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Samstag, 28. Mai 2022

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Szenenfoto, Copyright: Bettina Stöß

Szenenfoto, © Bettina Stöß

Marina Abramović verneigt sich vor Maria Callas

Aus Liebe sterben

Ausverkaufte Vorstellungen sind selten geworden in den Berliner Opernhäusern und Theatern. Marina Abramović ist genau dieses gelungen. In der Deutschen Oper gibt es für alle drei Vorstellungen ihrer 100-minütigen Hommage „7 Deaths of Maria Callas“ keine Karten mehr. Kein Wunder, denn die aus Serbien stammende Künstlerin war schon lange nicht mehr in der Hauptstadt und ihre Performances genießen Kultstatus. Unvergessen beispielsweise ist ihre Ego-Show „The Artist is present“, bei dem sie  2010 im New Yorker Museum of Modern Art über 700 Stunden lang stumm auf einem Stuhl vor einem Tisch saß, während ihr gegenüber stetig wechselnde Besucher Platz nahmen. In anderen früheren Auftritten schockierte und provozierte sie, nahm drastische Selbstverletzungen vor und geißelte sich selbst. Ihr Körper als Kunstwerk, Instrument und Objekt, das ist bei Abramović Konzept. Darin sieht sie Parallelen zu Maria Callas, deren Stimme sie als Jugendliche erstmals im Radio hörte. Seit den 90er Jahren keimte die Idee, Leben und Kunst der Operndiva performativ auf die Bühne zu bringen. Die Uraufführung dieses Projekts fand unter dem Titel “7 Deaths of Maria Callas“ im April 2020 an der Bayerischen Staatsoper München statt, in Koproduktion mit dem Florentiner Maggio Musicale, der Pariser und der Griechischen Oper. Sieben Arien aus dem Repertoire der Callas bilden die Grundlage für den ersten, längeren Teil. Nacheinander singen die Opernfiguren - Carmen, Tosca, Desdemona, Norma, Butterfly, Violetta und Lucia - ihre Soli, dazwischen werden Himmels- und Wolkenprospekte eingeblendet, untermalt von mal meditativer, mal dräuender elektronischer Musik des Komponisten Marko Nikodijević. Während der ganzen Zeit liegt Marina Abramović in einem Bett am Bühnenrand, von fast unheimlicher Präsenz in der stummen Bewegungslosigkeit. Gleichzeitig ist sie dahinter auf überdimensionalen Videos zu sehen, in denen sie zusammen mit dem ähnlich ausdrucksstarken William Dafoe plakativ die Sterbeszenarien aus den jeweiligen Opern spielt. Der zweite Abschnitt zeigt den Schlafraum der Callas, der dem Original nachgebaut ist. Hier spürt Abramović, nun in Aktion, den letzten Stunden der Diva nach, hört im Off Erinnerungsfetzen an Weggenossen, sieht sich Fotos an, agiert rastlos in Schmerz und Trauer. Als sie abgeht, bedeutet dies den Tod – worauf die als Dienstmädchen gekleideten Sängerinnen alle Möbel mit schwarzen Tüchern bedecken. Dann erscheint die Performerin ein letztes Mal, glamourös in goldener Robe. Dazu erklingt der Beginn von „Casta diva“, von Callas selbst gesungen. Der Mythos, die Stimme lebt. Die sieben Sopranistinnen aber, vom Dirigenten Yoel Gamzou achtsam unterstützt, bleiben angesichts des übermächtigen Vorbilds Staffage. Nur Mané Galoyan als Violetta und vor allem Adela Zaharia als Lucia zeigen individuelles vokales Profil. "7 Deaths of Maria Callas" ist nicht frei von Kitsch, doch als Zwitter zwischen Videoshow, Opernpasticcio und Diven-Kult durchaus effektvoll. Marina Abramović wird dafür mit Bravos und Standing Ovations gefeiert.

Kritik von Karin Coper

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