> > > > > 05.06.2022
Dienstag, 27. September 2022

Micael Zapf, Copyright: NDR Elbphilharmonie Orchester

Micael Zapf, © NDR Elbphilharmonie Orchester

Bychkov dirigiert Mahler

Strenge Eskalation

Mit der Strenge einer in alle Richtungen eskalierenden Marschkappelle agierte das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Semyon Bychkov über weite Strecken im Großen Saal der Elbphilharmonie, und zelebrierte damit den für Mahler und die musikalische Moderne charakteristischen Widerspruch des kontrollierten Chaos, der geordneten Unordnung aufs Eindrücklichste. Hätte man nur in die konzentrierten Gesichter der Musiker des übervoll besetzten Sinfonieorchesters gesehen, wäre man wohl von einer überaus ernsten Angelegenheit ausgegangen, vielleicht sogar von einem unironisch gespielten Trauermarsch. Doch wer auch nur ansatzweise die Ohren aufsperrte, dem flogen der groteske Witz der wiehernden Klarinetten, die wunderbar groben Stilbrüche der Soloposaune und die ein ums andere Mal abschmierenden Tuttiausbrüche um selbige. Da fiel es schwer, von Zeit zu Zeit nicht zu grinsen. Wunderbar war es auch, wie die Klarinette zu Beginn des dritten Satzes das Thema so phrasierte, als hätte sie Schluckauf. Unter dem ohne Taktstock, aber dafür mit fließenden Bewegungen dirigierenden Altmeister Bychkov klang diese Dritte Sinfonie in d-Moll tatsächlich wie eine komponierte Welt, die gerade in der orchestralen Breite verstehen ließ, warum Gustav Mahlers Instrumentation immer noch als beispielhaft gilt, von der massiven Tuba über die Vogelrufe imitierende Pauke bis zu den achtfachen Hörnern und den goldenen Trompetenrufen. Aus wie vielen unzähligen Farben so ein Tutti-Aufschrei bei Mahler zusammengesetzt ist, ließ sich dank der ordnenden Hand Bychkovs in der ersten Abteilung sowie im „Scherzando“-Satz mit Posthorn-Solo aus der Ferne des linken Bühnenzugangs nachhören. Überhaupt hob Bychkov den Mahlerklang des NDR Orchesters, wie man ihn kennt und schätzt, durch seine ausbalancierte Gestaltung noch einmal auf eine neue Ebene. Das galt auch für die leisen Passagen des in fließendem Tempo erklingenden Adagios, das die Streicher mit anrührender Innigkeit sangen, sowie für die dynamisch höchst zurückhaltende Nietzsche-Vertonung. Hier wusste Wiebke Lehmkuhl mit klarer Diktion und warmem Timbre unter dem rollenden Ostinato der tiefen Streicher zu gestalten, während die Oboe mit ihren Naturlauten klang wie ein Schlangenbeschwörer. Im anschließenden Engelsgesang der Damen des Rundfunkchores Berlin mit dem Knabenchor Hannover herrschte dann himmlische Unaufgeregtheit, die sich im Schlusssatz zur alles umfassenden Liebe für alles Leben steigerte. Kein Wunder, dass es da am Ende Standing Ovations für alle Beteiligten gab, allen voran für Semyon Bychkov, der mit 70 Jahren auf dem Podium noch so lebendig agierte, als wäre er gerade mal halb so alt.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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NDR Elbphilharmonie Orchester: Semyon Bychkov

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Rundfunkchor Berlin (Chor), Semyon Bychkov (Dirigent), NDR Elbphilharmonie Orchester (Orchester)

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