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Sonntag, 5. Dezember 2021

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Robin Ticciati, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, Copyright: Jörg Brüggemann

Robin Ticciati, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, © Jörg Brüggemann

Robin Ticciati leitet das Jubiläumsdoppelkonzert

75 Jahre DSO: Und die Unterwäsche schimmert durch!

75 Jahre – so alt ist das Deutsche Symphonie Orchester Berlin inzwischen. Was ein bisschen erstaunt, wenn man die jugendliche Aura vor Augen hat, die das DSO mit seinem aktuellen Chefdirigenten Robin Ticciati ausstrahlt, der nun das große Jubiläumsdoppelkonzert leitete. Die erste Aufführung wurde vom RBB-Fernsehen übertragen, die zweite im Radio. Im Programmheft finden sich Grußworte von Kulturstaatsministerin Monika Grütters und vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, aber auch von RBB-Intendantin Patricia Schlesinger sowie vom Deutschlandradio-Intendanten Stefan Raue. Sie alle sind die Geldgeber für dieses Orchester.

1946 wurde es noch mit den Steuergeldern der Amerikaner gegründet, um als RIAS (= Radio im amerikanischen Sektor) Symphonie Orchester vor allem Rundfunkkonzerte zu absolvieren, primär mit Werken, die in der Nazizeit verboten waren. Das war gedacht als kleine Nachhilfe in Sachen Demokratieverständnis und Freiheit der Künste.

Es gab seither acht Chefdirigenten, angefangen mit dem charismatischen Ferenc Fricsay, gefolgt von Lorin Maazel, Riccardo Chailly, Vladimir Ashenazy, Kent Nagano, Ingo Metzmacher als Mann fürs Moderne, dem glücklosen Tugan Sokhiev und seit 2017 dem jungen Briten Robin Ticciati, der den Klangdampfer wieder auf Erfolgskurs gebracht hat mit seiner mitreißenden und einfühlsamen Art des Musizierens. Und Kommunizierens. Wozu auch neue Formate wie „Symphonic Mob“ gehören, „Berlin braucht Musik“-Aktionen, Musikfilme, Konzertstreams (während des Lockdown), Podcasts und dergleichen mehr.  

Heute ist das DSO kein Studioorchester mehr, das man nur im Radio hören kann, sondern es ist primär ein Klangkörper, der öffentliche Konzerte gibt. Teils an ungewöhnlichen Orten (etwa im Treppenhaus des Neuen Museum zur Nacht), meist in der Philharmonie. Als gewichtige Konkurrenz zu den Berliner Philharmonikern, die sich gern als „one and only“ sehen.

Was spielt man also zu solch einem 75-jährigen Jubiläum? Ticciati und die Verantwortlichen haben sich im ersten Konzertteil für die Konfrontation zwischen Alt und Neu entschieden. Zum Auftakt hörte man Ralph Vaughn Williams majestätische „Fantasia on a Theme by Thomas Tallis“ (1910/19), worin das große Symphonieorchester in Dialog tritt mit einem kleinen Orchester-in-der-Ferne, das wie eine Tafelmusiktruppe die Musik des Renaissance-Komponisten Tallis spielt. Daraus ergibt sich ein elegisch dahingleitendes Gemisch von großer Strahlkraft und Schönheit.

Solche Schönheit weist Sir George Benjamins „Sudden Time“ (1989-93) nicht auf. Das Werk erinnert ein bisschen an den Soundtrack zu einem „Tatort“ oder Horrorfilm. Es stammt aus der Zeit, als das Orchester umbenannt wurde in DSO. (Zuvor hieß es jahrzehntelang Radio Symphonie Orchester oder RSO).

Es folgte Antonín Dvořáks „Scherzo capriccioso“ in Des-Dur (1883), dreimal unterbrochen von Jazzimprovisationen von Rolf Zielke am Klavier und Stephan Braun am Cello. Diese Improvisationen hatten (für mich) keinen echten Mehrwert, sie waren auch keine wirkliche Auseinandersetzung mit der Musik aus dem 19. Jahrhundert. Aber sie regten in den wie Meditationen wirkenden Lounge-Episoden zum Nachdenken an über Gestern und Heute. Und sie waren angenehm zu hören.

