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Samstag, 28. Mai 2022

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Szenenfoto Pique Dame, Copyright: Monika Rittershaus

Szenenfoto Pique Dame, © Monika Rittershaus

Tschaikowskys Pique Dame in Baden-Baden

Erotische Spielsucht

Man darf und soll Peter Tschaikowsky und Alexander Puschkin weiterhin pflegen. Auch wenn man die derzeitige aggressive russische Militärpolitik verabscheut. So ist nun von der achten Berliner-Philharmoniker-Stagione im schon immer russo-philen Baden-Baden mit Tschaikowskys vielschichtiger, zweitletzter Oper „Pique Dame“ als viermal präsentiertem Hauptwerk zu berichten, mit dem Chefdirigent Kirill Petrenko die Tugenden seines Edel-Klangkörpers auch im Graben aufblitzen lässt. Erst im November 2021 hatten Petrenko und seine Berliner hier im Baden-Badener Festspielhaus mit einem konzertanten „Mazeppa“ Tschaikowskys (siehe klassik.com „Hymnische Überwältigung“ vom 12.11.2021) Furore gemacht.

Nun also „Pique Dame“ um die Passionen von Eros und Kartenspiel, die so recht ins Flair der badischen Casino-Kurstadt passen. Hochfliegende Leidenschaften, fiebriges Glücksspiel und menschliches Scheitern sind jüngst in manchen Inszenierungen der „Pique Dame“ hervorgekehrt worden: Bis zum Schauplatz Irrenhaus gemäß Puschkins Vorlage (Lev Dodin Paris 2005) oder bis zur Personifizierung des zerrissenen Protagonisten Hermann als Tschaikowsky selbst (Stefan Herheim, Holland-Festival 2016). Nichts von all dem durchaus Naheliegendem beim jetzigen Baden-Badener Regie-Gespann Moshe Leiser und Patrice Caurier.

Neue sexuelle Orientierung

Die beiden erweiterten Lisas Konflikt zwischen der arrangierten Ehe-Anbahnung mit dem reichen Fürsten Jeletzky und der Neigung der Braut für den draufgängerischen, spielsüchtigen, armen Hermann zu einer Sicht auf neue, ungewöhnliche, sexuelle Orientierungen. Verkürzt könnte man sagen: Es geht um eine Spielsucht am und im Erotischen. Das Inszenierer-Doppel erstrebt ein Hereinholen der in der Zeit Katharinas der Großen spielenden „Pique Dame“ in die Gegenwart. Das ganze, die alte Gräfin so verwirrende Quid-pro-Quo, aber als Puff-Mutter dabei kräftig mitmischende Durcheinander spielt in einem Edelbordell so etwa zwischen Belle Epoque und den für erste Freizügigkeiten stehenden Goldenen Zwanzigern.

Das von Christian Fenouillat entworfene Ambiente ist luxuriös und erlaubt mit seinem oft zweistöckigen Aufbau schnelle Szenenwechsel (die allerdings bei der Chor-Orchester-Koordination am Premierenabend Petrenko einige Mühe machten). Die Kostümierung Agostino Cavalas kommt ohne gold-bedresste und ohne ordens-geschmücke Uniformröcke aus und bevorzugt lieber offene weisse Hemden und bei den Damen neben dem eleganten Langen für draußen rüschen-besetzte Unterkleider.

Eingriffe in die Handlung

Die Eingriffe Leisers und Cauriers ins Libretto sind erheblich. Lisa und Pauline geraten von Freundschaft in eine lesbische Beziehung. Sie wiegen sich in der Romanze im zweiten Akt zärtlich miteinander, Pauline belauscht die Freundin bei ihrem Stelldichein mit Hermann ängstlich, sie will Lisa von Hermann fernhalten und betrauert am Ende deren Tod. Der tritt nicht durch Lisas Sprung in die Newa ein, sondern durch Hermanns rüde Stösse ihres Kopfes an die Kachelwand des Bordell-Bades.

Hermann und die Gräfin ketten Leiser/Caurier nicht nur dadurch aneinander, dass sich Hermann vor ihrer Nachtruhe den roten Morgenmantel der alten Gräfin überwirft. Er identifiziert sich mit der Gräfin, sie nestelt an seiner Hose; zur Offenbarung der drei Gewinnkarten zieht er sie an den Beinen, und sie legt sich am Ende nach ihrem Auftritt als toter Geist in sein Kasernenstuben-Bett. Sein Leben haucht Hermann am Ende an der Hüfte von Widersacher Jeletzky aus.

Da in die Pastorale im zweiten Akt nicht unbedingt possierliche Lämmlein passen, choreografiert Beate Vollack hier Schmusekätzchen mit munter wackelnden Popöchen ein. Die homoerotischen Anspielungen mit sich miteinander vergnügenden griechischen Jünglingen sind dann einem Teil des Premierenpublikums doch etwas zu deutlich, so dass sich einige Besucher mit Buhs Luft machen.

