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Mittwoch, 29. Juni 2022

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Szenenfoto, Copyright: Andreas Lander

Szenenfoto, © Andreas Lander

Eugen Engels Fontanevertonung in Magdeburg

Dem Vergessen entrissen

Der Komponist Eugen Engel gehört zu jenen jüdischen Kunstschaffenden, die dem Wüten der Nationalsozialisten zum Opfer fielen und darüber vollständig in Vergessenheit gerieten. Dass heute, im Jahr 2022, wieder an ihn erinnert wird, ist der Verlegung eines Stolpersteins durch seine Nachfahren im Oktober 2019 zu verdanken. Engel, der 1875 geboren wurde und 1892 nach Berlin zog, war von Beruf Kaufmann, privat aber so leidenschaftlich der Musik zugetan, dass er begann - wohl vorwiegend autodidaktisch - zu komponieren. Es entstanden Lieder, kleinere Chöre, Kammermusik und die als Solitär herausragende Oper „Grete Minde“. An ihr arbeitete er zwanzig Jahre, doch seine Hoffnung, sie durch Fürsprache renommierter Musiker zur Aufführung zu bringen, war auch politisch bedingt vergebens. Bittere Fußnote: Der Librettist Hans Bodenstedt machte als Parteimitglied im Dritten Reich Karriere und wurde Leiter von Verlagen wie „Blut und Boden“, die völkische Literatur publizierten. 1943 wurde Eugen Engel, der bis zuletzt versucht hatte, nach Kuba auszuwandern, im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Seine Tochter, die im amerikanischen Exil überlebte, verwahrte die väterlichen Noten in einem Koffer. 80 Jahre blieb er ungeöffnet, bis ihn ihre Kinder nach dem Tod der Mutter sichteten. Ans Licht befördert wurde dabei auch der Klavierauszug der „Grete Minde“, den die Dirigentin Anna Skryleva einsehen konnte. Mit dem Ergebnis, dass sie sich so für die Musik begeisterte, daraufhin die Rekonstruktion des Stückes initiierte und es für das Theater Magdeburg sicherte.

„Grete Minde“ basiert auf der gleichnamigen Novelle von Theodor Fontane. Sie erzählt sehr frei vom Schicksal der historischen, vermutlich zu Unrecht hingerichteten Titelfigur, die nach Ausgrenzung und familiären Konflikten zur Brandstifterin wird. Eine triste Hauswand mit Fenstern und Türen, die auch für Projektionen von Natur- und Landschaftsbildern genutzt wird, bildet die von Nicola Turner konzipierte Kulisse. Darin lässt Regisseurin Olivia Fuchs das Stück realistisch spielen - genau in der solistischen Charakterisierung, lebendig in den Ensembleszenen mit dem opulent singenden Chor -, deutet aber durch verstreut herumstehende Koffer, Kostüme der 30er Jahre und das bedrückende Feuerfinale den Bezug zu Engels Biographie an. Musikalisch steht die Oper in der deutschen spätromantischen Tradition. Sie ist unbeeinflusst von damaligen zeitgenössischen Strömungen und avantgardistischen Dissonanzen – vielleicht ein Grund für Bruno Walter, dem Werk, das Engel ihm zur Beurteilung schickte, Originalität abzusprechen, wie im vorzüglichen Programmheft zu lesen ist. Tatsächlich ist die melodiöse Erfindungskraft, besonders im ersten Akt begrenzt, doch die dankbaren Gesangspartien, die volkstümlichen Einlagen und die gekonnte Instrumentation mit Orgel, Glocken und Bühnenblasmusik zeugen von kompositorischem Geschick. Anna Skryleva rückt die Oper mit der auf hohem Niveau spielenden Magdeburgischen Philharmonie durch eine die Klangfarben ausleuchtende, in der Intensität und Spannung nicht nachlassende Wiedergabe ins beste Licht. Raffaella Lintl sichert der Grete durch stimmliche Inbrunst und facettenreiche Gestaltung alle Sympathien, Zoltán Nyári gibt dem Geliebten Valtin tenorale Wärme. Das weitere, von großer Geschlossenheit zeugende Ensemble dominiert Kristi Anna Isene als imposante, sopranstählerne Schwägerin Trud.

Ob „Grete Minde“ ungeachtet der bewegenden Umstände ihrer Wiederentdeckung repertoirefähig ist, bleibt die Frage. In Magdeburg wurde sie positiv beantwortet und das sichtlich beglückte Team am Ende mit stehenden Ovationen bejubelt.

Kritik von Karin Coper

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