Nach der Pause gab es das „Poème“ für Violine und Orchester (1896) von Ernest Chausson, mit Lisa Batiashvili als Solistin. Sie spielte mit Hingebung und großem Ton, und sie tat es in einem grünen Jazz-Age-Glitzerkleid, das im unteren Bereich leicht durchsichtig war, so dass die straff sitzende schwarze Unterwäsche immer wieder durchschimmerte. Das tat der optischen Wirkung des „Poème“ sicher keinen Abbruch. Ich fragte mich nur, warum noch keiner der männlichen Solisten oder der Dirigent selbst auf die Idee gekommen ist, sich mit einer entsprechenden Hose hinzustellen, bei der die schwarze Unterhose durchschimmert. Ist das ein abwegiger Gedanke? Warum wird es als Selbstverständlichkeit, vielleicht sogar als Attraktion bei Batiashvili hingenommen, bei Ticciati aber nicht? Sind wir da in Sachen Gleichstellung 2021 etwa noch nicht so weit?

Zum Abschluss erklang die Tondichtung „Don Juan“ (1888) von Richard Strauss. Das ist ja so etwas wie der Sportwagen unter den Konzertfiletstücken, mit dem man als Orchester zeigen kann, was man so alles drauf hat. Es handelt auch von nie erlahmender Lust auf Neues. Ticciati nimmt das Werk sportiv-flott, um nicht zu sagen rasant. Dieser Juan braust durch die Welt ohne Innehalten. Nur in der von der 1. Oboe atemberaubend schön gespielten „molto tranquillo“-Szene kommt eine andere Note ins Spiel, etwas Bedächtiges, etwas Anrührendes. Aber danach geht es auch schon wieder schnurstracks weiter mit maximaler Lautstärke. Das verfehlt die Wirkung nicht. Was jedoch vollkommen fehlt, ist jegliches Gespür für das  Geheimnishafte. Besonders am Ende, wenn Strauss den nahenden Tod und das Ende mit magischen Klangfarben heraufbeschwört, sollte ein idealer „Don Juan“ mehr Mut zum Pianissimo und zum Innehalten haben. Und zaubern. Aber vielleicht ist es das Privileg der Jugend, mit dem neuen Sportwagen erst einmal mit Vollgas über das Ziel hinauszuschießen? Jedenfalls gab es großen Jubel. Und Blumensträuße an zwei Musiker, die nach diesem Konzert in den Ruhestand gingen. Ticciati überreichte die Blumen persönlich. Es gab Umarmungen und viel Applaus vom Orchester für die scheidenden Kollgen.

Fast das Beste vom Abend war allerdings die Glühweinparty danach. Hinter der Philharmonie hatte sich ein kleiner silberner Wagen aufgestellt, mit gut sortierter Bar. Und dort verweilten etliche Konzertbesucher in der frischen Luft – ideal in Höchstinzidenzzeiten. Wenig später stieß fast das gesamte Orchester dazu und verwandelte die gepflegte Grünfläche zum Potsdamer Platz hin zu einem improvisierten Late-Night-Treffen, das ideal den Geburtstagsspirit einfing. Und zeigte, wie jung und liebenswert dieses Orchester ist. Ohne Allüren, mit Spaß dabei. Mit Kollegialität gesegnet, sowie mit Klangkultur von Weltklasse.

Dass mit Robin Ticciati auch wieder ein Weltklassedirigent als Chef dabei ist, kann man nur als Glücksfall für alle bezeichnen. Und auf seinen ersten durchschimmernden Unterhosen-Auftritt am Podium gespannt sein. Wer weiß, welche neuen Zuschauerschichten dadurch angesprochen werden, als Fanbasis für die nächsten 75 Jahre?

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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