Musik aus einem Guss

Musikalisch bietet Petrenko mit seinen Berlinern mit glanzvoll changierenden Aufrissen grosses Kino. Durchweg wird mit dunkler Wärme gespielt. Die Blechbläser kommen mit Urgewalt aus dem Graben; mitunter vielleicht doch zu bullig. Die Zarin-Hochrufe fährt Petrenko schwungvoll hoch. Kraftvoll bringt sich der Slowakische Philharmonische Chor von Jozef Chabron ein. Die sich bedrolich fahl einbohrenden Bläser beim Ercheinen der toten Gräfin fahren einem durch Mark und Bein. Die liebliche Pastorale verzahnt Petrenko durch gezielte Akzentuierungen mit dem übrigen Festbild und sorgt so durch Überwindung des Nummernhaften für eine musikalische Gestaltung aus einem Guss. Wie im Rausch durcheilt der Dirigent die aufziehenden musikalischen Figurenfolgen des finalen Kartenspiel-Bildes, in dem der 36-köpfige slowakische Männerchor auf breiter Front wie ein Mann los schmettert.

Die Gesangsdiktion ist durchweg festspielwürdig. Doris Soffel überrascht als Gräfin mit satt ausgesungenem, tief lotendem Gesang und beschränkt sich keineswegs, wie andere ehedem grosse Mezzosoprane, aufs blosse Markieren. Die als Lisa kurzfristig eingesprungene Elena Stikhina setzt Spitzentöne von enormer Durchschlagskraft ein; Übergänge könnten noch geschmeidiger verschmolzen werden, zwischen sportivem Forcieren und weichem Piano mangelt es noch an Zwischenwerten. Die Pauline von Aigul Akhmetshina nimmt mit klangvoller, weicher Substanz für sich ein.

Tomsky nach Mazeppa

Die Riesenpartie des Hermann bewältigt Arsen Soghomonyan ausladend und mit nachdrücklicher, doch meist weich bleibender Kontur ohne zu kompakt zu drücken. Keine Abstriche sind an der tragfähigen und gepflegten Gestaltung des Tomsky durch Vladislav Sulimsky zu machen; bis in baritonale Höhen bleibt seine Stimme lyrisch gerundet, er erzählt voller Spanung von der „Venus aus Moskau“; das Vogel-Ast-Lied im Schlussbild geht der Sänger, der im November an gleichem Ort die Titelrolle in „Mazeppa“ eindrucksvoll bewältigte, zart ud leise an und baut die Erzählung am Ende klangvoll aus.

Auch der Jeletzky von Boris Pinkhasovich gestaltet ausgeglichen, singt seine Arie „Ich liebe Dich, bin Dir ergeben“ zu Beginn des zweiten Akts aber eine Spur zu larmoyant. Von den beiden Offizierskollegen Hermanns agiert der Tenor Jewgenij Akimov als Tschekalinski markant und der Bariton Anatoli Sivko als Surin nachdrücklich.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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Bisherige Kommentare:

  1. Sachliche und unaufgeregte Kritik
    Sehr geehrter Herr Witterstätter, vielen Dank für Ihre sachliche und unaufgeregte Kritik - die meiner Meinung nach die Aufführung gut beschreibt, ohne den Leser allzusehr mit Ihren eigenen Meinungen zu belästigen. Ich möchte aber - in eigener Sache - eine Kleinigkeit richtigstellen. Sie schreiben: "Die homoerotischen Anspielungen mit sich miteinander vergnügenden griechischen Jünglingen sind dann einem Teil des Premierenpublikums doch etwas zu deutlich, so dass sich einige Besucher mit Buhs Luft machen." Ich saß recht weit vorne, im Parkett. Ich kann nicht genau einschätzen, wie viele Besucher Ihrem Unmut Luft gemacht haben. Ich glaube, es waren zwei (also eine winzige Minderheit). Einer der Empörten war ich (vermutlich der lautere der beiden). Die "homoerotischen Anspielungen" waren keineswegs der Grund für meine Empörung. Meine Empörung galt der Darstellung der Pastorale - sie schreiben von "Schmusekätzchen mit munter wackelnden Popöchen", was es wohl ganz gut trifft. Das finde ich weder homoerotisch, noch heteroerotisch, noch sonstwie erotisch - das finde ich sexistisch. Dem Regieteam will ich hier übrigens keinesfalls Sexismus vorwerfen, das wäre fehl am Platz - meine Empfindungen sind mein Problem. Dem Regieteam ging es sicher (auch) um eine kritische Darstellung von Sex, Gewalt, Macht; die (scheinbare) Harmlosigkeit der Pastorale sollte kritisch beleuchtet werden. Das Parkettpublikum fand's wohl eher witzig, die kokette Verbeugung der "Kätzchen" (langsam wird's mir selbst unangenehm) am Schluss sprach auch eine andere Sprache. Ich habe das ganze so empfunden: Die ganze Szenerie war ein billiger, plakativer Pennäler-Witz; eine billige Eyes-Wide-Shut-Anleihe. Gegen solche Witze habe ich als vulgärer Mensch gar nichts einzuwenden. Tschaikowsky aber war kein vulgärer Mensch, kein vulgärer Komponist; und "Pique Dame" halte ich auch nicht für eine vulgäre Oper. Ich habe mit meinen Buhrufen meinem Unmut über die - wie ich finde - unangemessene Darstellung der Pastorale mit "wackelnden Popöchen" Ausdruck verliehen. Ich muss zugeben, dass die homoerotischen Anspielungen mir gar nicht aufgefallen sind - es liefen zuviele Frauen in Unterwäsche über die Bühne, denen ich - vulgärer Mensch, der ich bin - hinterhergeglotzt habe. Bis auf diese Kleinigkeit nochmal vielen Dank für Ihre ausgewogene Rezension.
    Wolfgang Peternell, 11.04.2022, 18:51 Uhr

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