> > > > > 10.06.2022
Samstag, 25. Juni 2022

Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue, Copyright: Jan Windzus

Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue, © Jan Windzus

Barrie Kosky's Abschiedsrevue

Farewell auf Jiddisch

Kulturstaatsministerin Claudia Roth ist ein Fan von Barrie Kosky, das macht sie in ihrer so warmen wie leidenschaftlichen Begrüßungsansprache für den scheidenden Hausherrn der Komischen Oper Berlin unmissverständlich klar. Er hat sie in den letzten zehn Jahren in ein Kult-Etablissement verwandelt, sein Weggang ist ein Riesenverlust für die Berliner Theaterlandschaft, auch wenn er dem Haus wenigstens noch als Regisseur erhalten bleibt. Die Operettenpflege war ein Meilenstein in seiner Repertoiregestaltung. Insbesondere die Reanimation der verloren gegangenen jüdischen Unterhaltungskultur, die solch Komponisten wie Paul Abraham verkörperten, lag ihm am Herzen. Nichts anderes als eine Hommage an dieses Genre und ihre Stars kommt daher für seinen Abschiedsabend in Frage. „Barrie Kosky's All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“ heißt die jiddisch-sprachige Show, sie ist quasi die Quintessenz, das I-Tüpfelchen nach so vielen Erfolgsinszenierungen. Gleichzeitig verbeugt sie sich vor Künstlern wie Dagmar Manzel, Katharine Mehrling und Max Hopp, die die Ära Kosky mit geprägt haben.

Chefdramaturg Ulrich Lenz - auch er ein wichtiger Mitstreiter, der nun selbst Intendant in Graz wird - gibt in seiner Programmheft-Einführung eine anregende Lehrstunde über jiddisches Entertainment in den USA und seine Koryphäen. Bezogen auf die von jüdischen Urlaubern bevorzugte Erholungsregion Catskill Mountains, die auch aufgrund von Ausgrenzung entstand.- „No Dogs! No Jews!“ annoncierten bis in die 50er Jahre hinein etliche amerikanische Hotels - aber auch eine Unterhaltungsbranche zum Blühen brachte. Sie wird in „Barrie Kosky's All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“ atemberaubend wiederbelebt. Einundzwanzig Nummern haben der Regisseur und der musikalische Leiter Adam Benzwi in zweijähriger Forschungsarbeit aus einem Riesenreservoir an Material ausgewählt und zu einer unwiderstehlichen Show aus Gesang, Tanz, Romantik und Comedy gemixt, die auch durch die Retro-Kostüme von Klaus Bruns, ein Wunderwerk aus Stilgenauigkeit und Phantasie, visuell Furore macht.

Eine Perle reiht sich an die nächste: Die legendäre, keine Tabus kennende Sophie Tucker feiert in Gestalt von Barbara Spitz überzeugende Wiedergeburt, Musicalurgestein Helmut Baumann und Ensemblestütze Peter Renz legen ein träumerisches „Bay mir bistu sheyn“ hin, die Geschwister Pfister mit Andreja Schneider eignen sich auf ihre unnachahmliche Art „Hava Nagila“ an, Max Hopp erinnert mit Berliner Schnauze und jüdischem Witz an den Entertainer Mickey Katz und Dagmar Manzel bringt einen bewegenden Moment der Stille ein: „A brivele der mamen“ erzählt von den Gefühlen einer Mutter, deren Sohn ins Ausland geht und sich nicht mehr meldet.

Weiter gibt es tanzende Rabbis, Elvis-Doubles und als Ruhepol einen Auftritt des Chores mit dem makellos intonierten bittersüßen Song „Glik“. Das Finale leiten „The Barrie Kosky Singers“ ein: es sind Katharine Mehrling, Sigalit Feig, Ruth Brauer-Kvam, Helene Schneiderman und Alma Sadé. Jede von ihnen hat schon vorher solistisch und im Duett brilliert, als Quintett sind sie in einem Medley der Barry Sisters – die es als Duo wirklich gab – unschlagbar. Das Schlusstableau bringt die Stimmung endgültig zum Siedepunkt, wenn sich alle Beteiligten zum traditionellen Tanz „Der nayer sher“ formieren.

Am Ende stellt Kosky zwei besonders vertraute Weggenossen in den Vordergrund, die maßgeblich am Erfolg nicht nur dieser Premiere beteiligt waren: Otto Pichler, dessen mitreißende Choreographien jeder Produktion die unverzichtbare Würze gaben und Adam Benzwi, der stets inspirierende Dirigent und Alleskönner musikalischer Arrangements und Bearbeitungen.

Nur ein Wehmutstropfen trübt den mit stehenden Ovationen bejubelten Abend: Die Revue wird nur in dieser Spielzeit gezeigt, eine Wiederaufnahme ist nicht geplant.

Kritik von Karin Coper

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Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Re: Revue

Ort: Komische Oper,

Mitwirkende: Barrie Kosky (Regie)

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