> > > > > 01.01.2022
Sonntag, 23. Januar 2022

Orchester der Komischen Oper Berlin, Copyright: Jan Windszus

Orchester der Komischen Oper Berlin, © Jan Windszus

Abschied von Ainārs Rubiķis an der Komischen Oper

Denn sie wissen nicht, was sie tun...?

Die Komische Oper Berlin hatte als Thema für ihr Neujahrskonzert das Motto „Cinema!“ ausgegeben und Soundtrack-Klassiker von Erich Wolfgang Korngold, Nino Rota, Dimitri Schostakowitsch, Max Steiner und Alfred Schnittke auf das Programm gesetzt: für eine musikalische Reise, die von den „Kings Row“-Fanfaren über einen Walzer aus „Hamlet“ und einer Suite aus „Casablanca“ bis zu „La dolce vita“ führt und zum Main Title aus „Sea Hawk“ zum Finale. Dafür wurde ein letztes Mal der scheidende GMD Ainārs Rubiķis ins Rennen geschickt, dessen Nachfolger in Kürze  von der neuen künstlerischen Doppelspitze des Hauses vorgestellt wird.

Angesichts des Glamours, den die Filme evozieren mit Namen wie Errol Flynn und Marcello Mastroianni, Anita Ekberg oder Ingrid Bergman, war es schon ernüchternd, die vollkommen undekorierte Bühne der Komischen Oper zu sehen und einen Dirigenten in auffallend schlechtsitzendem Outfit. Noch dazu war Rubiķis schon nach der ersten Nummer so verschwitzt, als hätte er fünf Stunden „Meistersinger“ hinter sich.

Das war ein größtmöglicher Kontrast zu James Gaffigan, der tags zuvor das Silvesterkonzert des DSO ebenfalls mit Filmmusik dirigiert und dabei eine souveräne Showman-Aura demonstriert hatte. Das soll jedoch nicht heißen, dass Rubiķis seine Musiker nicht gut im Griff hatte. Zwar wurden die Blechbläser aus dem Orchester der Komischen Oper bei den Korngold-Bravourpassagen ein bisschen aus der Bahn geworfen, und die Rhythmusgruppe klapperte ab und an leicht verkatert hinterher. Aber insgesamt war es eine Freude, diese opulente Musik am 1. Januar live zu hören.

Besonders interessant war die Einbindung von Schnittke. Dessen Filmmusiken zu „Walzer“ (1969) und „Clowns und Kinder“ (1976) dürften nicht sonderlich bekannt sein, weil die Filme nicht den Ruhm der Hollywoodkonkurrenz genießen. Aber die Soundtracks lohnen das konzertante Kennenlernen, sind von elegischer Schönheit, aber immer mit einem ironischen Twist garniert. Genau wie Rota seine „Orchesterprobe“ („Prova d’orchestra“) nach den gleichnamigen Fellini-Film mit vielen ironischen Verweisen ausstattet, die beim Hören Spaß machen. Und bei denen die Streicher im finalen Galopp zu großer Form aufliefen. Der perfekte Energiestoß für das Jahr 2022.

Weniger Spaß machte es mir persönlich, zwischendurch die Gesangssolisten zu hören. Nicht, dass Nadja Mchantaf und Philipp Meierhöfer keine tollen Sänger wären. Ganz im Gegenteil, ich habe mit ihnen schon grandiose Opernabende erleben dürfen. Aber wenn man eine der berühmtesten UFA-Filmoperetten aller Zeiten ansetzt, nämlich „Der Kongress tanzt“ von 1931, und wenn man daraus den Song „Das gibt’s nur einmal“ von W. R. Heymann und Robert Gilbert wählt, der Filmgeschichte schrieb in der Interpretation von Lilian Harvey und Regie von Erik Charell, dann ist es schwer erträglich, diesen Marsch in Endlosschleife so zu hören, wie ihn Anneliese Rothenberger in den 1970er-Jahren in ihrer TV-Show sang. Davon gibt’s eine CD-Ausgabe, die demonstriert, wie man im Nachkriegsdeutschland meinte, ehemals als „entartet“ eingestufte Unterhaltungsmusik „veredeln“ zu müssen. Wobei jegliche Doppeldeutigkeiten des Originals plattgewalzt werden von steifem Operngesang. Bei „Das gibt’s nur einmal“ wird immer wieder der gleiche Text wiederholt, die Melodie bleibt unverändert. Damit das nicht langweilig wird – und auch irgendeine Form von Steigerung zulässt – kann man nicht alle Strophen mit exakt der gleichen Stimme singen. Harvey hat vorgemacht, wie das geht. Hier wurde nun das Rothenberger-TV-Arrangement vorgekramt und entsprechend gesungen.

Bei jedem anderen Haus der Republik hätte ich gesagt: Sie wissen halt nicht, was sie tun. Aber bei der Komischen Oper, die seit zehn Jahren Maßstäbe setzt, wie man dieses Repertoire neu „denken“ kann mit Leuten wie Dagmar Manzel, Max Hopp, Katharine Mehrling, Serkan Kaya, den Geschwistern Pfister, Jörn-Felix Alt und vielen anderen mehr, ist das entweder eine unfassbare Gleichgültigkeit des Besetzungsbüros. Oder eine Kampfansage, dass man diesen Weg künftig nicht fortsetzen will – denn der Besetzungschef ist ab der kommenden Spielzeit einer der beiden neuen Intendanten.

Auch Meierhöfer scheiterte mit dem Gustaf-Gründgens-Klassiker „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ aus dem Theo-Mackeben-Film „Tanz auf dem Vulkan“ von 1938. So wie bei Harvey kann man auch hier voraussetzen, dass die meisten Menschen die Version aus der Nazizeit kennen. Sie hat ebenfalls Filmgeschichte geschrieben. Gründgens brilliert mit unendlichen Nuancen in der Textgestaltung und macht immer deutlich, dass es bei dem scheinbar harmlosen Text um mehr geht, als vordergründig gesagt wird. Meierhöfer müht sich erfolgreich, das Ganze mit Schmiss zu verkaufen. Aber er ist halt kein Gründgens. Man hätte ihn mit solch einer Nummer nicht aufs Podium schicken sollen. Jedenfalls nicht an diesem Ort.

Da beide Solisten schon auf Deutsch recht textunverständlich sangen, wurde es bei den zwei US-amerikanischen Titeln noch schlimmer. Hätte Conférencier Ulrich Lenz nicht vorher erklärt, worum es in Gerhswins „By Strauss“ und Cole Porters „Be a Clown“ geht, man hätte nichts – wirklich gar nichts! – verstanden. Um auf den Spuren von Judy Garland und Gene Kelly zu wandeln, reicht es nicht, nur ein bisschen den Rock zu heben. Das ist Musik für Allround-Talente, bei denen es nicht auf perfekt sitzende Operntöne ankommt. Solche Talente gibt es in Berlin zuhauf, mit ihnen hätte das Haus in der Behrenstraße trumpfen können, wenn es schon dieses Repertoire mit ins Programm nimmt. Oder war das eine Kapitulation vor Corona?

So bleibt als positive Erinnerung das sich leidenschaftlich ins Zeug werfende Orchester und eine bewegende Abschiedsrede von Ainārs Rubiķis an das Publikum und an Berlin.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Cinema!: Neujahrskonzert mit Ainārs Rubiķis

Ort: Komische Oper,

Werke von: Erich Wolfgang Korngold, Nino Rota, Dimitri Schostakowitsch, Alfred Schnittke

Mitwirkende: Orchester der Komischen Oper Berlin (Orchester), Nadja Mchantaf (Solist Gesang)

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