentönen das Göttervolk zu verführen. Mit Unterstützung Cupidos - vollmundig interpretiert von Romana Noack - entscheidet sie sich am Ende selbstbewusst, Bacchantin zu werden. 

Im Wechsel von Musiknummern, langen Dialogpassagen und virtuosen, humorvoll choreografierten Tänzen wird der Abend zu einer unterhaltsamen Revue und einem witzigen, immer funkelnden und überall glitzernden, für Überraschungen sorgenden Kostümrausch, für den Victoria Behr verantwortlich zeichnet. Einziger Wehrmutstropfen: Der Abend ist mit knapp 3 Stunden einfach zu lang. Dieser Eindruck konnte auch von Chorpassagen und der tänzerisch verspielten, dynamisch differenzierten, temporeichen musikalischen Gestaltung der Düsseldorfer Symphoniker unter der umsichtigen Leitung Adrien Perruchons nicht aufgefangen werden.

 

 

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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