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Sonntag, 23. Januar 2022

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DSO-Silvesterkonzert 2017, Copyright: Kai Bienert

DSO-Silvesterkonzert 2017, © Kai Bienert

James Gaffigan dirigiert das DSO

Silversterkonzert im Circus Roncalli

Das traditionelle Silvesterkonzert des DSO im Circus Roncalli ist zum Jahreswechsel 2021/22 nichts weniger als eine Sensation. Denn endlich steht ein Mann am Pult, der die schwierige Koordination zwischen Orchester und Akrobaten perfekt hinbekommt und sich von der heiklen Akustik im Tempodrom nicht schrecken lässt. Zudem liefert James Gaffigan am Pult selbst eine Show ab, die mitreißt und die richtige Stimmung verbreitet. Dabei hat er die bunt gemischte Musik immer perfekt im Griff – und was für Musik! Es geht von los mit John Williams‘ „Olympic Fanfare and Theme“, wo das schwere Blech mit Bravour startet, bevor die DSO-Streicher die hauptstädtischen Konkurrenz in die Schranken weisen und zeigen, wie man mit Seele spielt. Was bei Williams essenziell ist. Alle scheinen sichtbar Spaß zu haben, im weiteren Verlauf solche Popular Classics zu spielen, von Chatschaturjan, Massenet, Schostakowitsch, HK Gruber u.a. Immer voll konzentriert, auch in den Reprisen für den Umbau, immer mit totaler Hingabe.

Zusammen mit den Artisten vom Roncalli gelangen einige außergewöhnliche Momente: Etwa als die Yeromenko Gruppe aus Russland zu Bernsteins „Candide“-Ouvertüre durch die Lüfte flog. Ich habe diese Musik noch nie so physisch erregend erlebt wie hier – und so perfekt mit den krassen Stilwechseln in der Partitur abgestimmt. Vermutlich werde ich das nie wieder hören können, ohne im Geist diese Bewegungsrausch immer und immer wieder zu sehen, und diesen Thrill zu spüren.

Auch die Jump’n’Roll-Jungs schafften das scheinbar Unmögliche: Ligetis „Concert Românesc“ zum Blockbuster werden zu lassen, bei dem man mit angehaltenem Atem jeder Note zuhört. Trotz des wiederholten Applauses zwischendurch.

Neben den elektrisierenden High-Voltage-Acts gab es auch elegische Zwischenspiele von großer Schönheit. Etwa das Duo Elva hoch in der Luft an einem Seil zur Musik von James Newton Howard aus „The Prince of Tides“ oder die Nummer mit Vanessa & Sven auf einem weißen Konzertflügel – zu der „Meditation aus Thais“, gespielt von Wei Lu auf der Geige und von Valentin Radutiu auf dem Cello. Das gab dem schmachtenden Evergreen eine unverhofft dunkle Note, die quasi in Trance versetzen konnte.

Beide Solisten sind aus dem Orchester und bewiesen, dass man für diese Silvesterkonzerte nicht irgendwelche „Stars“ einfliegen muss. Sondern den Spot auf die eigenen Musiker lenken sollte. Radutiu ist ein charismatischer Performer, der seinen Solo-Moment später mit Paganinis „Variationen über ein Thema aus Rossinis Oper Mosè in Egitto“ nutzte, um den Saal flach zu legen. Bessere Werbung fürs Orchester ist kaum denkbar, wenn man die Roncalli-Besucher in die DSO-Konzerte der weiteren Saison locken will.

Lu hatte ebenfalls einen Solo-Moment mit dem „Csárdás“ von Vittorio Monti, den er fabelhaft spielte, aber ohne die Showman-Aura, die Radutiu und Gaffigan demonstrierten. Das ging schon damit los, dass sich Gaffigan von Peter Valance aus einer Kiste hervorzaubern ließ. Und es ging weiter, als Gaffigan mit dem spanischen Clown Popey bei dessen musikalischer Darbietung perfekt interagierte. Clown Popey sollte sich übrigens jedes Orchester für die musikalische Vermittlungsarbeit sichern, nicht nur wenn’s darum geht „Freude schöner Götterfunken“ auf Flaschen zu spielen. Auch sonst steht Clown Popey für eine junge neue Generation von Clowns, die auf alte Gags verzichten und zeigen, dass man das „Fach“ komplett neu und intelligent denken kann.

Einer von vielen Höhepunkten, der unbedingt erwähnt werden muss, ist Robin Valencia aus Detroit, die im roten Motorradoutfit erschien, Helm unterm Arm, und sich dann als menschliches Objekt von einer Riesenkanone einmal quer durchs Tempodrom schießen ließ. Das war ein Wow-Moment, und Gaffigan schaffte es – hier wie anderswo – das Orchester punktgenau zur Landung zu dirigieren. Wie man hört, wird er nächste Woche als neuer Chefdirigent einer Berliner Kulturinstitution vorgestellt. Ich hoffe, er wird dort ebenso brillieren wie im Roncalli. Denn einen Showmaster wie ihn kann man an der Spree gut gebrauchen. Ebenso jemanden, der keine Berührungsprobleme mit John Williams und James Newton Howard hat.

Die Musikauswahl war durchweg gelungen, weil passend zur Lokation und zum Drumherum. Wieso der Sender rbb diese DSO-Silvesterkonzerte nicht im Fernsehen überträgt (statt das der Berliner Philharmoniker im Radio, während der TV-Sender arte deren Konzert ausstrahlt), ist mir ein Rätsel. Denn natürlich gibt’s im Circus Roncalli unendlich viel mehr zu gucken. Und die Musiktitel sind als Werbung-für-Klassik kaum zu toppen. Meine Nichte will jedes Jahr als einziges Klassikevent zu diesen DSO-Konzerten. Ihr Wehmutstropen diesmal: es lief nichts von „Harry Potter“. Es ist schon erstaunlich, wie man Kinder und Jugendliche dazu kriegt, sich freiwillig Klassikkonzerte anzuhören. Vielleicht sollte das DSO das im restlichen Jahr auch öfter beherzigen und Titel in Programme einbauen, die beim Publikum-von-Morgen so heißgeliebt werden?

Das erste der drei DSO-Zirkuskonzerte war jedenfalls voll mit Menschen, die man sonst nicht in der Philharmonie antrifft. Nach der Spätvorstellung zu Silvester gab es eine Neujahrswiederholung. Am liebsten wäre ich gleich nochmal hingegangen, um „Candide“ abermals zu hören und zu sehen. Und mich nochmal von „Olympic Fanfare and Theme“ berauschen zu lassen. Kurz: ein inspirierterer Jahreswechsel ist kaum denkbar!

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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DSO-Silvester­konzert: Mit Artisten des Circus Roncalli

Ort: Tempodrom,

Mitwirkende: James Gaffigan (Dirigent), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (Orchester)

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